Altersvorsorge: Reicht mein Geld im Alter? - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Das ungelöste Vorsorgeproblem Reicht mein Geld im Alter?

Überschaubare Renten, hohe Mieten, horrende Heimkosten: Menschen aus der Mittelschicht müssen zunehmend um ihre finanzielle Sicherheit im Ruhestand bangen. Auch weil ungeklärt ist, wie der Staat bei der Altersvorsorge helfen kann. Die SPIEGEL-Titelstory.
Foto: Norman Konrad / DER SPIEGEL

Beinahe ihr halbes Leben haben Ingrid und Björn Regener in einer hell getünchten Doppelhaushälfte verbracht, ein lichtdurchflutetes Anwesen mit Garten, einem Flur voller selbst gemalter Aquarelle und einem etwas durchgetretenen Perserteppich vor dem Bücherregal, der eine Erinnerung ist an bessere Zeiten.

Viele Jahre lang hatten sie geglaubt, es werde ihnen finanziell gut gehen. Sie wären vorbereitet auf alles, was kommen würde. Selbst im Alter.

Auf die Rente und eine kleine Pension hatten sie sich nie verlassen. Mit der Lebensversicherung hatten sie ihr Häuschen abbezahlt, und dann gab es noch eine Einzimmerwohnung, die die Regeners vermietet hatten. Gut abgesichert alt zu werden, war ihr Plan.

Das Leben mit seinen Gemeinheiten kam dazwischen.

DER SPIEGEL 26/2024

Wenn das Geld knapp wird

Reicht die Rente? Diese Frage beschäftigt nicht mehr nur alte Menschen, sondern auch die Jungen. Steigende Mieten und horrende Heimkosten machen ihnen Sorgen. Die Regierung hat außer einer teuren Rentenreform kein Konzept. Jeder muss sich selbst helfen. Aber wie?

Lesen Sie unsere Titelgeschichte, weitere Hintergründe und Analysen im digitalen SPIEGEL.

Heute erinnert sich Björn Regener, 80 Jahre alt, nur noch manchmal an seine Frau und selten daran, dass er früher um die Welt reiste. Oben, im ersten Stock, setzt sein Arbeitszimmer Staub an.

Unten, am Tisch in der kleinen Küche, erzählt Ingrid Regener, wie ihr Lebensplan zerbröselte, als ihr Mann an Alzheimer erkrankte. Ihr Name lautet in Wahrheit anders. Sie möchte ihn nicht veröffentlicht sehen, auch weil es um Geld geht, das am Ende nie reicht.

Drei Jahre lang hatte sie sich zu Hause um ihren Mann gekümmert. Bis er es nicht mehr allein zur Toilette schaffte und auch ihre Kräfte schwanden. »Es ging einfach nicht mehr«, sagt sie.

Sie fand ein Zimmer in einem einfachen Heim, nicht zu weit entfernt von ihrer Kleinstadt im Südwesten und freundlich gebaut. »Es war schrecklich, meinen Mann dorthin zu bringen«, sagt sie, »und es fühlt sich noch immer schrecklich an«. Sie besucht ihn jeden Abend, um ihn zu füttern. Wie man einen Löffel hält, auch das hat er vergessen.

Die erste Monatsrechnung war ein Schock. Mehr als 3600 Euro musste das Paar anfangs aus eigener Tasche zahlen. Inzwischen ist der Preis auf 3225 Euro gesunken. Auch das ist auf Dauer nicht zu stemmen.

Die Regeners haben in ihrem Arbeitsleben durchschnittlich verdient, er als Künstler und sie eine Zeit lang als Lehrerin. Es ist nicht so, als ginge es ihnen schlecht. Doch wenn das Pflegeheim bezahlt ist, wenn die Versicherungen, die Strom- und die Gasrechnung beglichen sind, bleibt so gut wie nichts von ihren gemeinsamen Alterseinkünften übrig.

Die kleine Einzimmerwohnung haben sie verkauft. Sie zehren jetzt von ihren Reserven. »Das ist keine Armut, natürlich nicht«, sagt Ingrid Regener, als sie ihren Kontostand auf dem Handy überprüft. »Aber es ist bitter.« Die Doppelhaushälfte, fürchtet sie, wird sie auf Dauer nicht halten können.

»Wir sind Mittelstand«, sagt sie. So gehe es vielen. »Ich habe immer gedacht, wenn wir nur genug schaffen, dann wird es uns auch später gut gehen.«

Sie hat sich getäuscht.

Es ist eine Furcht, die sich inzwischen durch alle Alterskohorten zieht: Reicht das Geld im Alter? Selbst Menschen, die sich über Jahre gut abgesichert wähnten, werden von ihr erfasst.

Man kennt das aus geselligen Runden, von Gesprächen bei Tisch auch in sehr großen Altbauwohnungen, wenn plötzlich die Frage im Raum steht, wie das eigentlich werden soll mit 60, 70 oder 80. Und am Ende des Abends alle stumm sind.

Existenzielle Armut im Alter ist ein schmerzhaftes, aber bislang überschaubares Phänomen. Laut Statistik waren im Jahr 2022 nur 3,7 Prozent aller Menschen im Rentenalter auf die staatliche Grundsicherung angewiesen. Im Erwerbsalter ist die Quote mehr als doppelt so hoch.

Wer heute kurz vor dem Ende des Berufslebens steht oder bereits in Rente ist, kann sich einigermaßen glücklich schätzen. Die jetzige Seniorengeneration ist so gut versorgt wie es wohl keine nach ihr mehr sein wird. Glaubt man dem jüngsten Alterssicherungsbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2020, hat ein Durchschnittspaar im Ruhestand mehr als 2900 Euro netto zur Verfügung, rechnet man Betriebsrenten oder private Ersparnisse hinzu.

