Fußball als Wissenschaft Wer wird Weltmeister, Herr Professor?
WM-Teilnehmer für die deutsche Nationalmannschaft: Thomas Müller, oder was?
Foto: DANIEL ROLAND/ AFP
Daniel Memmert, 43, ist Leiter des Instituts für Kognitions- und Sportspielforschung an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Er habilitierte 2008 mit dem Thema "Kreativität im Sportspiel" an der Universität Heidelberg. Memmert gewann verschiedene Forschungspreise und publiziert in etlichen internationalen Fachzeitschriften.
UniSPIEGEL: Spanien gewann die WM 2010 und die Europameisterschaft 2012 - läuft es jetzt wieder auf einen Triumph der Iberer hinaus?
Memmert: Wissenschaftler sind keine Hellseher, aber die Wahrscheinlichkeit ist nicht niedrig. Allerdings scheint mir die Mannschaft ein wenig überaltert. Da muss man schon fragen: Bekommen den Spielern die Reisestrapazen, die es bei so einem Turnier gibt? Oder wie reagieren sie auf die klimatischen Bedingungen in Brasilien?
UniSPIEGEL: Dann wird also Brasilien Weltmeister, wegen des Heimvorteils?
Memmert: Ich habe meine Zweifel, ob es den überhaupt noch gibt. Sportler, auf denen ein zu großer Druck lastet, erbringen nicht mehr ihre gewohnte Leistung. Sie werden von der Erwartungshaltung des Publikums blockiert, das haben etliche Forschungen ergeben.
UniSPIEGEL: Ist der Heimvorteil also nur ein Mythos (Hier sind die schönsten Fußball-Mythen zum Durchklicken)?
Memmert: Heute mehr als früher, die Bundesliga ist da ein gutes Beispiel. In den vergangenen zehn Jahren wurden rund 47 Prozent aller Heimspiele gewonnen, die anderen wurden verloren oder gingen unentschieden aus. In den Sechziger- und Siebzigerjahren lag die Quote mit rund 60 Prozent deutlich höher.
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UniSPIEGEL: Warum diese Entwicklung?
Memmert: Ein Grund ist, dass man sich bei Auswärtsspielen nicht mehr verstecken kann. Früher, als noch nicht jedes Spiel von hundert Kameras beobachtet wurde, hieß es für die Gästemannschaften: aus den Augen, aus dem Sinn. Man spielte irgendwo in Braunschweig oder Bremen, es waren kaum eigene Fans da - da fehlte dann manchmal die letzte Motivation.
UniSPIEGEL: Also kann man als Stadionbesucher seinem Team nicht mehr als "zwölfter Mann" zum Sieg verhelfen?
Memmert: Doch, manchmal klappt das. Es würde zwar kein Schiedsrichter zugeben, aber Studien zeigen zum Beispiel: Je enger das Stadion ist und je lauter das Publikum auf ein Foul der Gäste reagiert, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Spieler dafür die Gelbe Karte erhält. Dieses Verhalten eines Schiedsrichters ist sehr menschlich. Wenn er einen Zweikampf bewertet, muss er in Sekundenbruchteilen entscheiden, was nun passiert: Freistoß oder nicht? Gelbe Karte oder nicht? Um die Entscheidungen treffen zu können, saugt er in der Kürze der Zeit möglichst viele Informationen auf: Wie war der Weg des Balles, wie ist der Gefoulte gefallen? Aber auch: Wie reagieren die Mitspieler, wie die Zuschauer?
UniSPIEGEL: Wie können Sie als Sportwissenschaftler dafür sorgen, dass unsere Fußballer noch besser werden?
Memmert: Es kommt heute vor allem auf den Kopf an, aufs Hirn. Körperlich fit sind die Mannschaften in der Regel sowieso, da gibt es nur noch wenig Luft nach oben. Die Frage ist also: Was ist im kognitiven Bereich noch möglich? Damit haben wir uns in den letzten Jahren viel beschäftigt. Nun geben wir das Wissen an die Bundesligisten weiter.
UniSPIEGEL: Welche Fähigkeiten gehören zur Kognition?
Memmert: Wahrnehmung und Antizipation, Aufmerksamkeit und Kreativität, Spielintelligenz und Gedächtnis. Hier gibt es noch Optimierungsbedarf, und man kann auch bei den sehr guten Mannschaften ein Leistungsplus von mindestens 15 Prozent herausholen - selbst beim FC Bayern München.
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UniSPIEGEL: Wie finden Sie heraus, ob ein Team kognitiv gut funktioniert?
Memmert: Wir arbeiten mit den Positionsdaten der Profis, die während des Spiels erfasst werden. Diese Daten ergeben am Ende eine Punktwolke, aus der wir ablesen können: Wo hat der Spieler gestanden, wohin ist er gelaufen? Was hat er mit dem Ball gemacht, wie hat er auf den Gegenspieler reagiert? Die Aufgabe des Wissenschaftlers ist es, aus diesem Datenwust Muster herauszulesen, um zum Beispiel zu erkennen: Wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass sich aus einem bestimmten taktischen Spielzug eine Torchance ergab?
