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Tourismus Breit gefächert

Globale Konzerne kämpfen um den Reisemarkt. Die Lufthansa will sich stärker als bisher in der Touristik engagieren.
• aus DER SPIEGEL 6/1993
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bis 1988 war Mustafa Muscati einer der wichtigsten Manager im Marketing-Ressort der Deutschen Lufthansa. Dann überwarf sich der Luftfahrt-Kaufmann mit dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Heinz Ruhnau und wechselte zur Kölner Charterfluggesellschaft Germania.

Seit kurzem arbeitet Muscati wieder für die Lufthansa, diesmal allerdings nebenberuflich. Ruhnau-Nachfolger Jürgen Weber engagierte den in Köln promovierten Ökonomen aus dem Oman für einen Spezialauftrag. Er soll der Lufthansa helfen, ihren Einfluß in der Reise- und Touristikbranche auszubauen.

Das wird ein harter Job. In der europäischen Reisebranche ist ein erbitterter Kampf um Marktanteile ausgebrochen. Fluggesellschaften, Reiseveranstalter und Reisebüros verketten sich zu globalen Konzernen. Die ohnehin angeschlagene Lufthansa läuft Gefahr, von solchen Touristik-Kraken aus dem Geschäft gedrängt zu werden. Sie versucht deshalb, eine konkurrenzfähige Gegenmacht aufzubauen.

Die Fluggesellschaft wird ihren Anteil am Transportkonzern Hapag-Lloyd aufstocken, sie will mit der Bundesbahn und deren Reisebürokette DER kooperieren. Schließlich möchte die Lufthansa auch bei der Touristik Union International (TUI) mitreden.

Um den Einfluß auf die TUI kämpft auch Friedel Neuber, Chef der Westdeutschen Landesbank (WestLB). Der Düsseldorfer Banker strebt bei Europas größtem Reiseveranstalter die Mehrheit an. Dann will er die TUI-Beteiligung mit der Fluggesellschaft LTU (WestLB-Anteil: 34 Prozent) und der Reisebürokette Thomas Cook (WestLB-Anteil: 86 Prozent) in einer Touristikholding zusammenfassen.

Die Allianz käme vor allem der LTU zugute. Die Düsseldorfer Chartergesellschaft hat zwar einen guten Ruf. Aber sie bekommt kaum Aufträge von der TUI.

Der Reiseveranstalter mit Sitz in Hannover läßt seine Kunden bevorzugt mit Hapag-Lloyd oder der Lufthansa-Tochter Condor in den Urlaub fliegen.

Gelingt es Neuber, als Gesellschafter der TUI die LTU-Maschinen besser auszulasten, kann die LTU für jedes Prozent zusätzlich verkaufter Plätze etwa 14 Millionen Mark mehr einnehmen.

Dazu käme ein weiterer Vorteil. Neuber kann die weltweite Reisebürokette Thomas Cook, die in der Bundesrepublik 42 Filialen betreibt, gezielt für den Verkauf der hauseigenen Reiseprodukte einsetzen. Die Lufthansa hingegen ist im Vertrieb nur schwach vertreten.

Lufthansa-Berater Muscati empfahl deshalb, die Bundeslinie solle sich sowohl im Reisebürogewerbe als auch auf der Veranstalterseite stärker als bisher engagieren. Nur so sei zu verhindern, daß die von Neuber geplante Touristikholding oder ähnlich breitgefächerte Konzerne ihr Marktanteile abnähmen.

Die Lufthansa-Vorstände stimmten zu, und Muscati bemüht sich nun, die 10prozentige Beteiligung der Fluggesellschaft an Hapag-Lloyd auf 25 Prozent aufzustocken. Dadurch soll vor allem der Einfluß auf die Touristiksparte der norddeutschen Firma gestärkt werden.

Mit den Hapag-Lloyd-Gesellschaftern Deutsche Bank und Dresdner Bank ist die Lufthansa schon einig: Die Geldinstitute, die jeweils 12,5 Prozent halten, geben 5 Prozent ab, so daß sich der Lufthansa-Anteil an Hapag-Lloyd auf insgesamt 15 Prozent erhöht.

Weitere 10 Prozent will Lufthansa der TUI abkaufen. Doch dagegen sperren sich die Hapag-Lloyd-Manager, deren Konzern an der TUI beteiligt ist.

