HANDEL Da geht nix!
Ach, waren das noch Zeiten beim Moshammer Rudolph, gute, goldene, ganz großartige Zeiten: Als draußen das gemeine Volk in sein Schaufenster starrte, mit offenem Mund - und drinnen die Reichen und Schönen durch seinen Laden stolzierten, mit offenem Scheckbuch.
Aus und vorbei. Stattdessen: die Designer-Seidenkrawatte, handgenäht in Deutschland, höchste Qualität, für nur 69 Mark. »Ja, wie soll ich da noch runtergehen?«, fragt Münchens Modezar. Oder: ein echtes Moshammer-Sakko - in der Nobel-Schneiderei an der Maximilianstraße für gerade 690 Mark zu ergattern. »Wer da noch was nachlässt, der ist morgen weg, den gibt's nicht mehr.«
Und darum, sagt der »Mosi«, wird sich durch den Fall des alten Rabattgesetzes bei ihm gar nichts ändern, und alldieweil wird auch sonst nicht der türkische Halbmond über den Münchner Frauentürmen aufgehen. Kein Basartreiben im Dauerfestpreis-Deutschland. Weil nämlich - selbst in Edelboutiquen - die Preise so fürchterlich unten seien wie seit ewigen Zeiten nicht mehr. Und weil keiner so herzzerschmelzend jammern kann wie der toupierte Tuchhändler Moshammer - wer wollte ihm nun auch noch das Letzte weghandeln?
Es wird also nicht überall in den Läden zwischen Kiel und Berchtesgaden eine Revolution stattfinden. Das Rabattgesetz, am vergangenen Mittwoch gefallen, hat die Bundesbürger fast 70 Jahre lang zu stummen Käufern und Verkäufern geformt. Was etwas kostet, wird bezahlt. Was zu teuer ist, bleibt im Regal. Basta. »Wir sind doch nicht im Orient«, entrüstet sich die Berliner Händlerin Veronika Savary. »Wir lassen so was nicht zu«, heißt es bei Armani in München. Und beim Radi-Stand am Viktualienmarkt: »Da geht nix!«
Endlich dürfen die Deutschen feilschen, nur sie haben es nicht gelernt. Denn wer schachert, braucht Muße, viele Worte und ein mildes Klima. Wer den Preis drückt, braucht knisternde Scheine in der Hosentasche und keine elektronische Bestellannahme. Vor allem aber ist Gelassenheit vonnöten, und die fehlt beiderseits des Tresens.
Aus lauter Furcht, es könne ein Kunde um Prozente handeln, lassen Kaufhausketten wie Karstadt ihr Personal seit Wochen verbissen trainieren. Die immer gleichen Rollenspiele, bis jedes Lächeln sitzt: Höflich bleiben, aber bestimmt. Die Ware loben und den Preis erklären. Spätestens da vergeht den Käufern die Lust am Verhandeln.
Dabei sind die Bundesbürger beileibe kein Volk von Verschwendern. Von Pfennigfuchsern können Lebensmitteldiscounter, Internet-Anbieter und 0190er-Damen seit Jahren ein Lied singen. Gnadenlos strafen Autofahrer Tankwarte wegen eines Pfennigs zu viel pro Liter Kraftstoff ab.
Nur aufs Feilschen verlegen sich die Deutschen nicht, und wenn doch, dann nennen sie das »mindern«. Bei Lehrern und Rechtsanwälten schlägt der Schreiner Hubert F. aus Augsburg deshalb von vornherein zehn Prozent drauf. »Weil die am Ende immer was finden, was den Preis drückt«. Nicht mal beim Feiern, klagen die Hoteliers, vergessen die Deutschen zu mäkeln. In München orderte ein wohlhabender Firmenchef vergangene Woche gegrillte Scampi für 50 Gäste und wollte am Ende für Bratwürstchen bezahlen. »Der meinte, anders als Bratwürste würden die schließlich auch nicht gegrillt«, sagt der Wirt.
Doch einfach so, ohne jede Reklamation, den Preis zu drücken, wie es jetzt möglich ist, das traut sich bisher kaum einer, es sei denn, er ist ein Streithansel - wie der Kunde, der vergangene Woche im Hamburger Alsterhaus, einer Karstadt-Filiale, aufkreuzte. Dort drohte der ältere Herr prompt mit einer Klage, als der geforderte Preisnachlass abgelehnt wurde. »Das sag ich meinem Anwalt«, maulte er, bevor er aus der Festpreis-Festung abzog.
Auch im Berliner Möbelhaus Habitare suchten die Käufer Streit. »Hysterische Kunden haben unser Geschäft gestürmt«, klagt Mitarbeiter Christian Rohrbach. Höflichkeit sei wohl vor lauter Rabattgier völlig in Vergessenheit geraten.
Die meisten Käufer suchen allerdings nicht das Abenteuer, sondern das leicht zu pflückende Sonderangebot, ob auf Reisen, beim Metzger um die Ecke oder im Kaufhof. Die Großmärkte halten deswegen die Preise weiter fest im Griff und verteilen lieber Dreingaben, um die Schnäppchenjäger in Schach zu halten. Zum neuen Wagen offeriert etwa der Hamburger Autohändler Dello schon mal einen Gratis-Parkplatz in einem Parkhaus.
Eine Munddusche zum Handy, einen Rucksack zum Zwei-Mann-Zelt - wer künftig einkauft, bringt selbst ohne Feilscherei mehr mit nach Hause. Und das ist auch für alle gut so: Die Unternehmensberatung Boston Consulting fand nämlich heraus, dass Bonusprogramme den Umsatz um 20 Prozent steigern. Wer will da noch in den Orient?
MICHAEL FRÖHLINGSDORF, CONNY NEUMANN