Einsamkeit im Sommer: Sollte ich nicht auch gerade mit Freunden in der Sonne liegen? - DER SPIEGEL
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Ananda Klaar

meinung •Allein in den Semesterferien Sommer, Sonne, Einsamkeit

Ananda Klaar
Eine Kolumne von Ananda Klaar
Meine Kommilitonen vergnügen sich, feiern Partys, liegen in der Sonne. Ich dagegen fühle mich in den Semesterferien oft allein. Warum es vielen genauso geht – und wie es besser wird.
Druck im Sommer: »Sind meine Kommiliton:innen wohl gerade gemeinsam am See?«
Druck im Sommer: »Sind meine Kommiliton:innen wohl gerade gemeinsam am See?«

Druck im Sommer: »Sind meine Kommiliton:innen wohl gerade gemeinsam am See?«

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FG Trade / E+ / Getty Images

An den meisten Hochschulen haben in den vergangenen Wochen die Semesterferien begonnen, überall sieht man Gruppen, die gemeinsam in der Sonne liegen, picknicken, lachen und augenscheinlich eine gute Zeit haben. Wenn man allerdings selbst nicht Teil einer solchen Gruppe ist, kann das viel Druck erzeugen. Sollte ich nicht auch mit Freund:innen in der Sonne liegen? Warum habe ich noch keine Pläne fürs Wochenende? Sind alle meine Kommiliton:innen wohl gerade gemeinsam am See? Für mich bieten der Sommer und die Semesterferien den perfekten Nährboden für Einsamkeit.

Wird schon!

Mitten in der Pandemie Abitur gemacht, Traumstudienplatz nicht bekommen, trotzdem in die Unistadt gezogen: In ihrer Kolumne »Wird schon!« beschreibt Ananda Klaar, wie man trotz Dauerkrise gut ins Erwachsenenleben startet. Und die Dinge dabei vielleicht sogar besser macht als vorherige Generationen.

Ananda Klaar, geboren 2003, ist Autorin des Sachbuchs »Nehmt uns endlich ernst! Ein Aufschrei gegen die Übermacht der Alten«. Sie ist inaktives Mitglied bei den Jusos und setzt sich in der Hochschulgruppe »Students for Future« für Klimaschutz ein.

Vorlesungsfreie Zeit heißt für Studierende wie mich vor allem Hausarbeiten schreiben und für Prüfungen lernen. Jeden Tag sitze ich dafür stundenlang in der Bibliothek, recherchiere Literatur, sammle Material für meine Arbeiten oder lerne Vokabeln auswendig. Immer ist die Bibliothek brechend voll, doch meistens gehe ich allein dorthin. Wenn ich Glück habe, treffe ich zufällig Bekannte, mit denen ich die Lernpausen verbringen kann. Wenn nicht, sitze ich allein neben anderen Gruppen auf den ausladenden Stufen zur Bibliothekspforte und zähle die Minuten, bis es sich so anfühlt, als könnte ich weiterarbeiten.

Einsamkeit wird in der Wissenschaft als subjektives Empfinden beschrieben, das auftritt, wenn unsere zwischenmenschlichen Beziehungen nicht dem entsprechen, was wir uns wünschen. Das können ein:e romantische:r Partner:in sein, eine große Gruppe von Freund:innen, eine einzige Person, der man sich emotional anvertrauen kann, oder wie bei mir, Freundschaften an der Uni.

Die Einsamkeit, die mich etwa auf den Stufen der Bibliothek überkommt, ist aushaltbar, sie schränkt mich wenig ein. Denn sie überfällt mich nur ab und zu, und ich habe viele gute Freund:innen, mit denen ich dann darüber sprechen kann. Vielen anderen geht es damit deutlich schlechter als mir. In der Generation der 16- bis 30-Jährigen fühlen sich laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung zehn Prozent der Befragten sehr einsam, 35 Prozent geben an, moderat einsam zu sein. Menschen zwischen 19 und 22 Jahren fühlen sich tendenziell stärker einsam als andere. Genau das Alter, in dem viele Studierende sind.

Eigentlich sollte der Campus der Ort sein, an dem man neue Freund:innen kennenlernt

Es ist also kein Wunder, dass es selbst in einer der Lernpausen, die ich nicht allein verbringe, um Einsamkeit geht. Zufällig treffe ich zwei Freund:innen vor der Bibliothek. Die beiden erzählen, dass es ihnen ähnlich wie mir schwerfällt, Anschluss in ihrem Studium zu finden. Wie allein sie sich manchmal in Seminaren und Vorlesungen fühlen. Wie viel Überwindung es sie kostet, Kommiliton:innen auf einen Kaffee einzuladen, nur um dann zu merken, dass sich daraus keine ernsthafte Beziehung entwickelt. Wir wünschen uns alle mehr soziale Beziehungen an der Uni, Menschen, mit denen wir Pausen vom Lernen machen und abends auf ein Feierabendgetränk in den Park gehen können.

Eigentlich, so hatten wir es erwartet, sollte der Campus der Ort sein, an dem man am ehesten auf Menschen trifft und neue Freund:innen kennenlernt. Und ausgerechnet dort haben wir bisher das Gefühl, auch nach mehreren Semestern keinen richtigen Anschluss gefunden zu haben.

Aber woran liegt das? Eine der beiden hat während der Pandemie angefangen zu studieren. Ihre ersten Semester hat sie vor allem am eigenen Schreibtisch verbracht. Gemeinsame Mittagessen in der Mensa, Erstiwochen und Kennenlernveranstaltungen sind ausgefallen. Jetzt, wo ihr Studium fast schon wieder vorbei ist, findet sie es schwierig, noch neue Leute kennenzulernen.

Die Coronapandemie und die damit verbundenen politischen Entscheidungen haben aber auch weniger offensichtliche Nachwirkungen. Ich fühle mich zum Beispiel so, als hätte ich durch Corona verlernt, wie man neue soziale Kontakte knüpft. Meine Abiturprüfungen und die Sommer drumherum waren von Corona überschattet. Eigentlich hätte ich gern neue Menschen kennengelernt. Stattdessen habe ich mich immer nur mit denselben Leuten umgeben, in möglichst kleinen Kreisen, und war nie dazu gezwungen, meine Komfortzone zu verlassen.

Zeit mit Freunden kostet Geld, das viele gerade nicht übrig haben

Für viele Studierende sind sicher auch Inflation und Geldknappheit ein Grund, weshalb sie es schwierig finden, mit anderen in Kontakt zu kommen. Wer gemeinsam Dinge unternimmt, fühlt sich schnell unter Druck gesetzt, dabei Geld auszugeben. Ob es der Kaffee mit den Kommiliton:innen ist, das Bouldern am Wochenende oder der Kinobesuch am Abend – all diese Dinge kosten Geld, das viele gerade nicht übrig haben.

Die Gründe für Einsamkeit sind genauso vielfältig wie die Wege aus ihr heraus. Nach dem Umzug an meinen Studienort Leipzig haben mir ein paar Taktiken geholfen, neue Freundschaften zu knüpfen. Darüber habe ich schon mal in dieser Kolumne geschrieben.

Auch, wenn es nicht unsere Schuld ist, dass wir uns einsam fühlen, können wir uns selbst helfen. Für mich war eine wichtige Erkenntnis: Für Einsamkeit sollte man sich nicht schämen. Sondern darüber sprechen. Die Chance ist groß, dass das Gegenüber sich genauso fühlt. Und das ist vielleicht schon der erste Schritt aus der Einsamkeit heraus.