Arbeitsmarkt Das große Streichkonzert der Konzerne
Frankfurt am Main - Schon droht die nächste Massenkürzung, diesmal beim Chemie-Giganten Bayer . Gefahr besteht in den nächsten Jahren für weit mehr als 10.000 der noch rund 128.000 Arbeitsplätze in dem Konzern. In einem vorab veröffentlichten Interview der "Wirtschaftswoche" kündigte Konzernchef Werner Wenning an, dass dem Konzernumbau nochmals mindestens 4000 Arbeitsplätze zum Opfer fallen werden. Einer Bayer-Sprecherin zufolge addieren sich diese zum bereits 2001 angekündigten konzernweiten Abbau von 5000 Stellen sowie zur Streichung von 1300 Jobs in der Pharmasparte.
Die Ankündigung ist nur ein weiterer Punkt auf einer langen Liste. Erst Ende letzter Woche hatte Siemens die Belegschaft aufgeschreckt, als der Vorstand den Abbau von weiteren 4000 Stellen in der Netzwerksparte und rund 700 Stellen im Bereich Mobilfunk angekündigt hatte. Schon im vergangenen Jahr hatte die Konzernspitze vorgegeben, konzernweit 30.000 Stellen zu streichen.
Bei den Töchtern sieht es nicht anders aus: Infineon kürzte bereits 5000 Jobs, Epcos will zukünftig auf 1300 Mitarbeiter verzichten.
Auch in der Finanzbranche ist derzeit ein beispielloses Streichkonzert im Gange. Die Deutsche Bank hatte bereits im vergangenen Jahr das Auslaufen von 9200 Jobs bis Mitte März 2003 beschlossen. Letzte Woche hat Bankchef Josef Ackermann die Zahl auf 14.500 bis Ende 2003 erhöht. Derzeit hat die Deutsche Bank noch 84.500 Beschäftigte.
Noch finsterer ist die Lage bei der Dresdner Bank. Nach der Übernahme durch die Allianz muss Dresdner-Chef Bernd Fahrholz immer tiefere Einschnitte verkünden. Bisher stehen rund 11.000 Stellen auf der Streichliste - mehr als jeder fünfte Arbeitsplatz. Auch bei der Commerzbank (4300 Stellen) und der HypoVereinsbank (9100 Stellen) regiert der Rotstift.
Zu den Horrormeldungen der Konzerne gesellen sich die immer schlechteren Zahlen vom Arbeitsmarkt. Nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeit (BA) gab es im Juli 92.600 mehr Erwerbslose als im Juni und 248.200 mehr als im Juli 2001. Die Arbeitslosenquote stieg im Vergleich zum Juni um 0,2 Prozentpunkte auf 9,7 Prozent. Damit ist der schlechteste Wert seit drei Jahren erreicht. BA-Chef Florian Gerster erwartet einen Aufschwung am Arbeitsmarkt nun frühestens zum Ende des Jahres.
Während sich Bundeskanzler Gerhard Schröder über die schlechten Zahlen enttäuscht zeigte, übte die Opposition heftige Kritik an der rot-grünen Arbeitsmarktpolitik. Kanzlerkandidat Edmund Stoiber sagte: "Über vier Millionen Arbeitslose und das mitten im Sommer, das ist eine verheerende Schlussbilanz der Regierung Schröder."
Die immer neuen Negativmeldungen erschüttern das Vertrauen der Bürger in die Wirtschaft und in ihre eigene Zukunft. Die Stimmung wird immer schlechter, wie Umfragen zeigen: So sind einer Umfrage von dimap zufolge 42 Prozent der Befragten der Ansicht, dass sich die wirtschaftliche Lage bis zum Jahresende noch verschlechtert. Eine Blitzumfrage des TNS-Emnid-Instituts im Auftrag der "Wirtschaftswoche" ergab, dass 47 Prozent der Befragten eine schwere Weltwirtschaftskrise erwarten.
Gerade diese schlechte Stimmung unter Verbrauchern birgt nach Ansicht von Analysten Gefahren. "Das größte konjunkturelle Risiko geht derzeit von dem Verhalten der Konsumenten aus, die auf Grund der ungünstigen Entwicklung am Arbeitsmarkt sowie der Aktienkursentwicklung sowohl in den USA als auch in Europa stark verunsichert sind, " heißt es in einer aktuellen Studie des Bankhauses M.M. Warburg Investment Research.
Nach Ansicht des Frankfurter Finanzmarktpsychologen Joachim Goldberg vom Finanzanalyse-Unternehmen cognitrend könnte der derzeitige Negativtrend nur gestoppt werden, wenn starke Anzeichen für eine Erholung sichtbar werden: "Wir brauchen ein massiv positives Ereignis, das die Leute überrascht. Es muss ein ganz deutliches Signal sein, denn Vertrauen ist nichts, was über Nacht kommt."