UniSPIEGEL: Wäre ein Wissenschaftler der bessere Trainer?
Memmert: Nein. Wir bieten Wahrscheinlichkeiten an. Die wichtigen Entscheidungen trifft dann der Trainer. Ein guter Trainer sollte unsere Daten allerdings ernst nehmen und daraus mehrere Pläne ableiten, die er im Verlauf des Spiels aus dem Hut zaubern kann.
Ausgabe 3/2014
Oh!
Die verblüffenden Erkenntnisse eines Kölner Fußball-Professors
UniSPIEGEL: Wie kann denn ein Trainer während des Spiels Einfluss nehmen? Das ewige Gezappel und Gestänkere an der Seitenlinie wird kaum helfen.
Memmert: Stimmt, die meisten Trainer überschätzen ihren Einfluss während eines Spiels. Aber dennoch verfügen sie über zwei sehr wertvolle Möglichkeiten: Sie können erstens das Spielsystem verändern, dafür gibt es bestimmte Zeichen, die von den Spielern auch verstanden werden. Und sie können zweitens neue Akteure einwechseln, die andere Positionen einnehmen, andere Dinge tun.
UniSPIEGEL: Sind denn die Spieler so klug, dass sie immer verstehen, was der Trainer will?
Memmert: Die Spieler besitzen heute eine viel größere taktische Intelligenz als früher. Sie lernen schon als Jugendliche, Matchpläne umzusetzen und flexibel zu spielen. Aber es gibt natürlich auch immer welche, die einen eigenen Kopf haben. Die Dinge tun, die auf keinem Zettel stehen.
UniSPIEGEL: Das sind die Spieler, die den Trainer draußen wahnsinnig machen.
Memmert: Ja - und nein. Denn so ein wilder Spieler kann genau die Kreativität ins Spiel bringen, die heute immer wichtiger wird. Wenn sich zum Beispiel bei der Fußball-WM im ersten Gruppenspiel Deutschland und Portugal gegenüberstehen, dann wissen die beiden Mannschaften schon im Vorfeld sehr viel voneinander. Man kennt die Spieler mit ihren Stärken und Schwächen, kennt die taktischen Vorlieben des Trainers. Umso wichtiger ist es, in einem solchen Match Spieler zu haben, die ungewöhnliche Dinge tun. Lionel Messi ist ein solcher Spieler. Der Spanier Xavi auch. Und wir haben Özil oder Götze.
UniSPIEGEL: Also kann Deutschland auch Weltmeister werden?
Memmert: Klar. Aber es wird schwierig. Was mir Mut macht: Jogi Löw hat ein ausgezeichnetes Team aus Spielanalytikern, Trainern, Medizinern und Psychologen hinter sich. Was die wissenschaftliche Betreuung angeht, ist Deutschland weltweit am besten aufgestellt.
UniSPIEGEL: Dann darf sich aber nicht wiederholen, was im WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden passiert ist: Zwischenzeitlich führte Deutschland 4:0 - am Ende stand es 4:4.
Memmert: Wissenschaftlich lässt sich dieser Einbruch mit dem Alltagsphänomen des sozialen Faulenzens erklären. Sobald Menschen die Möglichkeit haben, sich in einer Gruppe zu verstecken, haben sie den Hang, ein bisschen weniger zu leisten, als ihnen möglich wäre. Einfaches Beispiel: Wenn beim Tauziehen einer gegen einen kämpft, geben beide Kontrahenten 100 Prozent. Ziehen auf jeder Seite zwei, geben sie jeweils nur noch 95 Prozent. So war das auch gegen Schweden: Als es 4:0 stand, haben die elf Deutschen auf dem Platz gedacht: Das schaukeln wir locker über die Runden - ob ich mich jetzt noch groß anstrenge oder nicht, spielt keine Rolle mehr. Und damit nahm das Schicksal seinen Lauf.
UniSPIEGEL: Hinterher sagten die alten Veteranen wie Oliver Kahn, dass es so etwas in ihrer Zeit nicht gegeben hätte.
Memmert: Alles Verklärung. Ich erinnere nur an die Finalniederlage des FC Bayern gegen Manchester United, als Kahn in der Nachspielzeit zwei Tore kassiert hat.
UniSPIEGEL: Wie würde denn die letzte deutsche Weltmeister-Mannschaft von 1990 in der Form von damals gegen das Nationalteam von heute aussehen?
Memmert: Ganz schlecht. Die taktische Qualität der einzelnen Spieler und des gesamten Teams ist heute deutlich höher, zudem hat sich das Spieltempo nahezu verdoppelt. Matthäus, Brehme und Buchwald würden keinen Ball sehen.
Die Vermessung des Deutschen WM-Fußballs