Krisen-Festival: Hoffnungslosigkeit bei Cyprus-Aid - DER SPIEGEL
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Krisenkinder: "In Zypern hast du keine Chance"

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Festival für Zyperns Arme Soli-Party auf Ruinen

Teures Privatstudium, schlechte Aussichten: Was macht die Krise aus Zyperns Jugend? Uni-Absolventen hoffen auf Jobs im Ausland, während im Euro-Raum die Arbeitslosigkeit wächst. Bei einem Solikonzert in Nikosia spenden sie Nudeln für die Ärmsten und grölen für eine Nacht gegen die Krise an.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nach Europa, irgendwohin, vielleicht auch Südafrika. So genau weiß Wasilis, 23, noch nicht, was nach dem Studium kommt. Im Schneidersitz hockt er auf der Wiese, eine Dose Bier vor sich, das Moleskin-Notizbuch auf dem Schoß. Er hat es immer bei sich, er zeichnet viel. Jetzt dreht er sich aber erstmal eine Zigarette und wartet, dass es richtig losgeht mit dem, was die Veranstalter "CyprusAid" nennen - eine große Benefizveranstaltung, mitten in Zyperns Hauptstadt Nikosia.

Um Wasilis herum hocken, stehen, wuseln Tauende Menschen aus allen Teilen des Inselstaats. Denn 50 Bands und Künstler werden auftreten an diesem Abend, um gegen die Krise anzusingen. Eintritt muss niemand zahlen, dafür sind alle zu Sachspenden aufgerufen. Helfer sammeln an den Eingängen unzählige Konservendosen ein, Packungen mit H-Milch, kiloweise Mehl und Nudeln. Alles Haltbare, alles Nützliche ist willkommen und soll an jene verteilt werden, die von der Krise besonders hart getroffen wurden.

Wasilis wird in sechs Monaten seinen Bachelor in Grafikdesgin haben, für den seine Eltern 10.000 Euro pro Jahr an die Privat-Uni überweisen, so erzählt er es. Und was kommt dann? Erstmal weg, alles andere ist unsicher. "In Zypern hast du keine Chance", sagt Andreas, 24, der neben Wasilis im Gras sitzt. Auch er studiert, auch er will weg nach dem Abschluss, vielleicht in die USA.

Bankenkrise? Ich bin eh schon pleite

Beide treibt nicht nur die Krise aus dem Land, sie wollen die Welt erkunden, etwas erleben, sich dann erst irgendwann um eine Karriere kümmern. Es klingt wie bei anderen junge Erwachsenen in aller Welt. Doch Zyperns Jugend wird gerade klar: Uns könnte es bald ergehen wie den jungen Griechen oder Spanien - von ihnen findet mehr als jeder zweite keine Arbeit im eigenen Land.

Noch liegt Zypern mit einer Jugendarbeitslosigkeitsquote von um die 30 Prozent darunter. Aber wie lange noch? Die Zahl stammt aus dem Januar. Jetzt, nach Eskalation der Bankenkrise, EU-Rettungsplan und Sparpaket, dürfte die Quote in die Höhe schnellen.

Dann stehen Jungakademiker wie Wasilis mit Schulden da: Denn wer keine reichen Eltern hat und keinen Platz an einer der drei öffentlichen Universitäten Zyperns bekommt, studiert oft wie er für viele Tausend Euro an einer der Privathochschulen.

"Hauptsache, du hast irgendeinen Abschluss", so würden viele Eltern denken, sagt Stavros, 27. Er hat sein Studium gerade abgebrochen, auch weil ihm das Geld ausging - jetzt habe er 60.000 Euro Schulden und schlage sich mit Hilfsjobs durch und mit Partys, die er zusammen mit Freunden organisiert. Bankenkrise? Die geht Stavros nichts an, genau wie der Abschlag auf Sparvermögen, der viele zyprische Kleinsparer derzeit das Fürchten lehrt. Ihn betreffe das alles nicht, er sei schon pleite. Gerade hat er sich wieder eine neue Handy-Simkarte gekauft, die Rechnung für seinen alten Anschluss konnte er nicht zahlen.

"Es wird sehr hart werden für die Studenten", sagt Yiorgos Hadjichristou, der künftige Architekten an einer der teuren privaten Hochschulen, in seinem Fall der "Universität von Nikosia", ausbildet. Er erzählt von einem Studenten, dessen Eltern beide bei der Laiki-Bank arbeiten, die im Zuge der Umstrukturierung des zyprischen Bankensektors abgewickelt werden soll. "Schon jetzt können sich viele Familien das Studium ihrer Kinder nicht mehr leisten."

Dozent Hadjichristou hofft für die jungen Leute, dass Hochschulen Staat ihnen mit Stipendienprogrammen helfen, auch wenn er nicht sagen kann, wo die herkommen sollen. Sicher sei so viel: "Die Generation wird härter arbeiten müssen, sie wird stärker sein müssen, um durchzukommen." Hadjichristou kann sich nicht vorstellen, dass der Bildungssektor von Sparprogrammen ausgenommen bleibt. Die Krise bricht über den öffentlichen Sektor mit aller Macht herein, der Rektor der einzigen staatlichen Uni Nikosias beklagte jüngst, seine Hochschule habe schon jetzt Geldprobleme.

An diesem Konzertabend jedoch will sich Zyperns Jugend die Party nicht vermiesen lassen. Als es längst dunkel ist, singen Tausende Konzertbesucher bei "CyprusAid" aus voller Kehle mit, als ob es keine Krise gäbe.