Die gesetzliche Rente sichert vielen Senioren ein halbwegs auskömmliches Dasein. Im Juli steht ein üppiges Plus bevor, die Überweisungen aus der Rentenkasse werden in Ost und West um 4,57 Prozent steigen. Schon in den beiden Vorjahren legten sie kräftig zu. Und wer das Glück hat, von einer Beamtenpension zu profitieren, muss sich ohnehin kaum sorgen.

Und doch gibt es das Gefühl eines schleichenden Kontrollverlustes, die Sorge vor dem, was kommen wird – wenn die eigenen Kräfte schwinden, wenn man auskommen muss, mit dem, was man hat. Mit der Rente. Dem Ersparten. Möglichst ohne Stütze vom Amt.

Diese Angst hat die Mitte der Gesellschaft erreicht, auch jene, die sich zuvor wenig Gedanken machten, ob sie einst Pfandflaschen sammeln müssen.

Drei Themen treiben die Menschen um, sie bestimmen darüber, ob im Alter ein finanziell selbstbestimmtes Leben möglich ist.

Reicht meine Rente?

Kann ich mir meine Wohnung noch leisten?

Wer bezahlt meine Pflege?

Und sie alle münden, vor allem für jene, die heute 30, 40 oder 50 sind, in der Frage: Wie kann ich selbst genug vorsorgen?

Hausstand zu verkaufen

Hausstand zu verkaufen

Foto: Norman Konrad / DER SPIEGEL

Im ARD-Deutschlandtrend gab im April mehr als die Hälfte der Befragten an, dass sie sich für ihren Ruhestand nicht ausreichend abgesichert sehen. Die Unsicherheit ist umso größer, je weiter die Menschen von der Rente entfernt sind. Unter den 18 – bis 34-Jährigen glauben 74 Prozent, dass das Geld im Alter nicht reichen wird.

Andere Umfragen zeigen ein ähnliches Bild: Im Auftrag des Versicherungsverbandes GDV ermittelte das Institut für Demoskopie Allensbach, dass nur ein gutes Viertel aller 30- bis 59-Jährigen davon ausgeht, im Ruhestand keine finanziellen Nöte zu haben. Alle anderen wähnen sich in Unsicherheit.

»Die Angst vor einem Wohlstandsverlust im Alter zieht sich praktisch durch alle gesellschaftlichen Milieus«, sagt Ingo Bode, Professor für Sozialpolitik an der Universität Kassel. Sogar Menschen, die eigentlich finanziell gut fürs Alter aufgestellt seien, treibe die Sorge um, »dass der Ruhestand mit stärkeren materiellen Einschränkungen einhergehen könnte«.

Das Problem ist, dass die Ampelkoalition wenig dazu beiträgt, diese Verunsicherung zu mildern, die viele Betroffene als existenzielle Bedrohung ihrer Lebenswirklichkeit empfinden. Die Mieten sind höher denn je, neue Wohnungen werden zu wenig gebaut, wie auch die Bundesregierung einräumt. Der Gesundheitsminister gab zu Protokoll, vom Ausmaß des Pflegebedarfs überrascht zu sein. Die staatliche Unterstützung privater Vorsorge ist immer noch ebenso konfus wie mickrig – und lässt auch die willigsten Verbraucher ratlos zurück.

Seit Jahren sind diese Probleme ungelöst. Und werden es wohl auch in dieser Legislaturperiode bleiben.

Stattdessen liegt jetzt eine hochumstrittene Rentenreform auf dem Tisch, die nur wenig besser machen wird, wenn es um existenzielle Nöte geht. Sie ist vor allem ein politisches Versprechen an die Babyboomer: Wer sich vergleichsweise gut abgesichert wähnt, der soll es auch künftig bleiben. Wer nie auf eine auskömmliche gesetzliche Rente hoffen durfte, für den wird wenig besser. Und wer heute jung ist und ohnehin nicht darauf setzen kann, irgendwann von der gesetzlichen Rente leben zu können, wird für die Älteren zahlen.

Es läuft einiges schief, wenn das Vertrauen in die Zukunft ausgerechnet in einem Jahr sinkt, in dem die Bundesregierung eines der teuersten Reformvorhaben aller Zeiten auf den Weg bringt.

Reicht meine Rente?

Eine halbe Billion, unvorstellbare 500 Milliarden Euro, so teuer wird das neue Rentenpaket bis zum Jahr 2045 sein. Der Wirtschaftsweise Martin Werding von der Universität Bochum hat das ausgerechnet, ein Mann, der nicht zu Übertreibungen neigt. Es handele sich nicht um »Horrorszenarien«, sagt er, sondern um eine nüchterne Addition der Mehrausgaben.

Die Summe kommt zusammen, weil Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) eines der wichtigsten Versprechen der Sozialdemokraten aus dem vergangenen Bundestagswahlkampf einlöst: Bis 2039 soll das gesetzliche Sicherungsniveau auf dem Niveau von heute eingefroren werden, bei mindestens 48 Prozent also, so steht es in seinem Gesetzentwurf.

Die Sache ist etwas kompliziert. Wer heute in den Ruhestand geht und zuvor 45 Jahre lang durchschnittlich verdient hat, erhält aus der Rentenkasse etwas mehr als 48 Prozent des aktuellen deutschen Durchschnittsgehalts. Umgerechnet bedeutet das in diesem Fall eine Rente von 1503 Euro, netto – also nach Abzug der Beiträge zu Kranken- und Pflegeversicherung – und vor Steuern. Unter diese Quote soll das Niveau nicht fallen.

