Wenn es nur halb so gut schmeckt, wie die bunten Zutaten versprechen, haben wir bereits gewonnen
Foto: Sebastian Maas / DER SPIEGELKochen ohne Kohle Cremiges Dal Tadka mit selbst gebackenem Naan-Brot – für weniger als zwei Euro
Bafög oder Azubigehalt sind schon wieder fast aufgebraucht? Der Obstkorb beim unbezahlten Agenturpraktikum war geräubert? Und bitte nicht schon wieder Pizzatoast? Alles kein Problem: In dieser Kolumne zeigt SPIEGEL-Redakteur und Hobbykoch Sebastian Maas, wie man trotz Flaute auf dem Konto leckere und besondere Gerichte zaubern kann. Dabei gibt es nur zwei Regeln:
Eine Portion darf maximal so viel kosten wie ein Essen in der Mensa, also drei Euro.
Teure Spezialgeräte sind tabu.
Kurz vor dem großen Corona-Sommer wurde ich von Freunden zu einer Van-Umbau-Party im Freien eingeladen – der bildungsbürgerlichen Millennial-Variante von »Kannst du mir beim Umzug helfen?«. Weil ich nicht einmal genau weiß, an welchem Ende man einen Hammer anfasst, sagte ich unter einer Bedingung zu: Ich werde nicht an der Säge oder anderen Todesapparaten eingesetzt, sondern darf für die Kompanie der Helfenden kochen.
Nur was tischt man einer schwer arbeitenden Truppe auf, in der man die Hälfte der Menschen noch nicht einmal kennt? Etwas, das verschwitzte Handwerkerinnen ebenso zufriedenstellt wie weniger verschwitzte Geisteswissenschaftler, die keine Ausrede hatten? Etwas, das Veganer und Laktoseintolerante vertragen und eingefleischten Karnivoren trotzdem schmeckt?
Ganz einfach: dampfendes, wärmendes, aromatisches Dal Tadka.
Dal, ein Linsengericht aus dem indisch-pakistanischen Raum, ist nicht nur supereinfach zu kochen, sondern auch extrem günstig und variabel. Man kann es ohne großen Aufwand für sehr viele Esser (oder mehrere Tage) vorkochen. Es gibt unzählige Varianten, was im Umkehrschluss bedeutet, dass man eigentlich nichts falsch machen kann – irgendwo wird es sicher genau in dieser Version so gemacht.
Meine Variante mit roten Linsen, Tomaten und der in Öl zum Leben erweckten Gewürzmischung liefert Proteine ohne Ende, steht in nur 30 Minuten auf dem Tisch und liegt nicht schwer im Magen. Als Beilage könnte man Reis servieren, aber weil das Rezept so einfach ist (und ich Reis IMMER zerkoche) zeige ich lieber, wie man ein schnelles und fluffiges Fünf-Minuten-Naan dazu macht.
Linsen, Zwiebeln, Tomaten und Ingwer sind extrem günstig. Bei den Gewürzen kann man kreativ werden und Reste aufbrauchen – oder zu fertigem Currypulver greifen.
Foto: Sebastian Maas / DER SPIEGELEinkaufsliste für zwei Personen
Für das Dal:
250 Gramm rote Linsen
500 Milliliter Wasser oder Brühe
zwei Hände voll reifer Tomaten (alternativ gingen auch welche aus der Dose oder sogar passierte)
zwei kleine Zwiebeln
zwei oder drei Zehen Knoblauch
ein mindestens daumengroßes Stück Ingwer
2 Esslöffel indische Gewürze (zum Beispiel Garam Masala, Curry oder eigene Mischung – dazu unten mehr!)
Für vier kleine Naan-Brote:
150 Gramm Weizenmehl
75 Gramm Soja- oder Naturjoghurt
1/2 Teelöffel Salz
1/2 Teelöffel Backpulver
Optional zum Servieren: Minze, Limette
Was kostet das? Für das Basisrezept werden nicht mal zwei Euro pro Person fällig. Wer in Sachen Gewürze aufrüsten will, dem sind keine Grenzen gesetzt.
Wie lange dauert das? Etwa 30 Minuten
Die Brote müssen nicht perfekt aussehen, nur etwa gleich hoch sein
Foto: Sebastian Maas / DER SPIEGELSo macht man Dal Tadka und schnelles Naan
Die Linsen in einem Sieb oder in ihrem Topf abspülen, bis das Wasser klar ist. Dann mit einem halben Liter leicht gesalzenem Wasser oder Brühe zum Köcheln bringen. Die Tomaten waschen, grob hacken und zu den Linsen geben. Abgedeckt bei niedriger Flamme köcheln lassen und regelmäßig umrühren.
