Community Colleges in den USA: Bildung für alle
Obamas Zwei-Milliarden-Plan Unis für die Underdogs
Drei Studenten, drei Filzstifte, viele Formeln. Die jungen Leute helfen sich gegenseitig, denn das ist das Motto der Algebra-Nachhilfestunde am Del Mar College in Corpus Christi, einer Stadt im Südosten von Texas. Student Malcolm Cepeda hat lange keine Gleichungen gelöst. Elf Jahre hat er als Profi Baseball gespielt - der Schlabberpulli, auf dem sein Name steht, erinnert noch daran. Er habe sich nicht direkt an eine Universität getraut, sagt Cepeda. "Das hätte ich nicht geschafft."
Für Studenten wie ihn sind staatliche Community Colleges gemacht: für Späteinsteiger, Migranten, Studenten mit Kindern. Sie können dort zwei Jahre lang Grundlagenkurse belegen, die ihnen dann an einer Universität für den Bachelor anerkannt werden. Viele kommen aus Arbeiterhaushalten, und sie sind oft die ersten in der Familie, die eine Hochschule besuchen.
Präsident Obama will Community Colleges stärken
Rund 11.000 Männer und Frauen lernen am Del Mar, eins von 1047 staatlichen Community Colleges in den USA. Es steht jedem offen, denn es gibt kein Aufnahmeverfahren wie an vielen Universitäten. Auch die Studiengebühren sind niedriger: Im Schnitt liegen sie bei 3130 Dollar pro Jahr, so der Verband American Association of Community Colleges (AACC). Ein vierjähriges Studium an einer staatlichen Uni koste dagegen im Schnitt 8660 Dollar jährlich. Nach Regierungsangaben sind die Gebühren in den vergangenen drei Jahrzehnten um 250 Prozent gestiegen.
Die Bildungschancen sind in den USA dementsprechend ungleich verteilt: Aus dem ärmsten Viertel der Bevölkerung studiert nur gut die Hälfte, während fast alle Kinder aus den wohlhabendsten Familien eine Hochschule besuchen. Das will die Regierung von Präsident Barack Obama ändern und die Community Colleges stärken. Zurzeit sind mehr als sechs Millionen Studenten an den Colleges eingeschrieben, bis 2020 soll die Zahl der Absolventen um fünf Millionen steigen. Zwei Milliarden Dollar plant Obama dafür ein, eineinhalb Milliarden sind nach Angaben des AACC bereits ausgezahlt.
Colleges, die Hochschulen zweiter Klasse
Allerdings ist fraglich, ob die Community Colleges wirklich als Brücke zur Uni geeignet sind: Nur neun Prozent ihrer Studenten wechseln innerhalb von sechs Jahren an eine Universität und machen ihren Bachelor, so das Forschungszentrum National Student Clearinghouse. David Baime, Vizepräsident des AACC, räumt ein: "Mancherorts funktioniert der Übergang nicht, weil die Fächer nicht anerkannt werden."
Außerdem streben die meisten College-Studenten ohnehin keinen Bachelor an, sondern absolvieren praktische Lehrgänge, etwa im Schweißen. Oder sie machen eine schulische Berufsausbildung und schließen mit dem Associate Degree ab. Am Del Mar beispielsweise kann man sich zum Automechaniker, Programmierer oder Technischen Zeichner ausbilden lassen.
Dabei schafft nur knapp jeder vierte Student eines - eigentlich zweijährigen - Community Colleges innerhalb von drei Jahren seinen Abschluss, so das private American Enterprise Institute. Die Forscher verlangen unter anderem feste Stundenpläne mit Blockunterricht, der sich besser mit Job oder Familie verbinden lässt. Der College-Verband wirft der Studie zwar methodische Fehler vor. Doch auch nach seiner Rechnung machen nur 28 Prozent der Studenten binnen vier Jahren ihren Abschluss. Auch deshalb gelten die Community Colleges in den USA oft als Hochschulen zweiter Klasse.
So stellen Forscher immer wieder fest, dass sie vor allem die Minderheiten ausbilden. So können Weiße und Wohlhabende an den renommierteren Universitäten unter sich bleiben. Denn während die große Mehrheit (82 Prozent) der weißen Erstsemester seit 1995 an den selektiven Hochschulen studiert hat, lernen Erstsemester mit lateinamerikanischem Hintergrund in der Mehrheit (72 Prozent) vor allem an einem College ohne Zugangsbeschränkung, das ergab kürzlich eine Studie der Georgetown University. Die Finanzspritze für die Colleges könnte dieses Zweiklassen-System noch verfestigen.
Trotz all der Kritik betont die Sprecherin des Del Mar College, Melinda Eddleman: "Wir machen höhere Bildung für jeden zugänglich." Auch Brenda Raygoza hofft auf ein weiteres Studium: Später will sie an einer Uni Krankenschwester werden. In Corpus Christi lernt sie die Grundlagen, steckt im Student Center ein Anatomie-Modell zusammen, fügt Lunge, Herz und Leber in den Plastikkörper ein. Sie habe sich für das Community College entschieden, weil sie einen eineinhalb Jahre alten Sohn habe, erzählt sie. Er geht auf dem Campus in die Kinderkrippe. "Das gibt es an den großen Unis normalerweise nicht", sagt sie.