Der Trick dabei: In erster Linie hängt die Höhe der Rente vom Anstieg der Löhne ab. Doch um die Beitragszahler vor Überlastung zu schützen, gibt es in der Rentenformel eine Art Bremse. Wenn die Zahl der Senioren zu stark wächst, dämpft das den Anstieg der Altersgelder. Diesen Nachhaltigkeitsfaktor hebelt Heil künftig aus.

Darin steckt eine wichtige Botschaft an potenzielle Wählerinnen und Wähler: Auch die Millionen Seniorinnen und Senioren, die es in den kommenden Jahren in den Ruhestand drängt, sollen am wachsenden Wohlstand teilhaben. Dafür hakt es mit der Gerechtigkeit an anderer Stelle, weiter unten in der Alterspyramide. Begleichen müssen die Kosten für das betonierte Sicherungsniveau alle Jüngeren und die ganz Jungen.

Aber auch für viele Ältere hat Heils Gesetzentwurf einen Haken. Das wesentliche Problem der Rentenkasse löst er nicht: Nur wer ein Leben lang eingezahlt hat, wird vorerst halbwegs solide abgesichert sein. Wem das Leben Lücken in den Lebenslauf riss, wer am unteren Rand verdient oder nur wenige Jahre Beiträge gezahlt hat, landet im Alter meist unter der Armutsgrenze.

Vor allem Frauen müssen mit kleinen Renten auskommen. Prekär Beschäftigte. Oder Solounternehmer. Von vier Millionen Selbstständigen sind drei Millionen nicht automatisch über das gesetzliche Rentensystem abgesichert.

»Das hier ist meine Altersvorsorge«, sagt Oliver Giemza und reckt seine Schere in die Höhe. Der Friseurmeister ist 58, ihm bleiben noch acht Arbeitsjahre bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter. Es ist absehbar, dass er diese Marke ignorieren wird.

Seit einem Vierteljahrhundert betreibt Giemza im Hamburger Karoviertel seinen Salon. Hunderte Platten hinter einem DJ-Pult, auf dem Tisch vor der abgewetzten Ledergarnitur stapeln sich Comics und »Titanic«-Ausgaben. Dazwischen ein signierter Roman des Schriftstellers Heinz Strunk, ein Stammkunde.

Der Chef schneidet selbst, an vier Tagen in der Woche. »Wenn mir kein Körperteil abfällt, das ich zum Arbeiten brauche, kann ich mir vorstellen, das in einem hoffentlich langen Leben bis zum Schluss durchzuziehen«, sagt Giemza und grinst. Er nimmt die Sache leicht, vielleicht ist das sein Glück. Eine Wahl hat er nicht.

Nach 18 Jahren, die er in der gesetzlichen Rentenkasse pflichtversichert war, stieg er 2001 aus, weil ihm der Beitrag von 450 Euro monatlich zu viel erschien für das, was am Ende dabei herauskommen würde. Seine Ansprüche aus der Rentenkasse liegen heute bei 317 Euro. Hätte er weiter eingezahlt wie zuvor, wären es 1121 Euro. Auch das reicht in einer teuren Stadt wie Hamburg kaum zum Leben.

Foto: Niklas Grapatin / DER SPIEGEL
»Ich habe auch ein berufliches Interesse daran, dass ich fit bleibe.«

Oliver Giemza, 58, Friseur

Viele Handwerker nutzen diese Ausstiegsoption aus der Rentenkasse – und haben später Probleme. Das Sozialsystem lässt zu, dass sie fortan überhaupt nichts für ihr Alter zurücklegen und im Zweifel im Alter von der Stütze leben.

Warum Giemza nicht selbst Geld angelegt hat? Es ist nicht so, als sei er naiv. Er habe sich über private Altersvorsorge informiert, erzählt er. Aber die Produkte, die es damals für Selbstständige gab – Lebensversicherungen oder die sogenannte Rürup-Rente – garantierten nur niedrige Renditen.

Giemza steckte sein Geld in Bausparverträge. Er träumte von einer eigenen Wohnung und davon, keine Miete mehr zu zahlen. Doch als die Verträge zuteilungsfähig waren, hatten ihn die Preise auf dem Immobilienmarkt in Hamburg überholt.

Für eine Wohnung reichten die Auszahlungen nie, hohe Kredite scheute er. Und stets habe er das Geld dringend für etwas anderes gebraucht. Eine Scheidung. Das Leben als alleinerziehender Vater zweier Teenager-Töchter. Einen zweiten Salon in Berlin, den er eröffnete und wieder aufgab. Und schließlich die Coronapandemie, in der er insgesamt fünf Monate lang seinen Salon schließen musste – auch wenn der Staat ihm etwas half.

Der Friseur macht das Beste daraus. Einen Ruhestand habe er ohnehin nie gewollt, sagt Giemza. Er genieße es, mit seinen Kunden älter zu werden. Er beginnt jeden Tag mit den fünf Tibetern, Yoga-Lockerungsübungen: »Ich habe auch ein berufliches Interesse daran, dass ich fit bleibe«, sagt er.

Und wenn nicht?

Giemza, klein und drahtig, wirkt viel jünger, als er ist. Gut denkbar, dass er noch mit 80 im Friseursalon steht, zur Not mit einem Geschäftspartner.

Andere Soloselbstständige haben es schwerer. Es ist unwahrscheinlich, dass die Ein-Mann-Subunternehmen der Paketdienste im hohen Alter Lieferungen die Treppenhäuser hinaufschleppen. Und es ist noch unwahrscheinlicher, dass sie von einem Einkommen nah am Mindestlohn Geld zurücklegen können. Verpflichtet dazu sind sie ohnehin nicht. Der Staat bietet ihnen nur die Stütze.

