Arbeitslose: Hungrig, krank, verzweifelt - DER SPIEGEL
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Arbeitslose Hungrig, krank, verzweifelt

Erstmals ist die Polizei gegen private Arbeitsvermittler vorgegangen, weil deutsche Jobsuchende ins Ausland gelockt und abgezockt wurden. Die Bundesagentur für Arbeit und das Auswärtige Amt schienen zu schlafen.
Von Sebastian Ramspeck
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Für den arbeitslosen Maurer aus Berlin klang es nach einem Traumjob: Sechs Monate lang sollte Olaf Werner, 39, auf einer Baustelle in Spanien anpacken - mit deutschem Arbeitsvertrag, gutem Lohn und kostenloser Unterkunft in einem Hotelzimmer mit Küche und Bad.

Doch der Traumjob im Ausland entpuppte sich schnell als Alptraum. In den schäbigen Häusern, die den Arbeitern als Unterkunft dienten, gab es im Februar weder Heizung noch Decken - "nur Kakerlaken, in allen Größen", erzählt Werner. Die Männer froren, viele wurden krank. Vor allem aber blieb der Lohn aus. Werner konnte sich kaum etwas zu essen kaufen und pflückte heimlich Orangen, Kohlrabi und Honigmelonen.

Gestrandet und abgezockt im Ausland - ein Schicksal, das gewöhnlich bulgarische Baukolonnen oder russische Seeleute in Deutschland ereilt, ist jetzt deutschen Arbeitern im Ausland widerfahren. Nach Ermittlungen des Berliner Landeskriminalamts (LKA) sind Olaf Werner und 67 Kollegen Opfer einer neuen Betrugsmasche geworden: Erstmals seit Einführung der Vermittlungsgutscheine der Bundesagentur für Arbeit (BA) seien Jobsuchende ins Ausland gelockt und dort um ihren Lohn geprellt worden. Dafür hätten private Arbeitsvermittler Provisionen von der BA kassiert.

Anfang Juni durchsuchte die Polizei bundesweit zwölf Wohnungen und Geschäftsräume. Sie ermittelt gegen mindestens ein Dutzend Verdächtige aus dem Umfeld von Baufirmen und einer Berliner Personalvermittlungsagentur. Ihnen wird Betrug vorgeworfen. Geschätzter Gesamtschaden: mehr als eine halbe Million Euro. Für Holger Bernsee, der beim Berliner LKA die Ermittlungen leitet, könnte es sich gar um den ersten Fall von "Menschenhandel zur Ausbeutung der Arbeitskraft" mit deutschen Opfern handeln. Der neue Strafgesetz-Paragraf 233 war im Februar in Kraft getreten - zum Kampf gegen die illegale Einwanderung. "Dass wir es auch mit Deutschen zu tun haben werden, die im Ausland ausgenutzt werden, hätten wir nicht gedacht", sagt Bernsee.

Der Fall wirft einmal mehr ein schiefes Licht auf die BA und die Vermittlungsgutscheine. Mit den Scheinen können private Makler 2000 Euro kassieren, wenn sie einem Arbeitslosen einen Job verschaffen - allzu oft ist das eine Einladung an Abzocker und Betrüger. Mehr als 100.000 Scheine wurden bis Dezember 2004 bei der BA eingelöst, bei mindestens 20.000 sackten die Vermittler die Provision zu Unrecht ein, schätzt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Sollten sich die Verdachtsmomente erhärten, wäre der Berliner Fall ein besonders krasses Beispiel für das Geschäft mit verzweifelten Arbeitslosen.

"Verkettunng unglücklicher Umstände"

Die mutmaßlichen Betrüger hätten Olaf Werner und seine Kollegen im Februar an die Berliner Constructo Contempo GmbH vermittelt, so die Erkenntnisse des LKA. Für jeden Beschäftigten konnten sie mit einer BA-Provision rechnen - 1000 Euro sechs Wochen nach Arbeitsbeginn, weitere 1000 Euro nach sechs Monaten. Eine spanische Firma, die sich ebenfalls Constructo Contempo nannte, habe die Arbeiter auf einer Großbaustelle im südspanischen Roldán eingesetzt und sie dort um ihren Lohn geprellt.

