Andersen: Der fatale Umgang mit einem Kritiker - DER SPIEGEL
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Andersen Der fatale Umgang mit einem Kritiker

Schon im Dezember 1999 stellte ein Andersen-Partner die Bilanzierungspraktiken von Enron in Frage. Doch seine internen Memos wurden ignoriert, er wurde auf Betreiben von Enron von seiner Funktion entbunden.
Von Carsten Matthäus
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Washington/Houston - Vor mehr als zwei Jahren meldete Carl Bass erste Zweifel an. Enron hatte zu dieser Zeit damit begonnen, so genannte "Raptors" zu gründen. Diese Scheinunternehmen, die mit Hedging-Geschäften in guten Zeiten hohe Gewinne einbrachten, sorgten bei sinkenden Kursen für dramatische Verluste. Bass war zu dieser Zeit Mitglied der Professional Standards Group (PSG), einer internen Beratergruppe, die von Andersen für besonders komplexe Bilanzierungsprobleme eingeschaltet wurde. Schon bei der Gründung kritisierte Bass das Vorhaben von Enron, die "Raptors" nicht in die Bilanz aufzunehmen. Dies geht aus internen Memos hervor, die die Commission on Energy an Commerce des US-Kongress nun veröffentlicht hat.

Bass sollte Recht behalten. Als Enron Mitte Oktober 2001 wegen der "Raptor"-Gesellschaften rund eine Milliarde Dollar abschreiben musste, nahm die größte Pleite der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte ihren Lauf. Mit Blick auf die Scheingesellschaften hatte Bass schon im Februar 2000 in einem Memo an Andersens Enron-Team geschrieben: "Es sieht so aus, als ob die ganze Sache keine Substanz hat". Nach Ansicht des Kongress-Abgeordneten Billy Tauzin, der die Enron-Untersuchungen leitet, belegt der interne Schriftverkehr die "Unstimmigkeiten zwischen Andersens Enron-Team und anderen Experten von Andersen". Insgesamt veröffentlichte der Kongress mehr als zwei Dutzend interne Memos und Emails.

Mit seiner Kritik stieß Bass bei den Kollegen auf taube Ohren. Mit immer neuen Tricks schafften es die Enron-Finanzleute, die Belastungen der Scheingesellschaften aus der Bilanz zu verbannen - und die Prüfer von Andersen ließen sie gewähren. Schlimmer noch, Bass' Kollegen brachen den Kodex der Firma. Wie in den meisten Unternehmensberatungen üblich, soll der Kunde nichts von den internen Diskussionen der Berater mitbekommen und schon gar nicht die Namen der Kollegen erfahren, die unangenehme Positionen vertreten.

Bass hingegen wurde gegenüber Enron als Quertreiber hingestellt. In einem internen Memo an seinen Vorgesetzten beklagt er sich im März 2001 darüber, dass er von einer Enron-Angestellten mit den Worten begrüßt wurde: "Ach Sie sind der, der uns nichts tun lässt". Unter der Leitung des Enron-Finanzchefs Andrew Fastow wurde dennoch weitergetrickst. Noch im März 2001 wurde Bass aus dem PSG herausgenommen, er blieb jedoch Andersen-Berater.

"Andersen steht voll und ganz hinter ihm", sagt sein Kollege Rusty Hardin, der jedoch bestätigt, dass sich Enron im Vorfeld der Versetzung bei den Andersen-Chefs über Bass beklagt hatte. Doch Hardin zufolge wurde Bass durch einen Kollegen ersetzt, der die Enron-Praktiken ebenfalls sehr kritisch sah. "Keine Frage, es gab innerhalb von Andersen hitzige Diskussionen über Enrons Buchführungspraktiken."

David Duncan, Andersens Chefprüfer für Enron, war trotz der internen Diskussionen bis zuletzt nicht bereit, seinen Großkunden vor den Kopf zu stoßen. Erst im Oktober gab er auf und verlangte von Enron die Offenlegung der Milliardenverluste. Neben dem Zusammenbruch von Enron sorgte er damit auch für die schlimmste Krise, in der die fünftgrößte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft der Welt nun steckt.