Selbstständige wie Giemza sind von Armut im Alter stärker bedroht als alle anderen Erwerbstätigen. Sie stellen mehr als ein Viertel des einkommensärmsten Zehntels der Bevölkerung über 65 Jahren. Und sie landen überdurchschnittlich häufig in der Grundsicherung.

Das Problem, eines der größten in der Rentenpolitik, ist seit mehreren Legislaturperioden bekannt. Und ebenso lange ungelöst.

Schon 2011 brachte die damalige Sozialministerin Ursula von der Leyen (CDU) eine Pflicht zur Altersvorsorge für Selbstständige auf die Tagesordnung – und scheiterte. Die Große Koalition saß das Problem einfach aus. Die Ampelparteien schrieben eine Vorsorgepflicht in ihren Koalitionsvertrag. Und ließen es dabei bewenden.

Im Gesetzentwurf für das neue Rentenpaket taucht das Wort »Selbstständige« nicht ein einziges Mal auf.

Kann ich mir meine Wohnung noch leisten?

Barbara Kaufmann hat mit rund 2000 Euro monatlich mehr Geld zur Verfügung als die meisten anderen Seniorinnen. Für langjährig versicherte Männer lag die durchschnittliche Rente zuletzt bei 1728 Euro im Monat, für Frauen sind es 1316 Euro.

Doch seit die 82-Jährige vor ein paar Wochen ein Schreiben ihres Vermieters aus dem Briefkasten zog, macht sie sich Sorgen. »Mieterhöhungsverlangen wegen Modernisierung«, stand darin.

Rund 150 Euro mehr pro Monat soll ihre 53 Quadratmeter große Wohnung in Hamburg-Lokstedt künftig kosten. Insgesamt müsste die Rentnerin gut 800 Euro Miete zahlen. Nach einer Definition des Statistischen Bundesamtes würde sie damit als finanziell »überlastet« gelten, gute Rente hin oder her, weil ihre Wohnung dann 40 Prozent ihres Monatseinkommens verschlingt. »Ich frage mich, wo das noch enden soll.« Es könnte der Anfang einer Kette von Erhöhungen sein, fürchtet sie.

Foto: Maria Feck / DER SPIEGEL
»Die Vermieter nutzen die Wohnungsnot gnadenlos aus.«

Barbara Kaufmann, 82, Rentnerin

Kaufmann lebt seit gut 50 Jahren in ihrer Wohnung, ein halbes Jahrhundert, in dem der Vermieter nicht ein einziges Mal etwas saniert hat. Aus dem Hahn im Badezimmerwaschbecken fließt kaltes Wasser, die Wände haben ihre besten Zeiten hinter sich. Was etwas moderner aussieht wie der Mosaikfußboden oder die Küchenzeile, hat Barbara Kaufmann über die Jahre selbst gekauft.

Früher ging sie auch mal essen, heute verkneift sie sich Restaurantbesuche. »Ich muss sehr auf mein Geld achten«, sagt sie. Nicht ihr Einkommen sei das größte Problem, sondern der Immobilienmarkt. »Die Vermieter nutzen die Wohnungsnot gnadenlos aus.«

Das Ironische an ihrer Lage: Kaufmann hat fast ihr gesamtes Berufsleben in der Wohnungswirtschaft gearbeitet, sie hat die Geschäftsstelle der städtischen Wohnungsgesellschaft SAGA in Hamburg-Bergedorf geleitet. Sie schrieb Abrechnungen, sprach mit den Mietern, wenn es Probleme gab: »Wir haben immer einen Kompromiss gefunden«, sagt sie.

Ihrem Vermieter sei heute nicht daran gelegen, auf dem Mietmarkt fehle jeder Respekt. Auf Anrufe reagiere der Wohnungskonzern nicht, Kaufmann beschwert sich nur noch schriftlich. Sie hat einen Anwalt eingeschaltet, um die höhere Miete abzuwenden. »Dass es nur noch so geht, macht mich traurig.«

Immobilienpreise und Mieten sind in den vergangenen Jahren stärker gestiegen als die Alterseinkommen, vor allem in den Städten zeigt sich das Problem. »Wir hören aus unseren Beratungsstellen, dass viele Menschen nicht mehr wissen, wie sie die steigenden Mieten bezahlen sollen«, sagt Verena Bentele, Chefin des Sozialverbandes VdK. »Das Problem betrifft längst auch die sogenannte Mittelschicht.«

Laut einer Studie des Pestel Instituts fehlen bundesweit rund 800.000 Wohnungen, gleichzeitig ist die Nachfrage ungebrochen. Schon 2019 hatten das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung und das Deutsche Zentrum für Altersfragen in einer Studie auf ein existenzielles Problem für Rentnerinnen und Rentner hingewiesen: 38 Prozent der Mieter über 65 Jahre gelten als finanziell überfordert. Mitte der Neunzigerjahre lag der Anteil mit rund 20 Prozent deutlich niedriger.

Studienautorin Laura Romeu Gordo prophezeit, dass die Spaltung im Land zunimmt – zwischen gut abgesicherten Eigentümern auf der einen und einer Vielzahl von Mietern mit niedrigen Einkommen auf der anderen Seite. »Das Problem ist in Deutschland besonders groß, weil hier besonders viele Menschen zur Miete wohnen.«

In den teuren Metropolen wird mancher Rentnerin nur eine vertrackte Wahl bleiben: Sich weit draußen niederzulassen, wo Wohnungen bezahlbar sind, am Stadtrand oder auf dem Land. Oder einen Antrag beim Amt zu stellen. Wohnexperte Matthias Günther vom Pestel Institut prognostiziert, dass in zwei Jahrzehnten 25 bis 35 Prozent der Senioren auf staatliche Unterstützung angewiesen sein werden, »um überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben«.

Bundeskanzler Olaf Scholz war mit dem Versprechen gestartet, die Wohnungskrise endlich anzugehen und für Lösungen zu sorgen.