Die Manager des Hamburger Unternehmens sind verärgert, weil Lufthansa-Vorstand Adrian von Dörnberg vorlaut den »Durchgriff« auf ihre etwa 150 Reisebüros ankündigte. Dörnberg, so höhnen die Manager des Transportmultis, solle sich doch erst einmal um den eigenen Laden kümmern: Die Hapag-Lloyd-Reisebüros verkaufen schon jetzt mehr Lufthansa-Tickets als die Lufthansa-Reisebürokette Euro Lloyd.

Die Aktivitäten der Lufthansa beschränken sich nicht auf Hapag-Lloyd. Die Fluggesellschaft will überdies die Hälfte der Anteile an der TUI-Tochter Airtours übernehmen. Der Anbieter von Pauschalreisen mit Linienflügen macht seit zwei Jahren Verluste. Vor allem das Geschäft mit Städtetrips und Fernurlaub lief schlecht.

Nun soll Airtours mit einem neuen Konzept zum Vertriebsinstrument für Lufthansa-Touristikflüge entwickelt werden. Neben dem traditionellen Hochpreisprodukt sollen auch günstige Reisen angeboten werden.

Noch feilschen Lufthansa und TUI um die Kaufsumme. Die TUI verlangte für den Anteil an Airtours 20 Millionen Mark. Die Lufthansa möchte am liebsten gar nichts zahlen, höchstens jedoch 5 Millionen Mark.

Kommt der Deal zustande, sollen sich weitere Partner, etwa die Bundesbahn-Tochter DER oder auch die Karstadt AG, daran beteiligen. Dann wäre das Gemeinschaftsunternehmen noch stärker beim direkten Verkauf von Reisen.

In die gleiche Richtung geht ein weiterer Schritt. Die Lufthansa will den Anteil des ABR (Amtliches Bayerisches Reisebüro) am Deutschen Reisebüro (DER) übernehmen. Im Gegenzug wird die Fluglinie das DER an der ihr mehrheitlich gehörenden Reisebürokette Euro Lloyd beteiligen.

Die Lufthansa-Manager versprechen sich von diesem Dreiecksdeal zum einen bessere Geschäfte in den Reisebüros der Bundesbahn. Die Fluggesellschaft ist schon mit 10,8 Prozent am DER beteiligt. Bei der geplanten Übernahme der DER-Anteile stiege ihre Beteiligung auf mehr als 20 Prozent.

Zum anderen hat das ABR einen Sitz im Aufsichtsrat der TUI. Und der, so Muscatis Ziel, soll nach dem Aktientausch der Lufthansa zufallen.

Die feingesponnenen Pläne richten sich vor allem gegen Neuber. Lufthansa, DER, TUI, Bundesbahn und Hapag-Lloyd rücken zusammen, um den Vormarsch der WestLB zu stoppen. Doch ob das klappt, ist vorerst offen.

Neuber hat sich im vergangenen Jahr, über die Poolgesellschaft Walter Kahn den Zugriff auf 30,2 Prozent der TUI-Anteile erkauft. Zudem glaubt er, durch die Beteiligung der WestLB an der Horten AG über deren TUI-Anteil in Höhe von 12,5 Prozent verfügen zu können. Gelingt es ihm auch noch, den zum Verkauf stehenden 10-Prozent-Anteil der Axel Springer AG zu erwerben, hätte er die Mehrheit in der Touristik Union. Die WestLB würde mit TUI, Thomas Cook und LTU Europas weitaus größten Reisekonzern kontrollieren.

Doch es könnte auch ganz anders kommen. Die Altgesellschafter der TUI sperren sich gegen die Übertragung der Kahn-Anteile an die WestLB. Sie pochen auf ihr Vorkaufsrecht. Das Kartellamt behauptet, Neuber dürfe die Stimmrechte der Horten-Anteile nicht ausüben. Die Springer-Anteile könnten an den Mitbewerber Hapag-Lloyd gehen.

Eine wichtige Vorentscheidung wird am 25. Februar fallen. An diesem Tag entscheidet Springer, an wen die TUI-Anteile verkauft werden.

Branchenkenner rechnen damit, daß Neuber die größten Chancen hat. Der WestLB-Chef ließ sich in den Verhandlungen mit Springer durch Joachim Theye vertreten: Der Bremer Anwalt gilt als engster Vertrauter des Springer-Anteilseigners Leo Kirch.

[Grafiktext]

_109b Stärkeres Engagement der Lufthansa in der Touristik:

_____ / Angestrebte weitere Beteiligungen

[GrafiktextEnde]

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