Analyse Die schwindende Macht der Opec
Frankfurt am Main - Es war kein gutes Jahr für die Organisation Erdöl exportierender Staaten (Opec). Nicht nur, dass sich das Kartell angesichts der konjunkturellen Abkühlung einer stagnierenden Weltölnachfrage gegenübersieht - auch die Rahmenbedingungen haben sich grundlegend geändert. 2001 könnte der Anfang vom Ende der einst allmächtigen Opec gewesen sein.
Im abgelaufenen Jahr hat sich ein Trend verschärft, der bereits seit rund zwei Jahren zu beobachten ist: Die Opec verliert Marktanteile an Förderstaaten außerhalb der Organisation, ihre Machtbasis erodiert. Die Internationale Energieagentur (IEA) erläuterte in ihrem letzten Monatsbericht, dass beispielsweise im November 2001 die Produktionskürzungen der Opec durch die Nicht-Opec-Staaten mehr als ausgeglichen wurden.
Russland als neue Nummer eins?
Im kommenden Jahr wird sich der Trend aller Voraussicht nach fortsetzen. Auch die Opec selbst geht von einer Erhöhung der Fördermengen durch die nicht im Kartell organisierten Staaten aus - und das bei einer kaum erhöhten Weltölnachfrage.
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Russland ist derzeit auf dem besten Weg, Saudi-Arabien als größtem Rohölexporteur den Rang abzulaufen. Staaten wie Angola erschließen neue Ölfelder, andere haben wegen der zuletzt hohen Energiepreise in neue und verbesserte Fördertechniken investiert. Hinzu kommt, dass der Westen kaum daran interessiert sein kann, die Abhängigkeit von den politisch unsicheren Kantonisten in der Golfregion zu erhöhen. So setzen US-amerikanische Explorationsunternehmen darauf, sich über neue Pipelines die ölreichen Gebiete um das Kaspische Meer zu erschließen und zugleich einen weiteren Transportweg zu öffnen.
Diese Entwicklung ist Russland in mehrfacher Hinsicht genehm: Zum einen fließen dem Land durch erhöhte Ölexporte und die Nutzung russischer Pipelines durch ausländische Ölproduzenten wertvolle Dollar zu. Schon hat diese Einnahmequelle zu einer deutlichen Entspannung des russischen Haushalts und zu einer raschen Reduzierung der Auslandsschulden geführt. Zum anderen sichert jede Leitung aus den südlichen Nachfolgestaaten der Sowjetunion den Einfluss im politisch höchst fragilen Zentralasien - etwa schlicht über die Drohung, die Pipelines zu blockieren. Dass Russland entschlossen ist, diese Position der Stärke weiter auszubauen, zeigt auch die erklärte Absicht des Landes, selbst längerfristig ein geringeres Preisniveau zu akzeptieren.
Opec steht auch politisch unter Druck
Der Ruf der Opec nach Kooperation der Nicht-Opec-Staaten bei der Reduzierung des globalen Rohölangebots verhallte weitgehend ungehört. Norwegen reagierte zunächst gar nicht, Russland bot häppchenweise Förderkürzungen von eher symbolischem Wert an. Zudem erwägen die inzwischen weitgehend entstaatlichten russischen Ölkonzerne, die reduzierten Exporteinnahmen durch höhere Ausfuhren raffinierter Produkte aufzufangen.
Die durch die Terroranschläge veränderte politische Großwetterlage könnte die Opec zusätzlich unter Druck setzen. Das merklich abgekühlte Verhältnis der USA zu Saudi-Arabien dürfte im kommenden Jahr den Spielraum für preistreibende Maßnahmen des Ölkartells begrenzen, will sich das Schwergewicht der Organisation nicht den Vorwurf einhandeln, die schwächelnde Weltkonjunktur durch höhere Energiepreise abzuwürgen.
Zugleich wird sich Russland als Global Player auf den Weltölmärkten positionieren. Beobachter erwarten angesichts dieser Rahmenbedingungen nicht, dass die Rohölpreise im Jahresdurchschnitt 2002 die Untergrenze des Opec-Preisbands von 22 Dollar deutlich überschreiten werden - im Gegenteil, das Preisniveau könnte durchaus auch für einige Zeit unter der 20-Dollar-Marke bleiben.