Tod auf der Landstraße - DER SPIEGEL
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Tod auf der Landstraße

Warum wir diese Geschichte erzählen

Ein Spätnachmittag Ende November 2023, es ist schon dunkel. Ich sitze im Auto und fahre auf der Landstraße in den Nachbarort, meine Tochter will eine Freundin besuchen. Plötzlich halten die Fahrzeuge vor uns an. Auch nach Minuten geht es nicht weiter, niemand kommt uns mehr entgegen. In der Ferne sehen wir Warnblinker, das Blaulicht eines Polizeiautos. Dann rasen Feuerwehr, Notarzt und Rettungswagen heran.

Später erfahren wir: Dort ist eine Frau gestorben, sie wollte nur kurz etwas erledigen, ein paar Tage vor dem ersten Advent. Für die Familie, für Freunde und Bekannte ist jetzt nichts mehr, wie es war.

Auf deutschen Landstraßen sterben im Schnitt jeden Tag vier Menschen. Die Trassen sind mit Abstand die tödlichsten Verkehrswege. Ich lebe auf dem Land; hier kennt jeder irgendwen, der auf einer Landstraße jemanden verloren hat.

Ich weiß, wo hier die Unfallkreuze am Straßenrand stehen. Ich sehe, wenn wieder ein neues dazugekommen ist. Der Tod an der Landstraße ist für mich so alltäglich, dass ich ihn einfach hinnehme. Manchmal kommt er aber besonders nah: Ein Lehrer kehrt nach den Sommerferien nicht zurück an die Schule, er starb auf der Landstraße. Ein Gast erscheint nicht zu einer Feier von Bekannten, weil er auf dem Weg dorthin beim Überholen tödlich verunglückt ist. Eine Tochter kommt nie mehr nach Hause zurück von einem Abend mit Freunden, weil ihre Fahrt jäh an einem Baum endete.

Wie normal für mich dieses Sterben geworden war, ist mir erst klar geworden, als ich mit Kollegen darüber sprach. Daraus entstand die Idee, den Schrecken zu beleuchten, den ich sonst oft verdränge. Mein Kollege Lukas Kissel, zuständig für Themen aus der Welt des Straßenverkehrs, und ich haben mit Verunglückten und betroffenen Familien gesprochen, mit Rettern, Helfern und Forschenden. Darüber, wie man weitermacht nach so einem Unglück. Und wir wollten wissen: Was müsste passieren, um das Sterben zu stoppen?

Es gibt verkehrspolitische Möglichkeiten, die Landstraßen weniger mörderisch zu machen. Ein strenges Tempolimit für Landstraßen wäre die wirksamste, aber sie wird wohl nie kommen. Und am Ende sitzen eben immer Menschen im Steuer. Menschen, die an der falschen Stelle zum Überholen ausscheren oder beim Fahren aufs Handy schauen. Junge Erwachsene, die viel zu schnell fahren, mit oder ohne Alkohol im Blut.

Trotzdem fahren wir weiter jeden Tag auf Landstraßen umher, auch die Angehörigen der Unfallopfer aus diesem Text tun das, es geht ja nicht anders.

Wir lassen unsere Teenager-Kinder bei Freunden ins Auto steigen.

»Fahr vorsichtig«, sagen wir, und hoffen, dass es gut geht.

Julia Koch

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