Bauministerin Klara Geywitz (SPD) musste einräumen, dass die Ampelkoalition an ihrem Ziel gescheitert ist, jährlich für 400.000 neue Wohnungen zu sorgen. 2024 könnte die Zahl auf 177.000 fallen, so eine Studie des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Es wäre nah am historischen Tiefststand von 2009.

Was die Lage für Senioren noch schwieriger macht: Viele ältere Menschen haben besondere Bedürfnisse. Sie müssen mit Rollator oder Rollstuhl durch die Tür ins Bad kommen. Eine Dusche können sie oft nur nutzen, wenn die breit und flach genug ist. Auf diesem Markt ist die Lage desaströs: 2,2 Millionen barrierefreier Wohnungen fehlen in Deutschland, rechnet das Pestel Institut vor.

Forscher Günther hat für dieses Phänomen einen Begriff geprägt. Er spricht von »grauer Wohnungsnot«, auf die Deutschland in den nächsten Jahren zusteuere. Die Lage wird sich noch zuspitzen.

Die Notlösung: Was gibt es noch fürs Rennrad?

Die Notlösung: Was gibt es noch fürs Rennrad?

Foto: Norman Konrad / DER SPIEGEL

Heute kaschiert die Bundesregierung allenfalls Symptome. Für Mieter hat sie 2023 das Wohngeld reformiert und den Zugang erleichtert: Bis dahin erhielten 600.000 Haushalte diese Sozialleistung, weil sie sich ihre Miete sonst nicht leisten könnten. Künftig könnten es bis zu zwei Millionen sein. Hinzu kommt, dass die staatlichen Hilfen aufgestockt wurden, sie liegen bei durchschnittlich 370 Euro im Monat. Der Vorteil: Wer Wohngeld beantragt, darf – anders als in der Grundsicherung – über ein deutlich höheres Vermögen verfügen.

Für Senioren, die in ihrer eigenen Immobilie wohnen, haben sich die Aussichten in letzter Zeit verdüstert. Wenn sie ein unsaniertes Objekt besitzen, müssen sie damit rechnen, dass sie ihre Häuser für den Klimaschutz modernisieren, dass sie Wände und Dächer isolieren und ihre Heizung in absehbarer Zeit austauschen sollten. Anderenfalls sinkt der Wert ihres Eigenheims.

Der Staat gewährt zwar üppige Hilfen, seit Januar übernimmt er bis zu 70 Prozent der Kosten für einen Heizungstausch, auch für Dämmungen und Fenster gibt es Zuschüsse. Doch oft wird die Förderung nicht ausreichen, den drohenden Wertverlust auszugleichen.

Im schlimmsten Fall können die Sanierungskosten den Preis der ganzen Immobilie übersteigen. Wer geglaubt hat, er könne die Kosten fürs Pflegeheim mit dem Verkaufserlös der eigenen Immobilie stemmen, hat sich geirrt.

Wer bezahlt meine Pflege?

Auf Markus Sutorius Schreibtisch landen verzweifelte Briefe, geschrieben von Heimbewohnern und ihren Angehörigen, die überfordert sind von den Kosten in der Pflege. Es ist keine Seltenheit, dass Heime die monatlichen Entgelte um Hunderte Euro erhöhen und dass sie Nachzahlungen verlangen, die in die Tausende reichen.

Sutorius arbeitet als Rechtsexperte beim BIVA Pflegeschutzbund. Die Organisation, die die Interessen von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen vertritt, erhält pro Jahr rund 7000 Beratungsanfragen. Die Heimkosten seien ein »Topthema«, sagt er. Und zugleich eines, das sehr sensibel ist.

Foto: Marcus Simaitis / DER SPIEGEL
»Man muss früh genug entscheiden, wie man das Lebensende gestalten will.«

Markus Sutorius, 64, Rechtsexperte beim BIVA-Pflegeschutzbund

Gegen überzogene Forderungen wehren sich die wenigsten. »Die Leute haben Angst vor Repressalien, wenn sie Widerspruch einlegen«, sagt Sutorius. »Sie fürchten, dass die Pflege nachlässt, dass niemand mehr für Opa die Wasserflasche aufdreht oder das Glas nah genug ans Bett rückt.«

Im Januar mussten Pflegebedürftige im ersten Heimjahr durchschnittlich 2576 Euro aus eigener Tasche zahlen, ein neuer Rekord. In einigen Bundesländern sprengt die Belastung jedes Maß. Spitzenreiter ist das Saarland, wo ein Heimplatz die Betroffenen durchschnittlich 2981 Euro kostet. »Kaum jemand hat so eine Rente«, sagt Sutorius. »Das erreichen nur Beamte im gehobenen Dienst mit ihren Pensionen.«

Für den Anstieg gibt es viele Gründe. Die Inflation trifft auch die Heime. Die Betreiber müssen seit September 2022 Tariflöhne in der Pflege zahlen. Die Pflegekassen übernehmen diese höheren Ausgaben oft nur mit Verzögerung.

Allerdings sorgt die Bundesregierung kaum für Abhilfe. Sie schafft es gerade einmal, den Anstieg mit Zuschüssen zu bremsen. Im ersten Heimjahr liegen sie seit Januar bei 15 Prozent der reinen Pflegekosten; danach steigen sie an, auf bis zu 75 Prozent im vierten Jahr. Das Makabre daran: Die wenigsten Pflegebedürftigen profitieren von einer höheren Entlastung. Im Heim wird nach durchschnittlich nicht einmal zweieinhalb Jahren gestorben.

Sutorius sagt es so: »Das Reförmchen ist ein Witz.« Das Zuschuss-Plus werde durch die steigenden Heimkosten mehr als aufgefressen.

