Arbeitsplätze: Aktion Kahlschlag - DER SPIEGEL
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Arbeitsplätze Aktion Kahlschlag

Auf Hightech-Euphorie, Börsenparty und Konjunkturboom folgt eine weltweite Entlassungsserie. Hunderttausende verlieren in den nächsten Wochen ihren Job. Betroffen sind jetzt auch Investmentbanker und Computerexperten.
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Und wir? ­ Die Aufsichtsräte von Siemens hatten vor allem diese Frage im Kopf, als sie sich am Mittwoch vergangener Woche zur Sitzung trafen. Geschockt von dem Milliardenverlust, den der Konzern am Morgen für das dritte Quartal bekannt geben musste, wollten die Kontrolleure wissen, ob nun auch beim drittgrößten deutschen Industriekonzern Massenentlassungen anstehen.

Doch bevor Konzernchef Heinrich von Pierer, 60, antwortete, verteilte er eine Statistik über den Jobabbau der anderen. Allein bei Motorola, Lucent und Nortel sollen demnach 85.000 Stellen wegfallen. Im Vergleich zu den Wettbewerbern, versprach von Pierer seinen Kontrolleuren, werde der Personalabbau bei Siemens noch moderat ausfallen. "Einen Kahlschlag", versicherte der Siemens-Boss beschwichtigend, "wird es bei uns nicht geben."

Kein Kahlschlag? 7500 Stellenstreichungen sind bei Siemens bereits angekündigt. Es können aber auch noch mehr werden. Die Siemens-Aufsichtsratssitzung war kaum vorbei, da verkündete der französische Telekommunikationsausrüster Alcatel, dass bis zum Jahresende insgesamt 14.000 Arbeitsplätze abgebaut werden. Dabei hatte der Elektrokonzern schon vorher den Verkauf unrentabler Fertigungsstätten beschlossen.

Am Donnerstag war Pierers Zögling Ulrich Schumacher, 43, an der Reihe. Der Porsche-Freak und Chef des Münchner Chipkonzerns Infineon will in den kommenden 18 Monaten jeden siebten der insgesamt 35 000 Arbeitsplätze einsparen. Und am selben Tag kam noch eine Hiobsbotschaft für München: Die Ex-Siemens-Tochter Epcos, Hersteller von Kondensatoren und Elektronikbauteilen, streicht weitere 750 Stellen.

Auch im Abwärtstrend dominieren die Amerikaner

Die Schreckenszahlen aus Deutschland wirken fast wie Kleinkram im Vergleich zu den Entlassungsplänen mancher nordamerikanischer Konzerne. Der Glasfaserspezialist JDS Uniphase hat dieses Jahr mit über 50 Milliarden Dollar den größten Verlust der Wirtschaftsgeschichte eingefahren. 16.000 Mitarbeiter sollen weg, bis zum 30. Juni sind bereits 9000 gefeuert worden.

Der Wirtschaftsabschwung in den USA kostet nicht nur in Nordamerika Stellen. Er schwingt auch auf den alten Kontinent hinüber. Seit die Gewinnwarnungen übers Land ziehen wie Tiefdruckgebiete, herrscht düstere Stimmung in Werkhallen und Verwaltungsgebäuden. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht mindestens ein namhaftes Großunternehmen die Reduzierung seiner Belegschaft ankündigt. "Bild" rief am Samstag den "Job-Alarm" aus.

Am tollsten treiben es die Bosse angesehener EDV-Multis wie Compaq und Hewlett-Packard oder von Konzernen der Telekommunikations- und Informationstechnik. Dabei galten die Hightech-Schmieden noch vor kurzem als Garanten für grenzenloses Wachstum und stetig sprudelnde Erträge.

Das Internet konnte die Erwartungen nicht erfüllen

Der jüngste Einbruch hat klare Ursachen. Das Internet konnte die Erwartungen in seine kommerzielle Nutzung nicht erfüllen, der E-Commerce bleibt vorerst ein Randphänomen. Auch die Nachfrage nach Computern und Handys wuchs nicht so stabil, wie die Firmen es erwartet hatten. Paradiesische Prognosen entpuppten sich als naive Fehleinschätzungen.

Den großen Plänen folgten oft überdimensionierte Investitionen, Personal wurde siegestrunken auf Vorrat eingestellt, und eine strikte Kostenkontrolle galt nicht gerade als zeitgemäß. Euphorisierte Manager erklärten ökonomische Grundgesetze kurzerhand für ungültig.

Die schlechte Gesamtkonjunktur macht nun alles noch schlimmer. Nach mehr als zehn Boom-Jahren ist das abgebremste Wachstum in den USA zwar keine Überraschung, dennoch haben viele nicht damit gerechnet, dass diese Abkühlung Europa derart schnell, derart hart erwischt. Obwohl die europäische Wirtschaft nur neun Prozent ihrer Exporte in Nordamerika absetzt, war die Flaute sofort auch hier zu spüren.

Zeitgleich ist die beispiellose Sonderkonjunktur des Geldgewerbes zu Ende gegangen: Der Börsenboom und ein globaler Fusionswahn, den die Investmentbanken nach Kräften angeheizt hatten, ließ die Belegschaften der Banken anschwellen, nun wird wieder abgespeckt.

Großkonzerne geraten in die Krise

Auch bei ihren Großkunden herrscht Katerstimmung, denn im Zuge von Großfusionen entstanden Konglomerate, die im Alltag kaum regierbar sind. Von der "Hochzeit im Himmel", wie DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp die Fusion beider Autokonzerne einst pries, spricht keiner mehr. Weil Schrempp nur mit Verzögerung die krisenhafte Entwicklung bei Chrysler mitbekam, stürzte der gesamte Konzern in die Krise. Der verantwortliche Chrysler-Chef, der die Negativzahlen zurückgehalten hatte, musste gehen. Doch was nützt das? Der Konzern liegt in der Liste der Jobkiller weit vorn, geplant ist ein Personalabbau um 26.000 Menschen weltweit.

Bei Unilever, einem Konzern, der durch Zukäufe in den letzten Jahren massiv gewachsen ist, stellen sich die gleichen Fragen: zu groß? Zu unbeweglich? Lässt sich eine Firma mit 900 unterschiedlichen Marken, die sie in 150 Ländern verkauft, überhaupt vernünftig managen? Fest steht: Jetzt werden 33.000 Stellen abgebaut.

Die tiefen Einschnitte könnten sich allerdings rächen. "Was bei den großen Industriekonzernen zurzeit passiert", meint ein hoher Siemens-Manager, "sind Panikreaktionen, die den Unternehmen auf Jahre hinaus ihre Wachstums- und Entwicklungsmöglichkeiten rauben können."

Personalabbau ohne Plan

Tatsächlich wirken manche Ankündigungen ziemlich unausgegoren. So will Jörgen Centerman, Chef des schwedischschweizerischen Technologiekonzerns ABB, 12.000 Stellen ersatzlos streichen. Wo und wie genau, hat er nicht gesagt. "Ich kenne bis jetzt niemanden, der das neue Konzept von Herrn Centerman gesehen hat", meint Adolf Schmitt, Vorsitzender des deutschen Konzernbetriebsrats. Bei den rund 20.000 in Deutschland tätigen ABB-Beschäftigten hat das große Zittern begonnen.

Zu den Opfern der Sparwut zählen aber nicht nur die betroffenen Mitarbeiter. Der massenhafte Abbau gut dotierter Arbeitsplätze beschädigt hier zu Lande zusehends auch das Image eines Mannes, der sich bester Beziehungen zu den Konzernchefs rühmt: Bundeskanzler Gerhard Schröder.

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