Billigflieger-Revolution EasyJet bricht mit Boeing
London/Toulouse - Die britische Billigfluglinie, die nach der Übernahme des Konkurrenten Go die größte in Europa ist, hat Airbus als "bevorzugten Lieferanten" ausgewählt und wird voraussichtlich 120 neue A319 kaufen. Zusätzlich hat easyJet eine Festpreisoption auf weitere 120 Exemplare des zweitkleinsten Airbusses und nicht bezifferte Optionen auf größere Airbus-Maschinen ausgehandelt. Die Bestellung ist die größte in diesem Jahr und eine der umfangreichsten Einzelorders in der Luftfahrtgeschichte. Die endgültige Vereinbarung müsse noch von den Aktionären genehmigt werden, so die am Flughafen Luton beheimatete Gesellschaft in einer Presseinformation.
Wird der Vertrag fest vereinbart, sollen die ersten 120 Jets innerhalb von fünf Jahren ab dem Herbst 2003 ausgeliefert werden. Die Airbus-Flugzeuge sollen in einer Sonderanfertigung mit 150 Sitzen ausgestattet sein - mit der Möglichkeit, die Zahl auf 156 zu erhöhen. Das Boeing-Konkurrenzmodell, die 737-700, verfüge nur über 149 Plätze, so die easyJet-Mitteilung. Man gehe davon aus, dass es durch die A319 möglich sei, die Betriebskosten im Vergleich zu den alten B737 um zehn Prozent zu senken.
Köder-Rabatt und sonstige Schmankerl
Eine Maschine vom Typ A319 kostet normalerweise 50 Millionen Dollar. Wie die Wirtschaftsagentur Bloomberg unter Berufung auf easyJet-Chef Ray Webster berichtet, hat Airbus die Briten mit einem 30-prozentigen Rabatt geködert. Dadurch sei der Vertrag für Airbus "nur" vier Milliarden Dollar wert, so Bloomberg. Webster sprach von einem "nicht wiederholbaren Angebot".
EasyJet verhandelte seit dem Frühjahr sowohl mit Boeing als auch mit Airbus. Boeing-Chef Phil Condit hatte easyJet-Chef Webster und den Chairman Stelios Haji-Ioannou persönlich in "easyCity" am Flughafen Luton aufgesucht, um die Airline als Kunden zu halten. Bisher setzt easyJet, ebenso wie Ryanair, ausschließlich Boeing-Maschinen ein - zuletzt waren es 64. Auch andere Billig-Airlines wie SouthWest in den USA, mit 400 Maschinen der größte Discount-Flieger der Welt, benutzen ausschließlich Modelle des US-Herstellers. Unter den nennenswerten Low-Cost-Anbieter setzt allein JetBlue aus New York Airbusse ein.
Preisrisiko auf Airbus verlagert
Die Konzentration auf Maschinen eines Typs hilft den Billig-Airlines, Kosten für Pilotentraining und Nachrüstung zu sparen. EasyJet hat nun als erstes wichtiges Unternehmen der Branche mit der Ein-Hersteller-Regel gebrochen. Der Hintergedanke: Ab einer gewissen Größe der Bestellung sei es lohnender, Kosten zu sparen, indem man versucht, die Konkurrenten Boeing und Airbus in einer Rabatt-Schlacht gegeneinander auszuspielen.
Bei Airbus scheint die Rechnung aufgegangen zu sein. Der europäischer Hersteller habe zugesichert, zusätzlich zu den Rabatten durch "umfangreiche Unterstützung" in den ersten zwei Jahren sicherzustellen, dass die Anschaffung der Airbusse nicht teurer sei als der Kauf von Boeing-Maschinen. Wie genau diese "Unterstützung" aussehen wird, teilte easyJet nicht mit. Zugleich hat Airbus ein Kostenrisiko für insgesamt zehn Boeing-Maschinen übernommen. Sollte easyJet diese Maschinen des Konkurrenten verkaufen, garantiert Airbus einen bestimmten Preis. Falls easyJet auf dem Gebrauchtmarkt doch nur einen niedrigeren Preis erzielt, zahlt Airbus die Differenz. Angesichts dieser Sonderkonditionen lobte easyJet-Chef Webster den "in meiner Erfahrung unübertroffenen Enthusiasmus" der Airbus-Manager.
Hartnäckiger Abwärtstrend bei Boeing
Unterdessen hieß es von Boeing, man werde die Produktionskapazitäten möglicherweise ein Jahr länger als geplant auf niedrigem Niveau belassen. Die Aussichten für 2004 seien unsicherer als gedacht, zitiert das "Wall Street Journal Europe" den Boeing-Zivilflugzeugvorstand Allan Mullay. Eine exakte Prognose wird Boeing vermutlich erst Anfang 2004 abgegeben, von CEO Condit wird aber bei der Vorlage der Quartalszahlen in dieser Woche zumindest ein genereller Ausblick erwartet.
Offiziell rechnete Boeing bisher damit, im kommenden Jahr zwischen 275 und 300 Flugzeuge zu liefern - deutlich weniger als die 527 des Jahres 2001 und die vermutlich 380 im laufenden Jahr. Angesichts der Bankrottgefahr bei führenden US-Fluglinien wie United Airlines könnte die Zahl der tatsächlich ausgelieferten Maschinen im Jahr 2004 aber nach Meinung von Analysten und Zulieferern auch auf 250 fallen.