Am Ende bleibt den Betroffenen nur der Rückgriff auf das Ersparte. »Wer länger in einer Einrichtung lebt, muss dafür sein Vermögen aufbrauchen«, sagt der Rechtsexperte. In der eigenen Familie hat Sutorius das erlebt. Im vergangenen Jahr habe seine Schwiegermutter ihr Häuschen für rund 70.000 Euro verkauft, um ihren Heimplatz zu finanzieren. »Die Rücklagen schmelzen rasch.«

Im Notfall springt die Sozialhilfe ein, die in diesen Fällen »Hilfe zur Pflege« heißt. Dass der Staat hilft, ist etwas Gutes. Allerdings empfinden es viele Senioren als entwürdigend, einen zwölfseitigen Antrag einzureichen und ihr Erspartes offenzulegen.

Eine Alleinstehende darf maximal 10.000 Euro an Vermögen für sich behalten, bei Paaren sind es 20.000 Euro. Erst sollen die Pflegebedürftigen ihre eigenen Mittel einsetzen, bevor die Steuerzahler aushelfen, so das Prinzip. Nur wer selbst nichts zurückgelegt hat, dem wird sofort geholfen.

Alles muss raus – auch die Uhr?

Alles muss raus – auch die Uhr?

Foto: Norman Konrad / DER SPIEGEL

Was den Sozialstaat bezahlbar macht, was für Gerechtigkeit sorgen soll, führt zu einem Dilemma für alle Senioren, die ihr Leben lang Geld zurückgelegt haben. Und darauf hofften, sie könnten ihren Kindern irgendwann ihr Häuschen vererben – mit allen Erinnerungen, die daran hängen.

Sutorius‘ Rat ist pragmatisch: »Das Vermögen langsam, aber sicher an die Kinder übertragen.« Und sich ein Wohn- oder Nießbrauchsrecht im Alter sichern. Wenn zehn Jahre verstrichen seien, könne das Sozialamt nicht mehr auf das Häuschen zugreifen. »Man muss früh genug entscheiden, wie man das Lebensende gestalten will.« Oft sei es besser, noch mit warmer Hand zu geben.

Teilen Sie uns Ihre Meinung mit!

Schon vor einem Jahr hatte ein Bündnis aus Sozial-, Wohlfahrts- und Pflegeverbänden sowie Gewerkschaften vor wachsender Armut durch die Pflege gewarnt. »Immer weniger Menschen können sich die eigene Pflege leisten«, heiß es in ihrem Aufruf. Es gibt viele Vorschläge, wie das System verändert werden könnte. Beispielsweise, indem die Pflegekosten gedeckelt werden, die von den Senioren selbst gezahlt werden müssen.

Eine gute Versicherung, das wäre das Ideal, könnte viele Sorgen nehmen, vor allem die finanziellen. An diesem Anspruch ist die gesetzliche Pflegekasse gescheitert. Als sie vor 30 Jahren gegründet wurde, war eines ihrer Ziele, Pflegebedürftige aus der Sozialhilfe zu holen – und die Familien und potenziellen Erben zugleich nicht völlig aus der Verantwortung zu lassen. Das System wurde deshalb als Teilkaskomodell konzipiert, die gesetzliche Kasse springt nur für einen Teil der Pflegekosten ein. Inzwischen zeigen sich die Grenzen. Im Jahr 2022, das sind die jüngsten verfügbaren Daten, waren 377.000 Pflegebedürftige auf staatliche Hilfe angewiesen.

Dass die Ausgaben unbeherrschbar werden, hat auch die Bundesregierung erkannt. »Erstmals stellt sich die Frage, wie lange die Pflegeversicherung überhaupt bezahlbar bleibt«, sagte Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) im Mai in einem Interview. Eine Lösung bleibt er schuldig. In dieser Legislaturperiode rechnet er nicht mehr mit einer Reform.

»So kann man als Minister nicht agieren«, sagt Heinz Rothgang, Gesundheitsökonom von der Universität Bremen. »Das ist, offen gesprochen, eine Bankrotterklärung.«

Wie kann ich selbst vorsorgen?

Finanzexperten empfehlen, sich nicht allein auf den Staat zu verlassen, sondern für die Risiken des Lebens Geld zurückzulegen. Wer früh beginnt, kann stattliche Summen aufbauen . Eine 30-Jährige beispielsweise, die jeden Monat 263 Euro spart, kann ein Vermögen von mehr als 414.000 Euro anhäufen, bis sie in Rente geht.

Allerdings sind viele Menschen damit überfordert. Knapp ein Viertel aller Befragten in Deutschland gab in einer Umfrage der Großbank ING an, über keine eigenen Ersparnisse zu verfügen. Im internationalen Vergleich gelten die Deutschen als Anlagemuffel, vor allem an den Börsen.

Es rächt sich, dass es in der Sozialpolitik eine große Unvollendete gibt: Ungeklärt ist, wie der Staat seine Bürger unterstützen kann, für ihr Alter vorzusorgen.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten wird darüber diskutiert und an Lösungen herumgedoktert. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hatte zu Beginn des neuen Jahrtausends einen Paradigmenwechsel durchgesetzt, gegen alle Widerstände: Nicht die gesetzliche Rente allein soll seither dafür sorgen, den Lebensstandard im Alter zu sichern. Die Menschen müssen sich auch privat absichern.

Alle Debatten, die noch heute über das Rentenniveau geführt werden, haben ihre Wurzeln in dieser Zeit. Den Nachhaltigkeitsfaktor, der für mehr Gerechtigkeit zwischen den Generationen sorgte und den Heil jetzt abschaffen will, hatte Schröder eingeführt. Das Sicherungsniveau sank von damals rund 53 auf heute 48,1 Prozent. Die Renten haben sich seitdem besser entwickelt als gedacht, doch ein Gefühl von Unsicherheit ist geblieben.

