Achsen-Eigentum - DER SPIEGEL
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Achsen-Eigentum

• aus DER SPIEGEL 12/1948
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Sprachverwirrungen des bröckelnden Turmbaus zu Potsdam sind der dünne Lebensfaden, an dem die Londoner Oesterreich-Tagung und damit die letzte außenpolitische Ost-West-Verbindung hängt. Genosse N. P. Koktomow versucht unermüdlich, seine um einen ganzen Kopf größeren Kollegen zu der russischen Definition des Begriffes »deutsche Vermögenswerte im Ausland« zu bekehren. - Bisher vergeblich.

Selbst unter den Westmännern schafft der Potsdamer Babelspruch Verwirrung. Seit drei Jahren beanspruchen die Franzosen sämtliches in Frankreich rollende deutsche Material (Wert 6,5 Milliarden Francs) als deutsche Werte für sich. Die Amerikaner protestieren. Seit ebenfalls drei Jahren.

Die Uneinigkeit der Alliierten läßt die neutralen Länder nur zögernd die Vermögen freigeben, die ihnen in den Sterbestunden des Dritten Reiches übereignet wurden.

Beschluß Nr. 5 des Potsdamer Abkommens nannte die deutschen Auslandsguthaben ein gefährliches Instrument der wirtschaftlichen Durchdringung und des deutschen Spionagesystems. Roosevelt, Churchill und Stalin waren sich schon in Jalta einig, diese Vermögen nach dem Siege unter die Alliierten aufzuteilen.

Auch die deutsche »Kriegsbeute« an Gold und Silber wurde der interalliierten Reparationsagentur Brüssel zugewiesen. Vom großdeutschen Nibelungenhort (Wert 300 Millionen Dollar), den amerikanische Truppen in den Salzbergwerken von Merkers aufstöberten, sind fast 45 Prozent bereits wieder an die rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben. Mit den Auslandsguthaben haben es die Brüsseler Verteiler schwerer.

Von 100 Millionen Dollar deutscher Vermögenswerte in Spanien sind bisher kaum ein Drittel an die Alliierten übergeben. Ein großer Teil wurde noch in den letzten Kriegswochen verkauft, übertragen oder aus den herrenlosen deutschen Konsulaten gestohlen. 67 deutsche Autos sind beispielsweise noch nicht endgültig als deutsches Eigentum identifiziert. Sie sind vorläufig an ihre gegenwärtigen Besitzer »verliehen« worden.

Spaniens Caudillo hat es nicht eilig. Er weist darauf hin, daß Spanien seine Schulden aus dem Bürgerkrieg an Deutschland restlos bezahlt habe Es wäre also nicht ungerecht, wenn es jetzt Entschädigung für die Verluste verlange, die Spanien während des Krieges erlitten hat.

Auch die Schweden drängen sich nicht an den Brüsseler Ablieferungstisch. Sie weigerten sich, den Alliierten die deutschen Guthaben zu übergeben. Die schwedische Regierung will die beschlagnahmten Vermögen zur Ankurbelung des schwedischen Exports nach Deutschland benutzen.

Nur 75 Millionen Schwedenkronen wurden zur Verteilung an die zehn Mitgliedsstaaten der Brüsseler Agentur freigegeben. Schweden behielt sich jedoch vor, die Länder selbst zu bestimmen. Damit waren wieder die Alliierten nicht einverstanden. - An diesem Punkt stehen die Verhandlungen noch heute.

Die widerspenstigsten »Verteidiger deutschen Vermögens« sind nach Brüsseler Ansicht die Schweizer. Die Regierung in Bern will ihre 70000 deutschen Bürger schützen. Sie verlangte, daß nur der Besitz von Deutschen konfisziert würde, die gegenwärtig in Deutschland leben.

Dadurch werden von dem deutschen Gesamtvermögen von 1 Milliarde Schweizer Franken nur 500 Millionen von der Beschlagnahme betroffen. Vertragsgemäß gehen diese 500 Millionen je zur Hälfte an die Schweiz und die Agentur in Brüssel. Mehr konnten die Alliierten in dem Abkommen, das 1946 in Washington geschlossen wurde, nicht herausholen*).

Der »Zürcherische Juristenverein« nannte das Abkommen den »schwärzesten Punkt in der schweizerischen Vertragsgeschichte.« In einer Entschließung wurde eine faire Entschädigung der deutschen Eigentümer in Reichsmark verlangt. Sie solle hundertprozentig sein. Auch das konnte die Schweiz in Brüssel durchdrücken.

Genau wie in Schweden, so ist auch aus der Schweiz bisher nichts bei der Brüsseler Agentur eingegangen. Als Grund dafür gibt die Schweizer Regierung an, es sei bisher noch kein Verrechnungskurs für Schweizer Franken und deutsche Mark ermittelt.

Den interalliierten Liquidatoren ist jetzt eine neue Methode eingefallen, mit der sie den verheimlichten deutschen Werten in der Schweiz auf die Spur kommen wollen. Eine alliierte Kommission besucht zusammen mit Schweizer Geschäftsleuten die verdächtigen Firmen in den Westzonen.

Die Herren sind in Zivil. Und wenn die deutschen Geschäftsleute wiedersehensfroh auf ihre alten Handelspartner zueilen, dann hat es sich meist gelohnt. - Für die Kommission.

*) Die gesamten deutschen Auslandsguthaben betragen nach amerikanischer Schätzung rund 3 Milliarden Dollar. (Etwa 600 Millionen Dollar wurden 1947 für deutsche Lebensmittelimporte aufgewendet.)[Grafiktext]

WELTFLEISCHERZEUGUNG U.-FLEISCHVERBRAUCH

NORDAMERIKA 11,4 Mill.t

EUROPA 8,3

SÜDAMERIKA 3,9

ASIEN 3,2

OZEANIEN 1,5

AFRIKA 0,4

[GrafiktextEnde]

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