O-Woche an der Uni: In der klassischen Erstiwoche läuft einiges falsch - DER SPIEGEL
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Ananda Klaar

meinung •Orientierungswoche an Hochschulen Raus aus der Uniblase

Ananda Klaar
Eine Kolumne von Ananda Klaar
Bevor es für mich und alle anderen Studienanfänger in die erste Vorlesung geht, sollen wir Hochschule und Kommilitonen kennenlernen. Doch in der klassischen »Erstiwoche« läuft einiges falsch.

Eigentlich freue ich mich auf meinen Studienanfang. Nach meinem Gap Year geht es einen Schritt weiter, ich studiere mit Ethnologie ein Fach, für das ich mich wirklich interessiere, lerne endlich das Unileben kennen – und viele neue Leute. Damit Erstsemestern wie mir der Start leichter fällt, gibt es auch hier in Leipzig eine Einführungswoche, kurz Erstiwoche. Doch gerade die löst gemischte Gefühle in mir aus.

Wird schon!

Mitten in der Pandemie Abitur gemacht, Traumstudienplatz nicht bekommen, trotzdem in die Unistadt gezogen: In ihrer Kolumne »Wird schon!« beschreibt Ananda Klaar, wie man trotz Dauerkrise gut ins Erwachsenenleben startet. Und die Dinge dabei vielleicht sogar besser macht als vorherige Generationen.

Ananda Klaar, geboren 2003, ist Autorin des Sachbuchs »Nehmt uns endlich ernst! Ein Aufschrei gegen die Übermacht der Alten«. Sie ist inaktives Mitglied bei den Jusos und setzt sich in der Hochschulgruppe »Students for Future« für Klimaschutz ein.

In der Schule war mein Freundeskreis bunt gemischt: Wir hatten unterschiedliche Interessen, soziale Hintergründe und Stärken. Obwohl man an einem Gymnasium eher elitäre Kreise erwarten kann, fand ich meine Freundesgruppe erstaunlich divers. Gemeinsam haben wir uns politisiert, viel diskutiert oder sind zusammen aktivistisch tätig geworden. Auch der Freundeskreis, den ich in meinem Gap Year bereits kennengelernt habe, ist zum Glück recht bunt gemischt aus verschiedenen Studiengängen, Altersgruppen und Herkunftsorten. Wir führen spannende Gespräche, sie bringen mich auf neue Ideen und stellen auch mal meine Meinung infrage. Genau das erhoffe ich mir von neuen Freundschaften an der Uni auch.

Doch von meinen Freund:innen aus höheren Semestern weiß ich, dass damit jetzt Schluss sein könnte. Auch außerhalb der Seminarräume und Vorlesungssäle bleiben die verschiedenen Studienfächer häufig unter sich. So geht es bei einem Teil meiner Freund:innen auch auf WG-Partys ständig um Elektrotechnik. Jurist:innen hört man nachmittags im Park über Vertragsabschlüsse fachsimpeln. Politikwissenschaftler:innen diskutieren in der Mensa über Ungerechtigkeiten und gehen danach gemeinsam auf eine Demo.

Gemeinsame Interessen haben die Studierenden zu ihrem Fach geführt, dort sorgen sie dafür, dass sie immer weiter zusammenwachsen. Damit drehen sie sich vor allem um sich selbst und die Ansichten, die sie ohnehin schon haben. Und nach der Uni wird es im Arbeitsleben noch schwerer, Leute kennenzulernen, die etwas ganz anderes machen als man selbst.

In diese Blase, die nur noch aus Ähnlich- oder Gleichgesinnten besteht, will ich gar nicht erst geraten. Deshalb gehe ich die Erstiwoche anders an als die meisten Studienanfänger:innen. Ich möchte mich auch unter Leute aus anderen Fächern mischen.

Angst vor einer zu homogenen Gruppe

Die Erstiwoche, je nach Uni auch Orientierungsphase oder O-Woche genannt, findet in der Regel vor dem offiziellen Vorlesungsbeginn statt. Jede Fakultät organisiert Veranstaltungen, bei denen die Erstsemester die Hochschule und ihre Kommiliton:innen kennenlernen können. Damit nicht bald mein ganzer Freundeskreis aus Ethnologiestudierenden besteht, habe ich beschlossen, auch Veranstaltungen von anderen Fakultäten zu besuchen.