»Wer heute 50 Jahre alt ist, hat jahrzehntelange Reformversuche miterlebt«, sagt Soziologe Bode. Auch das Rentenpaket der Ampel sei nur »die jüngste Episode einer langen Unsicherheitserfahrung«.

Inzwischen sinke auch das Vertrauen in den Staat, so Bode. Er verweist auf Forschungsergebnisse, die nahelegen, dass Rentenangst und Abstiegsängste mit Demokratieskepsis einhergehen. Besonders ausgeprägt sei dieser Zusammenhang bei Nichtwählern, Anhängern von Kleinstparteien – und Sympathisanten der AfD.

Tatsächlich ist die Verwirrung groß, auch das Rentenpaket wird daran wenig ändern. Bis heute gibt die Bundesregierung keinen klugen Weg vor, was der einzelne Bürger machen soll, um seine Versorgungslücke zu schießen.

Die Riester-Rente, eingeführt im Jahr 2002, hat sich als intransparent, teuer und unrentabel erwiesen. Die Zahl der Abschlüsse ist überschaubar. Ein Fünftel der rund 15,9 Millionen Verträge ruht, weil niemand mehr Geld einzahlt. Nur jeder Zweite schöpft die volle Förderung aus.

Eine Statistik des Finanzministeriums zeigt das Ausmaß des Scheiterns: Riester-Rentner erhalten im Alter durchschnittlich 1581 Euro – pro Jahr, abzüglich Steuern. »Das ist keine Altersvorsorge, sondern allenfalls ein karges Zubrot«, sagt Britta Langenberg von der Bürgerbewegung Finanzwende.

Langenbergs Berechnungen zeigen, dass es fast alle Riester- und Rürup-Renten nicht einmal schaffen, die Inflation auszugleichen: Von insgesamt 111 untersuchten Produkten erzielten nur zwei auf Dauer eine Rendite von zwei Prozent. Eine Riester-Kundin müsste bei einem typischen Vertrag 99 Jahre alt werden, um real das Geld zurückzubekommen, das sie eingezahlt hat.

Dass es einen Neustart braucht, darin sind sich alle Experten einig. Sinnvoll sei ein »öffentlich verwalteter, stark aktienbasierter Fonds«, schreibt der Sachverständigenrat der Bundesregierung in seinem jüngsten Jahresgutachten.

Als Vorbild gilt Schweden, das schon zur Jahrtausendwende einen staatlichen Altersvorsorgefonds einführte, der breit gestreut in Aktien investiert. Mehr als fünf Millionen Menschen in Schweden zahlen in diesen Topf ein. Seine Rendite liegt seit 2000 im Schnitt bei 10,4 Prozent im Jahr. Trotz Börsencrashs, Finanzkrise und Coronapandemie. Die Schweden können sich alternativ auch für staatlich zertifizierte Fonds von privaten Anbietern entscheiden. Nur eines müssen sie: einzahlen.

Deutschland hätte da noch einiges zu erledigen. Doch das neue Generationenkapital, das die Bundesregierung mit ihrem Rentenpaket einführen will, hat mit dem schwedischen Modell nicht das Geringste zu tun.

Was die Ampelkoalition plant: Sie will einen Kapitalstock in der Rentenkasse aufbauen, den es bislang nicht gab. Dessen Erträge dienen aber nur dazu, jene Milliardenkosten abzupuffern, die durch das eingefrorene Rentenniveau entstehen. Beim Aufbau einer individuellen, privaten Vorsorge helfen sie nicht. Und auch die junge Generation kann auf echte Entlastung nicht hoffen.

Bis heute hat die Bundesregierung keine Reform der privaten Altersvorsorge vorgelegt, obwohl sie das im Koalitionsvertrag versprochen hat. Frühestens in diesem Sommer wird Finanzminister Christian Lindner (FDP) ein Konzept vorstellen. Es droht gewaltiger Ärger: Viele Liberale wollen ihre Zustimmung zum Rentenpaket an eine Reform der privaten Altersvorsorge knüpfen.

Nur haben die Ampelpartner höchst unterschiedliche Vorstellungen, mal wieder. Die Grünen wollen, dass alle Bürger automatisch in einen öffentlichen Fonds einzahlen, sofern sie nicht explizit widersprechen. Die SPD hängt an der Betriebsrente. Die FDP will einen öffentlichen Topf nur als Teilfinanzierung der gesetzlichen Rente. Bei der privaten Vorsorge soll es ein gefördertes »Altersvorsorgedepot« geben, bestückt mit Produkten der Finanzindustrie.

Statt selbst ein Konzept zu entwickeln, lagerte Finanzminister Lindner den absehbaren Streit in eine sogenannte Fokusgruppe aus, bestehend aus drei Ministerien, Wissenschaftlern – und Lobbyisten. Auch die Finanzbranche saß am Tisch. »Nach kontroverser Diskussion«, so hieß es schließlich, habe man sich nicht auf einen öffentlich verwalteten Fonds für die individuelle Vorsorge einigen können.

Die private Vorsorge, das zeichnet sich ab, wird weiter ausschließlich von der Finanzindustrie angeboten werden. Das erinnert fatal an die Riester-Rente. Banken und Versicherungen winkt ein einträgliches Geschäft. Verbraucher ohne eigenes Anlagewissen dürften ratlos zurückbleiben.

Andererseits: Warum warten, bis die Politik die Altersvorsorge reformiert? Da wäre zum Beispiel Laura Stuhldreier, Studentin aus Münster, 21 Jahre alt.

