Sexsymbol gesucht: Hollywoods Männerproblem
Hollywoods Männerbild "Benedict Cumberbatch sieht aus wie ein Otter..."
Seit vielen Jahren schon leben Christine Kruttschnitt und Brigitte Steinmetz in Los Angeles und berichten für große deutschsprachige Magazine über Hollywood und das Leben in Kalifornien. Die beiden haben noch nie einen Preis gewonnen, aber gehen regelmäßig zu den "Oscars". In unserer kleinen Serie "Happy Hour" lassen sie sich über ihren Alltag zwischen Kardashians und Kojoten aus. Und am Tag danach kann keine mehr so genau sagen, wer wen unter den Tisch geredet hat...
Christine Kruttschnitt und Brigitte Steinmetz: zwischen Kardashians und Kojoten
Foto: Chuck MasonDieses Mal treffen sich die beiden in der Rooftop-Bar des Hotels The London West Hollywood. Zu leicht bekleidete Menschen wärmen sich dort an einer Feuerstelle und an Cocktails, die nach klassischen Rock-Songs benannt sind. Die Frauen tragen Mini, die Männer Bart und Shorts. Zehn Stockwerke weiter unten, auf dem Sunset-Strip, bilden sich erste Schlangen vor Klubs wie dem Whisky a Go Go und dem Viper Room.
Na endlich! Ich habe mir schon die Zehen abgefroren. Wo warst du denn so lange?
Ich musste noch ein Erinnerungsfoto mit Tom Hiddleston machen.
Sehr seriös.
Doch nicht für mich, ist für meine 16-jährige Patentochter! Glaub mir, nichts ist mir mehr zuwider, als einen Star nach dem Interview um ein Selfie zu bitten. Der einzige, den ich mal um ein Foto anging, war Jeff Bridges, und das hat er selbst geschossen. Ich bin weit davon entfernt, ein Hiddlestoner zu sein.
Brigitte Steinmetz mit Jeff Bridges
Foto: Brigitte SteinmetzLass mich raten, so nennt man Mädchen wie Taylor Swift, die mit ihm am Strand poussieren.
Nein, so nennt man Mädchen, die gern Taylor Swift wären, wenn die mit ihm am Strand poussiert. Er ist nun mal gerade Internet's Boyfriend.
Internet's Boyfriend?! Ich dachte immer, das Internet sei promisk.
Das sagt Oscar Isaac auch. Der war letztes Jahr dran.
Der Kleine aus "Star Wars"?
Ein reizender Junge, knuddelig. Und dabei ein so schönes, männliches Gesicht. Als er von seinem Glück als "Internet's Boyfriend" erfuhr, sagte er: Ich hatte keine Ahnung, dass man im Internet auf monogame Beziehungen steht. Süß, nicht?
(Kellner, in Shorts mit Schürze, schüttelt die Kissen am Feuer auf): Sprechen Sie von mir?
Haha! Hören Sie zu: "Internet's Boyfriend" ist eine Fantasiegestalt. Der Mann unserer Träume. Die Projektionsfläche all unserer Wünsche und Sehnsüchte, wir teilen ihn auf Tumblr und Twitter. Wobei er nicht zu sexy sein darf, damit wir ihn für uns reklamieren können. So ist Oscar Isaac eigentlich viel zu kurz, Tom Hiddleston ein Hibbel, und Benedict Cumberbatch sieht aus wie ein Otter...
Wie bitte? Benedict Cumberbatch ein Otter?
Foto: AP/Invision(Kellner, ratlos): Wie kann ich Ihnen helfen?
Zwei Ruby Tuesday, bitte.
(Kellner): Ah, unser Caipirinha mit Grapefruitsaft und Chili!
Kein Rosé?
Mir ist so nach Mick Jagger. Das war noch ein richtiges Sexsymbol.
Der hatte auch keine Konkurrenz aus dem Internet. Es war noch ein halbes Jahrhundert lang nicht erfunden.
In der Tat, den musste man sich aus "Bravo" als Starschnitt mit der Schere herunterladen. Wer hing bei dir überm Bett?