In meinem Leipziger Freundeskreis fand ich in einem Informatikstudenten und einer seiner Bekannten, einer Physikstudentin, gleich zwei Leute, die sich für den Plan begeisterten. Die Mischung unserer Fächer verspricht ein recht unterschiedliches Publikum.

Würden wir nur an unseren eigenen Fakultäten bleiben, hätten wir vor allem Angst vor einer zu homogenen Gruppe. Natürlich studieren Physik nicht nur introvertierte Nerds, Informatik nicht nur computerabhängige Gamer und Ethnologie nicht nur barfüßige Hippies. Doch zumindest eine kleine Wahrheit steckt schon in diesen plumpen Stereotypen – die Interessen, der Kleidungsstil und sogar die politische Haltung ähneln sich innerhalb eines Studiengangs zumindest häufig. Wir selbst sind da sicherlich keine Ausnahme.

Aus den Veranstaltungen aller Erstiwochen wählten wir also einige aus, die wir gemeinsam besuchen wollen: etwa eine historische Stadtführung von meiner Fakultät für Geschichte, Kunst und Regionalwissenschaften, einen Filmabend vom Institut für Theaterwissenschaften oder ein Kneipenquiz vom Uni-Radiosender.

Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, als eine von wenigen nüchtern bleiben zu wollen.

Mit vielen der klassischen Programmpunkte in der Erstiwoche kann ich nur wenig anfangen. Zumindest nicht mit der Vorstellung, an einem fünftägigen Dauerbesäufnis teilzunehmen. Bei der »Tour durchs Leipziger Nachtleben«, beim »gemeinsamen Bier am Mendelssohn-Ufer« oder der »Kneipentour« geht es vor allem um Alkohol. Den mochte ich schon zu meiner Abizeit nicht, während manche meiner Klassenkamerad:innen damit angaben, wie viel sie am letzten Wochenende getrunken hatten. Trotzdem habe ich mich entschieden, auch zu den alkoholhaltigen Terminen der Erstiwoche zu gehen. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, als eine von wenigen nüchtern bleiben zu wollen. Ich finde es in Ordnung, wenn andere um mich herum trinken, solange sie meine Ablehnungshaltung respektieren. Ich will schließlich nicht nur Menschen treffen, die genauso sind wie ich.

Nicht alle Erstsemester hatten wie ich das Privileg, schon vor dem Studienstart einen Freundeskreis zu finden. Doch man kann sich auch allein trauen, zu den Veranstaltungen an fremden Fakultäten zu gehen. So hat es etwa eine Freundin gemacht, die mit niemandem aus ihrem Studienfach Ethnologie warm geworden war. Sie ging dann aus Neugier zu einer Veranstaltung der Fakultät für Rechtswissenschaften und lernte dort eine ihrer engsten Freundinnen kennen.

Für manches braucht man Gleichgesinnte

Einen Ort gibt es dann doch, an dem ich vor allem nach Gleichgesinnten suche. Neben dem offiziellen Erstiwochen-Programm der Hochschulen gibt es in meiner Studienstadt Leipzig auch noch die sogenannten kritischen Einführungswochen. Das ist ein Angebot linker Gruppen, die den Campus politischer machen wollen. Dort werde ich etwa Veranstaltungen zu Asylrecht, Feminismus und zur Klimakrise besuchen. Denn gerade in einem Land wie Sachsen, wo die AfD laut Wahlumfragen momentan die stärkste Kraft wäre, braucht es eine organisierte Gegenbewegung. Und für die braucht es Verbündete. Zumindest kommen die Studierenden dabei aus allen möglichen Fachrichtungen.

Jetzt, wo der Studienstart bevorsteht, habe ich Tausende Gründe, aufgeregt zu sein. Wie sich mein Freundeskreis entwickeln wird, macht mich dank meines Plans für die Erstiwoche nicht mehr ganz so nervös. Der Studienbeginn ist die perfekte Gelegenheit, aus der eigenen Blase auszubrechen – oder gar nicht erst dort zu landen.