Vorsorge, Rentenlücke, Altersarmut – für sie sind das keine abstrakten Begriffe. Sie kennt das aus der eigenen Familie: Ihre Großmutter musste bis ins hohe Alter arbeiten, die Friseurin betrieb einen eigenen Salon. »Sie konnte kaum Geld für den Ruhestand zurücklegen«, so erzählt Stuhldreier das. »Ich habe früh gelernt, dass ich selbst etwas für meine Rente machen muss.«

Die Jüngeren könnten es besser machen, vor allem sollten sie zeitig damit beginnen. Und möglicherweise ist es nicht damit getan, einen Nachfolger für die verunglückte Riester-Rente aufzusetzen oder einen risikoarmen Staatsfonds auch für Menschen mit kleinsten Einkommen einzurichten. Vielleicht muss man viel grundsätzlicher anfangen. Zum Beispiel in der Schule.

Foto: Marcus Simaitis / DER SPIEGEL
»Dass wir Junge für immer mehr Rentner aufkommen müssen, kann auf Dauer nicht funktionieren.«

Laura Stuhldreier, 21, Studentin

Schon als im Sozialwissenschaftsunterricht in der zehnten Klasse die Sache mit dem demografischen Wandel erklärt wurde, dämmerte es Laura Stuhldreier.

»Dass wir Junge für immer mehr Rentner aufkommen müssen, kann auf Dauer nicht funktionieren«, sagt sie. »Das sollte jedem bewusst sein!«

Schon als Teenagerin beschließt sie, in Aktien zu investieren. An ihrem 18. Geburtstag eröffnet sie mit ihrem Handy ein Depot bei einem sogenannten Neobroker. Erst verfolgt sie das Auf und Ab der Aktienkurse, ohne mit Geld einzusteigen. Wie eine Turmspringerin, die den Sprung vom Brett scheut: Soll man das wirklich riskieren?

Monate vergehen, bis Stuhldreier ihr Geld dem Aktienmarkt anvertraut. Sie schließt ihren ersten Sparplan ab, investiert seither Woche für Woche in sogenannte Indexfonds, die oft Tausende von Einzelaktien abbilden. Der Großteil ihrer Ersparnisse steckt im Welt-Aktienindex MSCI World, dazu kommen börsennotierte Firmen aus Schwellenländern.

Stuhldreier studiert Volkswirtschaftslehre – und ist nicht allzu leicht zu erschüttern. Auch nicht von männlichen Kollegen im Börsenverein der Universität, die anfangs mit ihren Investments prahlen. »Die haben eine ziemlich große Klappe, aber die Performance kann da oft nicht mithalten«, sagt sie. »Meine Strategie ist vielleicht nicht spektakulär, aber erfolgreich.« Ihre Aktien will sie behalten, solange es geht.

Wie Stuhldreier ticken viele aus der Generation Z. Etwas Geld anzulegen, und sei es nur eine kleine Summe, ist für sie ganz normal. Während die Ampelkoalition noch darüber streitet, wie viel Risiko bei der Altersvorsorge erlaubt ist, schaffen sie Fakten. Offensichtlich wächst eine Alterskohorte heran, die sich früh Gedanken macht, wie sie vorsorgen kann.

Die Zahl der jungen Aktionäre hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Rund 3,6 Millionen der unter 40-Jährigen in Deutschland besitzen Aktien, Aktienfonds oder ETFs, wie Zahlen des Deutschen Aktieninstituts zeigen. »Die Generation Z investiert undogmatisch und renditeorientiert«, sagt der Marburger Finanzforscher Oscar Stolper, der für die Fondsfirma Union Investment das Anlageverhalten der 18- bis 24-Jährigen untersucht hat. »Die junge Generation lebt mit dem Bewusstsein, dass die staatliche Rente allein nicht ausreichen wird, um den eigenen Lebensstandard im Alter zu halten.«

Wie diese Geschichte entstanden ist
Foto:

Julian Busch / DER SPIEGEL

Manchmal kommt der Schock mit der Rechnung vom Pflegeheim, manchmal mit der Mieterhöhung, und oft reicht ein Blick auf den Rentenbescheid. Ob wir im Alter gut versorgt sein werden, scheint unkalkulierbar geworden zu sein. Und auch die geplante Rentenreform wird daran für viele wenig ändern. Ein Team um SPIEGEL-Redakteurin Cornelia Schmergal erzählt, wie die Angst vor dem Abstieg in die Mitte der Gesellschaft sickert. Die Journalisten trafen verunsicherte Seniorinnen, die sich ein Leben lang sicher wähnten und sich nun fragen, ob sie sich den Besuch im Restaurant noch leisten können oder gar ihr Häuschen verkaufen müssen. Das Team rechnet vor, wie sich die Rentenlücke schließen lässt, wenn man früh genug zu sparen beginnt. »Die Generation Z ist viel offener für die private Geldanlage. Weil sie weiß, dass sie später ohnehin keine Wahl haben wird«, sagt Schmergal.

Es wird ihnen keine andere Wahl bleiben. Niemand weiß, wo das Sicherungsniveau um das Jahr 2070 wirklich liegen wird. Dann, wenn auch Laura Stuhldreier in den Ruhestand geht.

Kürzlich, erzählt sie, habe ihre Großmutter sie um Hilfe gebeten. »Meine Oma hat sich das bei mir lange angeschaut«, sagt sie. »Jetzt möchte sie selbst einen kleinen Teil ihrer Ersparnisse in Aktien investieren.«

Anmerkung der Redaktion: Zur besseren Verständlichkeit wurde ergänzt, dass die Bezeichnung »netto und vor Steuern« im Kontext der gesetzlichen Rente »nach Abzug der Beiträge zu Kranken- und Pflegeversicherung« bedeutet.

Zur Ausgabe
Artikel 1 / 74