Lehramtsstudenten simulieren Unterricht: "Eine echt krasse Rolle"
Lehrerausbildung Wenn Kevin nervt
Kevin, 14, pöbelt, Kevin passt nicht auf, Kevin streitet mit Martin, dem Klassenstreber. "Tschüss, Herr Schulz!", ruft Kevin schließlich laut in die Klasse. Lehrer Schulz startet einen letzten Versuch, seine Autorität wiederherzustellen: "Die Stunde ist rum, wenn ich das sage!" Zum Glück klingelt es jetzt.
Was viele Lehrer aus dem Klassenzimmer kennen, ist in diesem Fall nur gespielt: 40 Lehramtsstudenten simulieren einen Tag lang am Psychologischen Institut der Universität Mainz den Ernstfall. Sie schlüpfen in vorgegebene Rollen. Besonders bei jenen, die via Los den Klassendompteur gezogen haben, ist die Anspannung zu spüren. "Ich soll doch immer motiviert sein - aber das ging irgendwann nicht mehr", räumt Lehrer Schulz nach dem Zusammenprall mit Kevin ein.
Damit geht es ihm im Planspiel wie vielen Jungpädagogen in der Realität. Laut einer Studie vom Institut für Demoskopie Allensbach aus dem vergangenen Jahr fühlt sich jeder zweite Lehrer durch das Studium auf die Berufspraxis nur unzureichend vorbereitet, jeder fünfte empfindet den Wechsel von der Uni zur Schule gar als Praxisschock.
Länder haben Studiengänge schon verändert
Dabei ist dieses Problem eigentlich längst erkannt. Viele Bundesländer haben ihre Studiengänge schon verändert: So hat Baden-Württemberg 2001 ein Praxissemester eingeführt - aber gleichzeitig das Referendariat verkürzt. "Fatal", nennt das der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands, Heinz-Peter Meidinger. "Die Leute werden im Praxissemester oft nur als billige Arbeitskraft im Unterricht eingesetzt." Verglichen mit der Lehrerausbildung vor 20 Jahren gebe es zwar heute mehr Praxis, sagt Meidinger: "Aber dieses Mehr hat leider nicht viel bewirkt."
Dass soll nun wieder mal anders werden: Im April haben Bund und Länder mit der so genannten "Qualitätsoffensive Lehrerbildung" Reformen beschlossen. Dazu gehört auch, das Lehramtsstudium besser mit der Praxis zu verzahnen. Für besonders gute Konzepte stellt Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) den Ländern in den nächsten zehn Jahren rund 500 Millionen Euro zur Verfügung.
Als Vorreiter gilt die School of Education an der Technischen Universität München unter der Leitung des renommierten Bildungsforschers und Pisa-Koordinators Manfred Prenzel. Ab dem ersten Semester haben die Studenten Kontakt zur Praxis, so werden sie während des gesamten Studiums von Mentoren an rund 50 Referenzschulen begleitet. Zudem lernen auch diese Studenten durch Rollenspiele, und es gibt regelmäßige Beratungsgespräche. "Dazu gehört manchmal auch, dass wir Studierenden raten, besser eine andere Laufbahn einzuschlagen", sagt Prenzel.
Generell bemängelt er, dass die erste Phase der Lehrerausbildung an der Uni abgeschottet ist von der zweiten, dem Referendariat: Kein anderer europäischer Staat stecke so viel Zeit in die Lehrerausbildung, durchschnittlich fünf Jahre Studium plus zwei Jahre Referendariat. "Aber wir nutzen das nicht effektiv genug", sagt er.
Training wie bei Medizinern oder Managern
Rollen- und Planspiele können helfen, den Praxisbezug zu stärken - zumal die Methoden in der Medizinerausbildung oder bei Managern bereits erfolgreich eingesetzt werden. Evaluationen der Universität Bamberg zeigen, dass der simulierte Schulalltag Vorteile bringt. "Die Studenten können ein Gespür dafür entwickeln, wie komplex der Beruf ist und welche Handlungsmöglichkeiten sie haben", sagt die Psychologin Ulrike Starker von der Uni Bamberg, die auch das Planspiel an der Mainzer Hochschule leitet.
Mit Pädagogikstudenten hat sie in Bamberg die Reaktionsweisen der Teilnehmer vor und nach der Simulation erfasst. Während die Studenten in der ersten Runde Schüler häufig bestraften, reagierten sie in der zweiten Runde schon deutlich differenzierter: "Sie haben gemerkt, dass ständige Ermahnungen und Strafen ab einem bestimmten Punkt nichts mehr bringen", sagt die Professorin.
In Mainz müssen die Studenten das erst noch lernen. Kevin wird an diesem Schultag fünfmal nach hinten gesetzt und fliegt zweimal raus. Das führt nicht zu mehr Disziplin, sondern ins völlige Chaos: Als er mal wieder zum Rektor muss, solidarisiert sich die Hälfte der Klasse mit dem Provokateur und beschimpft die Englischlehrerin: "Das ist total unfair, dass immer der Kevin raus muss." Der Gescholtene sieht das genauso: "Das passiert nur, weil ich den schlechtesten Ruf habe." Die Lehrerin verstummt - weil es stimmt.
"Eine echt krasse Rolle"
Nur wenige Studenten kommen besser aus der Kevin-Nummer raus. Alexandra Büscher, 23, spielt Kunstlehrerin Zöpfel, die laut Planspiel 55 Jahre alt ist, früher mal Hippie war und sich nach der Schule im eigenen Atelier selbst verwirklicht. "Ich bin für Ruhe in der Klasse, aber das hat nur mittelmäßig geklappt", resümiert Büscher nach ihrer ersten Stunde als Frau Zöpfel. Dennoch hat sie intuitiv vieles richtig gemacht: Anstatt auf jede Störung einzugehen, bleibt sie beim Thema. Sie spricht deutlich und macht klare Ansagen.
Am Ende sind alle geschafft, sogar Kevin. "Eine echt krasse Rolle", sagt Yannik Wille. Er fühlt sich durch die Simulation etwas besser gerüstet für den Fall, dass einer wie Kevin später mal in seiner Klasse sitzt. Aber mehr auch nicht: "Wirkliches Verständnis für einen solchen Schüler kann man allein mit einem Planspiel nicht entwickeln", befürchtet Wille. "Dafür bedarf es mehr Zeit und Praxis."
Anmerkung: Dieser Text ist eine gekürzte Version des Originals von 2013.