Tourismus Diskreter Genuß
Motoren dröhnen, Sirenen heulen, auf dem Highway 10 ist die Hölle los. Acht Sheriffs donnern ohne Rücksicht auf rote Ampeln mit ihren schweren Harley Davidsons vom International Airport New Orleans Richtung Stadtmitte; es folgt ein vollbesetzter Bus.
Nur 20 Minuten benötigt der Konvoi für die 16 Meilen bis zum Meridien-Hotel in der Canal Street. Die mit Colts, Handschellen und Schlagstöcken ausgerüsteten Uniformierten benehmen sich, als eskortierten sie Staatsgäste - doch es sind nur Pauschaltouristen: sogenannte Kreuzflieger, die im Erster-Klasse-Jet in zwei oder drei Wochen ganze Kontinente abhaken und mit aufwendigem VIP-Brimborium bei Laune gehalten werden.
Für Preise bis zu 48 000 Mark (Ausflüge inklusive) gönnt sich eine reiche Minderheit einen Urlaub, der derart exklusiv ist, daß er in Deutschland nur von zwei Veranstaltern angeboten wird. »Der Markt ist so klein«, sagt der Bremer Hapag-Lloyd-Geschäftsführer Wilfried Meyer-Kamps, »da ist an Expansion nicht zu denken.«
371 Buchungen verzeichnete Hapag-Lloyd für die sechs Rundreisen dieses Winters. Auf zwei Touren beschränkt sich der Düsseldorfer Spezialist Consul Weltreisen pro Jahr; im Schnitt fliegen insgesamt 140 Passagiere mit. Stellt man die vielen Wiederholer (bis zu 60 Prozent) in Rechnung, dann waren mit beiden Veranstaltern bisher erst rund 1300 First-Class-Pauschalisten unterwegs.
Wie eng die Marktnische ist, bekam ein neuer Konkurrent zu spüren: Gleich 15 Kreuzflüge wollte die Oberurseler Firma Air Charter Market in diesem Winter verkaufen; alle mußten storniert werden, weil sich nur 43 Interessenten gemeldet hatten.
Für die gehobenen Ansprüche von Kreuzfliegern werden Chartermaschinen auf Sitze umgerüstet, deren Abstände annähernd denen in der Ersten Klasse in Linienflugzeugen entsprechen. Teppichböden werden ausgewechselt und bei Bedarf sogar verkratzte Fensterscheiben erneuert, damit der Luxustourist während der einzelnen Etappen - meist tagsüber und selten länger als vier Stunden - ungestört fotografieren kann.
Ein Reiseleiter fliegt ein bis zwei Tage voraus. Er desinfiziert für Nichtraucher reservierte Zimmer, in denen gequalmt wurde; er achtet auf die gewünschten Betten (französisch oder einzeln stehend); und er überprüft Hotels und Flughäfen, um die reibungslose Sonderabfertigung der Gruppe notfalls mit einem Bakschisch zu sichern.
Wer maximal 1700 Mark pro Urlaubstag bezahlt, möchte weder von Check-In-Warteschlangen noch mit dem Gepäcktransport behelligt werden: »Auf Fidschi«, erinnert sich ein Kreuzflieger zufrieden, »habe ich den Koffer zwar selbst genommen, aber zum Tragen kam ich nicht, so schnell wurde jemand herbeigepfiffen.«
Ein Arzt fliegt, aus guten Gründen, immer mit: Wenn an diesem Montag die Hapag-Lloyd-Boeing 737-500 von der Reise »Fernöstliche Attraktionen« nach Frankfurt zurückkehrt, haben die Kreuzflieger allein in den letzten vier Tagen Bangkok (Thailand), Rangun (Burma), Katmandu (Nepal) und Sanaa (Jemen) besucht. Ihr Altersdurchschnitt: über 60 Jahre.
Die Idee des Kreuzflugs stammt aus den zwanziger Jahren. Am 8. September 1928 starteten unternehmungslustige Amerikaner zum Europa-Sightseeing nach Berlin, Wien, Zürich, Paris und London. Die abenteuerliche Reise mit einer Maschine des Norddeutschen Lloyds kostete 1290 Dollar.
Erst Mitte der achtziger Jahre wurde das Kreuzfliegen wieder populär und, maßgeblich von Consul-Weltreisen-Inhaber Bodo Reinhardt, zum exklusiven Steckenpferd solventer Ruheständler gestylt: »Diese Leute sind früher beruflich viel First Class geflogen, die würden nie den Fuß in einen Club Aldiana setzen.«
Solches Standesbewußtsein bekam beispielsweise ein rheinischer Stahlverwerter zu spüren, dessen unbeschwerte Art in der Champagner-Gesellschaft befremdete. Der Schrotthändler wurde nur als »Lottokönig« tituliert.
Die Kunden, so Meyer-Kamps, »haben ein ziemlich feines Gefühl«. Kreuzflieger seien »alles andere als Schickimicki«, deutet sein Kollege Reinhardt das Atmosphärische; sie suchten kein Prestige, sondern »aus Sorge vor den Nachbarn« den diskreten Genuß. Manch einer nutzt den Luxustrip auch nur als Schnupperreise, etwa um die Bahamas für den nächsten Golfurlaub zu testen.
182 020 Kreuzflug-Kilometer legt der Hapag-Lloyd-Jet in diesem Winter zurück. 46 000 Kilometer lang ist allein die Consul-Südseereise (reine Flugzeit: 58 Stunden), die Ende dieser Woche startet. Im Sommer finden üblicherweise keine Kreuzflüge statt - da müssen die Chartergesellschaften ihre Maschinen möglichst 17 Stunden am Tag auslasten und mit gewöhnlicher Kundschaft »ihr Geld verdienen« (Meyer-Kamps).
Doch selbst bei Luxusreisen droht Verschleiß. »Allmählich werden nun für uns die Reiseziele knapp«, mahnte ein Ehepaar nach dem vierten Kreuzflug, der bis Neuseeland und Australien führte.
Auf der permanenten Suche nach neuen Gags und dem ultimativen Prickel wird Hapag-Lloyd in der nächsten Saison deswegen den Kreuzflug mit der Kreuzfahrt kreuzen - vom Hafen Baltra auf den Galapagos-Inseln geht es mit der MS »Santa Cruz« quer durch den Archipel, wo sich die Luxusrentner sicher heimisch fühlen werden: Die Echsen dort sind eine ähnlich seltene Spezies wie sie selber.