Umgebaute Scheune im Chiemgau Stadel verpflichtet
Scheunenfund mal anders: Für ihr Wochenendhaus am Chiemsee baute die Münchner Architektin Stephanie Thatenhorst das Heulager auf dem Bauernhof ihrer Familie um zu einem Refugium, in das sie flüchten kann aus dem Grau des Alltags. Die 200 Quadratmeter Grundfläche mit acht Metern Deckenhöhe boten gute Voraussetzungen für einen Ausbau, der dem Gebäude einen neuen Zweck geben und dabei so wenig wie möglich an der bestehenden Substanz verändern sollte.
Einzig Dämmmaterial und größere Fenster mussten in die Wände eingesetzt werden, der Estrichboden ist ebenfalls frisch. Ansonsten wurden viele Elemente des alten Wirtschaftsgebäudes erhalten: die Holzverkleidung mit der schönen graubraunen Patina und die massiven Dachbalken. Die alten Bodendielen sind nun eine Treppe zu den Schlafräumen.
Die Türen sind neu, hängen im Obergeschoss aber an Rollschienen. Eine Verneigung vor der ehemaligen Nutzung des Gebäudes, das 120 Jahre als Scheune gedient hatte. Die Wände ließ Thatenhorst mit dunkelgrauem Ton verputzen. Damit die Wandfarbe einem nicht das Gemüt verdunkelt, platzierte die Architektin vereinzelte, aber dafür umso kräftigere Farbakzente im Wohnraum.
Minimalistisches Design, viel Holz: Außen Scheune, innen Lounge
Das Sofa ist mit salbeigrünem Samt bezogen, davor liegt ein rosa Teppich, auf dem stehen ein orangefarbener Lacktisch und zwei Sessel im Windsorstil. Auch das Ulmenholz der offenen Küche gibt einen schönen Kontrast zu den dunklen Wänden. Mit ihrer langgezogenen Arbeitsinsel gibt sie dem großen Raum Struktur und grenzt den Wohn- vom Kochbereich ab.
Zwischen Küche und Sofa stellte Thatenhorst einen runden Esstisch, um den herum sie acht Superleggera-Stühle platzierte. Die Designklassiker von Gio Ponti und eine große Hängelampe aus Stahl- und Messingrohren bringen Glamour in die Essecke. Messing kam auch in Küche und Bad zum Einsatz, wo das Wasser aus Messingarmaturen fließt. Durch die schwarzen Waschbecken stechen sie besonders ins Auge.
Geschlafen wird nicht im Stroh wie früher, sondern unter dem Dach. Hier finden sich ein Kinderzimmer für die beiden Söhne der Familie und das große Elternschlafzimmer mit der freistehenden Badewanne vor dem Ehebett als Highlight. Es gibt im Schlafzimmer außerdem noch eine ebenerdige Dusche und einen begehbaren Kleiderschrank. Die Jungs haben ihr eigenes Bad.
Kinder begeistern sich aber weniger für Nasszellen, sie lieben kleine "Höhlen" zum Sich-Verkrümeln. Im Kinderzimmer erfüllt diese Funktion ein Bereich unter dem Hochbett. Hier ist Platz für Spielzeuge, Bücher und Krimskrams. Erklommen wird die Schlafstätte über eine Poolleiter. Das sieht cool aus und keinesfalls nach Schwimmbad, weil die Edelstahlleiter nicht hochglanzpoliert ist, sondern stahlblau schimmert. Grafisch gemusterte Teppiche vor den Betten lockern das Ganze auf. Als Nachttisch reicht ein Schemel.
Dieses Einrichtungskonzept mit seiner Mischung aus Alpenflair und modernem Design überzeugte die Expertenjury des "Best of Interior"-Preises für Innenarchitektur: "Das Chiemgau trifft in dieser Scheune auf die große, weite Designwelt. Mit mehr Gefühl für die Umgebung, die eigene Heimat und zeitgenössische Gestaltung kann man kaum einrichten", schreibt sie in ihrer Begründung für den ersten Preis. Dem ist nichts hinzuzufügen.