Der beschuldigte Arbeitsvermittler Jürgen H. bestreitet sämtliche Vorwürfe und spricht von einer "Verkettung unglücklicher Umstände". Der Geschäftsführer der Berliner Constructo Contempo, Kai N., schiebt der spanischen Schwesterfirma die Schuld zu: "Die haben kein Geld überwiesen, deshalb konnten wir nicht bezahlen." Er wolle nun Insolvenz . Die spanische Constructo Contempo ist für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Olaf Werner erzählt, die deutschen Mitarbeiter der spanischen Baufirma hätten ihn und die anderen Arbeiter immer wieder vertröstet, bald gebe es Geld. Doch auf den versprochenen Tagessatz von 36 Euro und den Stundenlohn von 12,47 Euro warteten die Männer weitgehend vergeblich. "Wir haben trotzdem gehofft. Zu Hause gab's ja och keene Arbeit", sagt Werner.

Sein Kollege Lutz Beier, 34, aus Usedom kaufte mit seinem letzten Geld eine Telefonkarte und rief die deutschen Konsulate in Alicante und Barcelona, die Botschaft in Madrid und das Auswärtige Amt in Berlin an. Er bat um Hilfe. Stets sei er abgewimmelt worden, erzählt Beier. Mit einem Faxschreiben erstattete er dann Anzeige gegen die Constructo Contempo und ließ eine Kopie dem Konsulat in Barcelona zukommen - ohne Folge.

Auch die BA schien zu schlafen. Bereits am 8. Februar hatte ein Sachbearbeiter einer BA-Geschäftsstelle in einem internen Vermerk "erhebliche Zweifel an der Bonität" der Constructo Contempo gemeldet, später liefen eine Mitteilung der IG Bau und Beschwerden Betroffener ein - doch die Nürnberger BA-Zentrale unternahm lange nichts.

Zwar stoppten einige Geschäftsstellen die Provisionszahlungen, weil sie vermutlich gewarnt worden waren. Doch andere Stellen zahlten weiter - noch im April floss offenbar Geld an Beschuldigte. Erst am 2. Mai verbreitete die BA eine bundesweite interne Missbrauchswarnung.

Nach 13 Wochen hatte Werner genug

Die einzige, die den deutschen Bauarbeitern in Roldán half, war Antonia Ros, die stellvertretende Bürgermeisterin. "Plötzlich standen die in meinem Büro, hungrig, krank, verzweifelt", erinnert sich die Kommunalpolitikerin an die Gastarbeiter aus dem Norden. Eine Freundin übersetzte. "Erst konnte ich gar nicht glauben, was die Männer erzählten", sagt Ros. Sie fuhr zum Supermarkt und zur Apotheke, kaufte auf eigene Rechnung Getränke, Essen und Medikamente.

Nach 13 Wochen hatte auch Olaf Werner, einer der letzten Deutschen in Roldán, genug. In der Finka einer deutschen Touristin verdiente er 109 Euro mit Malerarbeiten und kaufte damit ein Flugticket zurück nach Deutschland. Die Constructo Contempo hat er mittlerweile auf Zahlung verklagt: 6774 Euro Bruttolohn plus 2052 Euro Nettoansprüche.

Doch Spanien reizt ihn weiter. "In Berlin find icke keene Arbeit, dort unten gibt es wenigstens was zu tun." In Marbella werden Maurer gesucht, hat er auf einer Webseite gesehen - "ohne Vermittlungsfirma". Als Unterkunft verspricht der Arbeitgeber eine "Villa mit Swimmingpool". Werner hat sich bereits beworben: "Das muss das Happy-End sein."