Andersen-Prozess Kronzeuge gibt Behinderung der Justiz zu
Houston - Duncan, der frühere Chef-Wirtschaftsprüfer des bankrotten Energiehändlers Enron, sagte am Montag erstmals im Prozess gegen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Andersen LLP aus. Andersen wird vorgeworfen, vorsätzlich in großem Stil mit dem Fall Enron in Zusammenhang stehende Dokumente und E-Mails vernichtet zu haben. Andersen hat eine etwas andere Version: Duncan und seine Mitarbeiter sollen die Unterlagen im Houstoner Andersen-Büro angeblich gegen den Willen der Chicagoer Zentrale geschreddert haben. Duncan wurde daraufhin Anfang 2002 gefeuert, nachdem er zuvor 20 Jahre für Andersen gearbeitet hatte.
"Ich habe die Justiz behindert", so Duncan laut dem "Wall Street Journal" während der Anhörung, "ich habe Mitarbeiter meines Teams aufgefordert, einer Dokumentenaufbewahrungspolitik Folge zu leisten, von der ich wusste, dass sie zu der Zerstörung von Unterlagen führen würde." Der 43-jährige Wirtschaftsprüfer hat bezüglich des Anklagepunkts der Justizbehinderung auf schuldig plädiert. Dies könnte ihm eine Gefängnisstrafe von bis zu zehn Jahren eintragen.
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Duncan gilt als Kronzeuge im Fall Andersen. Zunächst hatte er geschwiegen und so die offizielle Version Andersens gestützt: Einige Tage bevor die Börsenaufsicht SEC Ermittlungen gegen Enron einleitete und Dokumente von dessen Wirtschaftsprüfer Andersen anforderte, hatte Andersens Justiziarin Nancy Temple am 12. Oktober 2001 ein E-Mail an die Houstoner Dependance geschickt, in dem sie Duncan und seine Kollegen auf Andersens Politik bezüglich der Aufbewahrung von Dokumenten hinwies. Diese berühmt gewordene "document retention policy" war nach Ansicht der Ermittler ein Wink mit dem Zaunpfahl, schnellstens alle belastenden Unterlagen durch den Schredder zu jagen. Andersen behauptet hingegen, Temple habe lediglich routinemäßig auf die langjährige Aufbewahrungspolitik hinweisen wollen.
Duncans Aussage erhärtet den Verdacht der vorsätzlichen Vertuschung, denn der Houstoner Prüfer war sich offensichtlich der Tatsache bewusst, dass er etwas Verbotenes tat. Es erscheint unrealistisch, dass dies in Andersens Chicagoer Hauptquartier nicht ebenfalls bekannt war. Außerdem wusste Andersen offenbar von der drohenden Untersuchung durch die Börsenaufsicht. Nach Darstellung des verantwortlichen Staatsanwalts Samuel Buell sagte Justiziarin Temple bereits am 9. Oktober in einer internen Besprechung, es sei "sehr wahrscheinlich", dass auch Andersen Gegenstand der Enron-Untersuchung der SEC werde.
Die Staatsanwaltschaft versuchte während der Anhörung deutlich zu machen, wie eng die Verbindung zwischen Andersen und Enron tatsächlich war. Ankläger Andrew Weissmann zeigte Grundrissskizzen des Enron-Gebäudes, um zu belegen, dass Prüfer (Andersen) und Geprüfter (Enron) jahrelang Schreibtisch an Schreibtisch arbeiteten. Viele Andersen-Mitarbeiter seien über die Jahre zu Enron gewechselt, darunter Jeff McMahon, Enrons kurzzeitiger Präsident, so Weissmann.