Interview mit Prozessbeobachter: Julius Streicher als jämmerliche Figur - DER SPIEGEL
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Interview mit Prozessbeobachter Julius Streicher als jämmerliche Figur

Arno Hamburger ist Erster Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde in Nürnberg. Als Dolmetscher und Übersetzer nahm er an den Nürnberger Nachfolgeprozessen teil. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über feige Kriegsverbrecher, faire Verfahren und falsche Freisprüche.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Herr Hamburger, Sie haben zwischen Mai 1945 und Juli 1946 mehrmals Ihre Eltern in Nürnberg besucht und die Chance genutzt, einige Verhandlungstage der Hauptkriegsverbrecher-Prozesse im Gerichtssaal mitzuerleben. Welcher der Angeklagten ist Ihnen am stärksten im Gedächtnis geblieben?

Arno Hamburger: Ohne Zweifel Julius Streicher. Er hat eine ganz und gar jämmerliche Figur abgegeben, von seiner früheren Grandeur war nichts mehr vorhanden. Er saß dort, als ob er nicht bis drei zählen könnte, und hat fortwährend behauptet, dass er nie die Absicht gehabt habe, einen Juden zu töten, sondern dass er lediglich wollte, dass sie aus Deutschland verschwänden. Streicher hielt sich selbst für absolut schuldlos an dem Geschehen in Deutschland und den Verbrechen an den Juden.

SPIEGEL ONLINE: Der ehemalige Oberbefehlshaber der deutschen Kriegsmarine, Karl Dönitz, hat nach einem Gespräch mit dem Gerichtspsychologen Gilbert vermerkt, dass ihn letzten Endes keiner der Anklagepunkte beträfe und es sich dabei wohl um eine Art "typisch amerikanischen Humor" handeln müsse...

Hamburger: Dönitz war ein Rädchen im Getriebe der großdeutschen Wehrmacht und hat das, was die damaligen Führer ausgeheckt hatten, absolut vollzogen. Auch er ist im U-Boot-Krieg gegen Passagierdampfer und andere zivile Ziele vorgegangen.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie das Strafmaß von zehn Jahren Haft in seinem Fall für gerechtfertigt?

Hamburger: Darüber lässt sich philosophieren. Ich meine, das Verfahren war sehr fair, halte aber die Urteile - auch die Freisprüche - für nicht gerechtfertigt. Ohne die dort Angeklagten wäre es unmöglich gewesen, in Europa ein derartiges Chaos anzurichten.

SPIEGEL ONLINE: Viele der Verantwortlichen haben sich durch Flucht oder Suizid ihrer Verantwortung entzogen. Meinen Sie, dass man mit den verbliebenen Angeklagten pars pro toto ein Exempel hätte statuieren sollen?

Hamburger: Das kann ich nicht sagen. Ich finde aber, dass die in Nürnberg vorgebrachten Beweise gegen die Angeklagten derart erdrückend waren, dass ein Freispruch wie im Falle des Rundfunkleiters Hans Fritzsche absolut nicht gerechtfertigt war. Gerade der mit seinem großen Maul hat so viele Menschen ins Unglück gestürzt, dass er dafür hätte büßen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Rudolf Heß hat sich ja auf sein schlecht funktionierendes Gedächtnis berufen, um später zu bekennen, dass es sich dabei um eine strategische Behauptung gehandelt habe.

Hamburger: Am Anfang hat er so getan, als ob er nicht bei Sinnen wäre. Dann hat er seine Bemühungen, mit den Westalliierten eine Frieden herbeizubringen, ins Feld geführt. Dabei hat er wie viele andere in diesen Jahren einfach nur geahnt, was den Deutschen bevorstand. Nach dem Scheitern des Russlandfeldzugs im Winter 1941 gab es einen Menge Leute, die versucht haben, sich abzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Was fühlt man als jüdischer Exilant, wenn man erfährt, dass der Lagerkommandant von Auschwitz, Rudolf Höß, von der Verteidigung angehört wird, anstatt selbst auf der Anklagebank zu sitzen?

Hamburger: Ich war persönlich damals nicht anwesend, kenne aber die Aussagen von Höß. Seine Darstellung der Dinge sollte bezeugen, dass die Verantwortlichen lediglich Befehle befolgt haben - obwohl alle genau wussten, wie die Befehlskette läuft. Jeder der Angeklagten hat die Schuld immer auf jene Nazigrößen geschoben, die nicht mehr am Leben waren: Himmler, Hitler und Bormann. Das hat Göring ebenso versucht wie Keitel oder Jodl.

SPIEGEL ONLINE: Die so genannte Endlösung der Judenfrage konnte vor dem Militärgerichtshof nur dann als Verbrechen gegen die Menschlichkeit betrachtet werden, wenn es sich um ein Kriegsverbrechen im weitesten Sinne und damit um ein Vergehen ab 1939 handelte. Hat diese Tatsache dazu beigetragen, dass einige Urteile so mild ausgefallen sind?

Hamburger: Nein, das glaube ich nicht. Amerikaner und die Briten haben versucht, der Welt zu zeigen, dass sie keine Rachejustiz ausüben. Wäre es nach den Russen und zum Teil auch nach den Franzosen gegangen, wären die Urteile sicherlich anders ausgefallen.

SPIEGEL ONLINE: Der russische General Nikitschenko hat gerade bei dem Freispruch von Papens, dem reumütig auftretenden Reichs- und Vizekanzler, sein Veto eingelegt.

Hamburger: Man wollte sich fair verhalten. Gerade von Papen hat ja eine besonders makabre Rolle gespielt, denn es steht außer Frage, dass Adel und Großindustrie Hitler im Prinzip an die Macht gebracht haben, weil sie der irrigen Meinung waren, man könne die Nazis in einen Verbund der nationalen Einheit einbinden. Sie hätten wissen müssen, dass das vollkommen unmöglich war. Allein die Lektüre von Hitlers "Mein Kampf" hätte ihnen zeigen müssen, wohin der Weg geht und sie eines Besseren belehren müssen - und dieses Buch ist bereits 1923 erschienen! Im zweiten Teil des Interviews berichtet Arno Hamburger über seine Arbeit als Übersetzer bei den Nürnberger Ärzte-Prozessen, die grausamen Kälteexperimente des Doktor Rascher und die Gründe für den Gnadenerlass der Amerikaner im Jahre 1951.mehr...