Die Bay City Rollers.
Aufgetischt: Cocktails benannt nach klassischen Rock-Songs, serviert auf Plastiktischchen und in dem, was man in Hollywood für einen englischen Garten hält.
Aufgelaufen: Bartträger und Kellner in Shorts, Hollywood-Schönheiten im Minikleid.
Website von The London West Hollywood
Maria Mutter Gottes. Hoffentlich kommen die Drinks beizeiten.
Na komm, ich war jung und brauchte kein Geld. Die Jugend von heute hat auch keinen wölfischeren Geschmack. Im Vokabular der Truppe, die demnächst ins Weiße Haus zieht, würde ich sagen: alles Betas.
Verstehe, du hast dir das ABC der neuen Rechten reingezogen. Trump gleich Alpha, das Leittier der "Dunklen Erleuchtung".
Sexsymbol gesucht: Hollywoods Männerproblem
Aaaaah, jetzt redest du wie ein Show-Runner von "Game of Thrones", meiner Lieblingsshow, ich bin latent erregt...
Du weißt, ich schaue mir das nicht an. Da spielen Zombies mit, please.
Du wieder mit deinen Vorurteilen! Zombies sind doch auch nur Menschen - gewesen. Wusstest du, dass man in Neusprech jetzt von "Biodiversität" redet?
Wenn man Menschen auf ihre Rasse reduzieren will? Charmant.
Du bist schnell - ich brauchte eine Weile, bis ich kapiert habe, dass ein "fashy haircut" nix mit Fashion, sondern mit Faschismus zu tun hat.
Hör auf, lass uns bitte wieder über sexy Männer reden. Erwähnte ich, dass Tom Hiddleston mich zum Abschied küsste? Er roch sensationell.
Ich beneide dich glühend - du findest Boyfriends im Internet, und ich stoße ständig auf diesen Breitbart-Dickwanst, der aussieht, als könnte er Mick Jagger mit einem Furz von der Bühne fegen.
Steve Bannon
Foto: Chip Somodevilla / AFPTja, Steve Bannon und Co., das sind die neuen Maskulinisten.
(Kellner stellt zwei orangefarbene Drinks im Plastikteller auf den Couchtisch): Immer noch bei Traummännern, die Damen?
Sie erinnern mich an Zac Efron.
(Kellner, erfreut): Tatsächlich? So sexy?
Der ist auch gern im falschen Film.
Sei nicht so garstig. Ich glaube, Hollywood weiß nicht mehr, wen sie uns als Leading Man aufbinden sollen, weil die Männer selbst nicht wissen, wohin mit sich.
Oooch, sag bloß, ist der arme alte Boys Club etwa verwirrt von all den Weibern, die plötzlich nach gleicher Bezahlung keifen? Und die unter Emanzipation mehr verstehen, als dass sie in Sexszenen oben liegen dürfen?
Du weißt doch, Emanzipation ist in Hollywood abtörnender als Untertitel. Übrigens ist "Be a Man" das Grausamste, was man einem Jungen einbläuen kann. Und jetzt rate mal, wer das gesagt hat.
David Beckham, als er uns anleitete, Conditioner vor dem Haarewaschen aufzutragen?
Nein, Arnolds Ex, Mariah Shriver. Die hält neuerdings Vorträge über die Krise der Maskulinität. Es gibt diese Studie, nach der immer weniger junge Männer studieren - sie sitzen lieber zu Hause und spielen "Warcraft", während immer mehr Studentinnen die Unis bevölkern. Die Jungs melden sich nicht mal mehr arbeitslos. Frau Schwarzenegger kämpft gegen die Memmenisierung, und das ganz ohne Anabolika.
Respekt. Und ich dachte, die "DUDES" von der Redlands University seien die Pioniere auf der Suche nach der verlorenen Männlichkeit. Die studieren Vin Diesel.
Bitte? Der ist doch auch eine Produktenttäuschung im wahren Leben.