Tadka ist der Name für eine Methode, bei der Gewürze in Fett erhitzt werden, um ihren Geschmack zu intensivieren. Der Trick liegt in diesem Gericht also darin, dass die Gewürze und aromatischen Geschmacksträger nicht mit den Linsen zusammen gekocht werden, bis sie ihren Geschmack verlieren. Stattdessen brät man sie separat in einigen Löffeln Ghee, Butter oder anderem Fett an. So werden die ätherischen Öle der Gewürze hervor gekitzelt und verstärkt. Die Gewürz-Masse hebt man erst direkt vor dem Servieren unter die Linsen (oder die Suppe, den Eintopf, das Curry...).
Je nach Region wird diese Methode der Zubereitung auch Tarka, Chouk oder Bagar genannt , im englischsprachigen Raum sagt man »blooming« dazu. In Indien gibt es dafür eigene, kleine Pfännchen , so groß wie eine Suppenkelle.
Für das Naan Mehl mit Salz und Backpulver vermengen und dann mit dem Joghurt in einer Schüssel zu einem zähen, nicht mehr komplett klumpigen Teig verrühren. Ich mache die Vorarbeit mit einer Gabel und knete dann erst mit den Händen, dann klebt es nicht so stark. Ist der Teig zu flüssig? Dann noch etwas Mehl dazugeben. Ist er zu fest? Statt Mehl löffelweise Wasser dazugeben.
Den Teig in vier Kugeln aufteilen und diese mit der Hand oder einer Flasche platt drücken. Je ungleichmäßiger, desto schöner! Geometrische Industriebrote hätte man ja kaufen können. Eine Pfanne auf mittlere Hitze stellen und die Teigfladen ohne Öl pro Seite für etwa zweieinhalb Minuten aufbacken. Wenn sie schöne bräunliche Spots zeigen und nicht mehr weiter aufgehen, sind sie fertig.
Zwiebeln, Knoblauch, Ingwer und die trockenen Gewürze kommen alle zusammen ins heiße Öl
Foto: Sebastian Maas / DER SPIEGELErbsen, Bohnen, Linsen
Nun das Tadka, also die Geschmacksbomben der Wahl, vorbereiten. Ich entscheide mich für gehackte Zwiebeln, Knoblauch und Ingwer, dazu eine Mischung aus allem, was mein Gewürzregal dank Glühweinkochen an Weihnachten und ambitionierter Ottolenghi-Experimente zu bieten hat: Koriandersaat, Kreuzkümmel, Bockshornklee, Nelke und Sternanis, Senfsaat und Kardamom – alles grob zerstoßen.
Ein Tipp für Leserin Andrea, die mich vor einigen Monaten bereits per E-Mail nach einem Tipp fragte, damit ihr nach dem Zubereiten von Hülsenfrüchten nicht mehr »die Spatzen aus dem Arsch fliegen«: Ingwer und Anis passen nicht nur zu den Linsen, sie steigern auch deren Verdaulichkeit enorm.
Statt der aufwendig selbst gemörserten Gewürze könnte ich auch eine fertige Garam-Masala- oder Currymischung aus dem Supermarkt nehmen, das ist überhaupt keine Schande. Am Ende ist fast dasselbe darin. Extra für ein Dal würde ich mir auch keine teuren Gewürze kaufen – es ist für mich ein bescheidenes Gericht, das auf Basis meiner Gewürzreste jedes Mal etwas anders schmecken darf. Wichtig ist in jedem Fall, dass man nicht zu sparsam würzt. Pro Person sollte es ein anständiger Esslöffel der trockenen Gewürze sein, die Linsen schlucken nämlich eine Menge des Geschmacks und Aromas. Bei sehr alten Gewürzmischungen muss man weiter nach oben skalieren, weil sie wie Politiker mit der Zeit ihren Charakter verlieren.
In einem kleinen Topf oder einer kleinen Pfanne eine selbstbewusste Menge Öl (oder Ghee, Butter, Margarine) erhitzen und die Geschmacksträger allesamt unter Rühren frittieren. Der Geruch soll die Nachbarn neidisch machen! Oder wütend, je nachdem, in was für einem Viertel man wohnt. Sind die Zwiebeln glasig, kann die Hitze abgestellt werden.
Der für das Naan-Brot geöffnete Joghurtbecher lässt sich beim Anrichten hervorragend weiterverwerten
Foto: Sebastian Maas / DER SPIEGELFertig!
Insgesamt sollten die Linsen 25 bis 30 Minuten köcheln. Sind sie zu einer einheitlichen Masse geworden, kann serviert werden. Die aromatische Tadka-Mischung dafür mit einem Löffel unter die Linsen heben und dann alles auf Tellern anrichten.
Wer mag, gibt noch etwas Joghurt dazu – den musste man für die Naan-Brote ja sowieso anbrechen. Dazu passen auch Limette und Minze, aber selbst ohne darf man sich über ein tolles Gericht freuen, dessen Gewürze noch Stunden später auf der Zunge tanzen.
Ich wünsche guten Appetit!
Haben Sie das Rezept nachgekocht? Oder kennen Sie tolle Gerichte, die wenig Geld kosten? Schreiben Sie mir – oder schicken Sie mir ein Bild davon!