Der Markt-Forscher Das sollen Raubritter sein?
Es sah einfach hässlich aus. Wenige Tage nach den Terroranschlägen in den USA kündigten die Versicherer den Fluglinien die Verträge. In einem Moment, in dem sich die ganze Welt nach mehr Sicherheit sehnt, wollen die Assekuranzen plötzlich keine Felsen in der Brandung mehr sein. Bundesfinanzminister Hans Eichel war "empört", Lufthansa-Finanzchef Ludwig Kley bezichtigte die Versicherungen gar des "monopolistischen Raubrittertums".
Ein schiefes Bild - in doppelter Hinsicht. Erstens sollte ein Lufthansa-Vertreter sehr vorsichtig sein, andere Unternehmen als "monopolistisch" zu brandmarken. Zweitens sind Raubritter - historisch betrachtet - ziemlich bemitleidenswerte Subjekte. Diese armen Gesellen mussten sich mit Straßenraub und Erpressung durchschlagen, weil ihnen plötzlich die Entlohnung für ritterliche Sicherheitsdienste ersatzlos gestrichen wurde.
Das Gegenteil ist bei den heutigen Versicherern der Fall. Händeringend stehen die Luftfahrt-Oberen vor den Toren und wollen neuen Schutz für ihre Flotten. Nie war ihnen eine Versicherung wertvoller.
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Doch was die Versicherer bieten, klingt wie bitterer Hohn: Weniger Schutz für höhere Prämien. Lächerliche 150 Millionen Dollar wollen sie nun maximal bezahlen, wenn Terror die Ursache für einen Absturz ist. Zum Vergleich: der Flughafen Hongkong erlaubt nur solchen Flugzeugen die Landung, die mindestens für eine Milliarde Dollar gegen Drittschäden versichert sind.
Dennoch ist das, was die Versicherungen tun, kein Versuch der räuberischen Erpressung, es regiert bei ihnen die Angst um das eigene Geschäft.
Kein Versicherungsmathematiker und auch sonst niemand könnte momentan das Risiko neuer Terroranschläge so berechnen, dass dabei sinnvolle Prämienmodelle herauskämen. Im Nachhinein betrachtet sehen ja auch alle Risikoschätzungen vor dem 11. September wie Kinderkram aus.
Weil man sich in Sicherheit wähnte, wurden die Risiken für Terrorattentate immer weiter heruntergespielt. Versicherer unterboten sich mit immer niedrigerer Prämien, um begehrte Firmenkunden unter Vertrag zu bekommen. Nach Angaben von Allianz-Vorstand Paul Achleitner gegenüber der "taz" zahlten bisher alle Fluglinien zusammen im Jahr weniger als 3,2 Milliarden Mark an Versicherungsprämien. Allein durch den Absturz der vier US-Maschinen sei aber ein Versicherungsschaden von über zehn Milliarden Mark entstanden. Er fragt: "Von welchen Risiken reden wir denn jetzt?"
Weil das momentan keiner sagen kann, hat Achleitner eine einfache Lösung parat. Der Staat soll einspringen, wo es den Versicherern zu brenzlig wird. Die Empörung des Bundesfinanzministers ist also gut zu verstehen. Je weniger Risiken die Versicherer eingehen, desto höher wird die Belastung für den Staat. Der kann sich bei nationalen Katastrophen nämlich nicht aus der Verantwortung stehlen.
Das Bild vom Raubritter wird damit aber endgültig absurd. Versicherer sind momentan allenfalls eingeschüchterte Knappen, denen man die Rüstung geraubt hat, und die jetzt Hilfe vom großen Bruder erbetteln.
Denn eines ist klar: Wenn eine Branche unter grassierender Unsicherheit und unkalkulierbaren Risiken leidet, dann sind es die Versicherer selbst. Wenn Sie den Fluggesellschaften angesichts der momentanen Terrorangst keine Sicherheit mehr zu marktfähigen Preisen verkaufen können, dann ist das ein Offenbarungseid und keine Erpressung.