Ach ne! Musst du mir gleich erzählen. Nein, "DUDES" nennt sich ein echtes Seminar für junge Männer in der Sinnkrise.
Das ist bestimmt ein schickes Akronym...
...für: Dudes Understanding Diversity and Ending Stereotypes. Typen verwirrt, aber voll guter Absichten. Und Lehrstoff ist eben Vin Diesel: Es wird untersucht, ob es möglich ist, einem wie ihm nachzueifern und trotzdem auf Kindergärtner zu lernen.
Das würde mich allerdings auch überfordern.
Und wie war das mit Vin Diesel?
Ach, er ist schon, wie man ihn sich vorstellt. Tonlage wie ein Blauwal, Gliedmaßen wie Flaschenkürbisse. Nur etwas zu besessen von seinen Facebook-Likes for my liking. Das hat so was... Weibisches.
Deshalb muss er ständig Auto fahren, glaube ich. Hirscheln am Steuer gilt weiterhin als viril. Aber wenn ich dann wieder an Steve McQueen oder Paul Newman denke...
(blicken seufzend zur Feuerstelle, wo zwei Vollbartträger den Strohhalmen ihrer Drinks gurgelnde Geräusche entlocken)
Da brauche ich doch gleich noch einen Mick-Jagger-Cocktail. Gibt's "You Can't Always Get What You Want"?
Neulich habe ich "Tarzan" gesehen. Das war doch früher so ein Gorilla!
Aber lieb. Und?
In der neuen Version sieht er aus wie der Personal Trainer von Jane, voll edel ziseliert und ohne den geringsten Urwald auf der Brust. Mein Verdacht ist, dass wir das toll finden sollen, weil er halt nicht so haart.
Alexander Skarsgard als Tarzan
Foto: DPA/ Warner Bros.Für Hiddleston haben sie "King Kong" wiederbelebt, er kam auch gerade frisch aus dem Busch.
Also, jetzt echt nicht wegen PETA und so, aber: Das wird nix. Typen wie er sollen mit Shakespeare-Monologen kämpfen, aber doch nicht mit Mutter Natur. Das ist doch kein Held.
(gurgeln in ihren leeren Cocktailgläsern. Kurzer Sichtkontakt mit den Vollbärten. Prompt senken alle ihre Blicke ins Feuer)
Feuerwehrmänner sind die letzten Helden .
Hört, hört.
Meine Nachbarin ruft sie ständig. Wenn sie Grillfeuer riecht. Wenn eine Schlange im Garten ist. Wenn sie sich ausgesperrt hat. Dann kommt der große rote Wagen, und fünf Hünen eilen die Stufen hoch. Als ich sie mal wegen Verschwendung von Steuergeldern zur Rede gestellt habe, hauchte sie nur: Aber dafür sind sie doch da.
Ja, dagegen sind Metrosexuelle echt bloß ein Strohfeuer. Wie findest du eigentlich den "Sexiest Man Alive"?
Aaah, warte, hab ich doch hier in der Tasche...
Lass stecken. "People" hat erklärt: Dwayne Johnson isses.
Naja, immerhin ist er gebaut wie ein richtiger Kerl.
Ach ja, wo sollen die denn wohnen? Ich habe The Rock mal morgens um zwei an der North Shore von Oahu interviewt. Ein warmer Tropenregen durchfeuchtete uns, er lehnte oben ohne gegen ein lianenumkränztes Gerüst, von dem er sich kurz zuvor heruntergeschwungen hatte.
Das klingt wie ein Fiebertraum.
Worauf ich hinauswill: Alle Vorzeichen stimmten, und dennoch empfand ich nicht mehr als für einen hübschen Kiesel.
Man kann seine Reize in drei Worten zusammenfassen: "Sweet, smart and sculpted". So steht's hier auf dem "People"-Cover.
Ich weiß, was sie meinen. Er ist der Mann der Zukunft. Von undefinierbarer Rasse, undefinierbarem Alter, undefinierbarer Intelligenz. Der Posterboy der Biodiversität.
Und worauf trinken wir jetzt?
Auf King Kong.