eBay Massenandrang auf dem Flohmarkt
New York - Die E-Commerce-Welt bibbert einer weiteren potenziell tödlichen Weihnachtssaison entgegen. Letztes Jahr hatten berühmte Namen wie eToys das Fest nicht überstanden. Dieses Jahr hat sich das Umsatz- und Besucherwachstum bei allen Online-Händlern stark verlangsamt, die Internet-Branche erlebt nach ihrem ersten Börsencrash nun auch ihre erste Rezession.
Einzig die Auktionsseite eBay scheint wieder mal immun. Schon der Aktienkurs war nicht so tief gefallen wie der der Online-Geschwister. Und nun wächst das Unternehmen auch noch weiter, als gäbe es keine Terroristen und wirtschaftlichen Probleme. "eBay lebt immer noch in der Internet-Blase", kommentierte der frühere Merrill-Lynch-Analyst Henry Blodget.
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Für das vierte Quartal erwartet eBay einen Umsatz von 210 Millionen Dollar. Analysten schätzen, dass Waren im Wert von 2,7 Milliarden Dollar den Besitzer wechseln werden - ein Zuwachs von 68 Prozent gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum. Zum Vergleich: Der weltgrößte Online-Händler Amazon wird mit viel Glück seinen Umsatz im vierten Quartal um zehn Prozent auf eine Milliarde Dollar steigern. Er könnte aber auch genauso gut stagnieren.
Analysten reden bereits davon, dass eBay "rezessionsresistent" sei. Auch Unternehmenschefin Meg Whitman vertritt diese Ansicht. "Historisch haben wir uns immer gut gehalten, wenn die Wirtschaft schwächelte", sagte sie auf CNBC. Fragt sich, von welcher Erfahrung sie redet: eBay wurde 1995, vier Jahre nach der letzten US-Rezession, gegründet. Whitmans Kollegen wollen deshalb nicht zu früh jubeln. "Wir können nicht sagen, ob wir immun gegen eine Rezession sind, weil wir noch nie eine erlebt haben", sagt Finanzvorstand Rajiv Dutta.
Doch alle Anzeichen deuten darauf hin, dass der weltgrößte Flohmarkt in schwierigen Zeiten nicht nur überlebt, sondern richtiggehend floriert. Käufer suchen mehr denn je nach Schnäppchen, und angeschlagene Firmen und frisch entlassene Mitarbeiter machen ihr Tafelsilber zu Geld. Die erste Adresse, um einen Stand aufzumachen, ist für viele Amerikaner eBay mit seinem Millionenpublikum.
Auf der Website finden sich zig Einträge für Notverkäufe. Die Gründe sind immer dieselben. Ein Nutzer mit dem Namen Campbem9 aus Austin/Texas verkauft eine 99er Harley, die er erst fünfmal gefahren ist. "Traurigerweise habe ich gerade meinen Job verloren, also muss ich mein Baby abstoßen", schreibt er. 15.000 Dollar war das letzte Angebot, sechs Stunden vor Auktionsende. Kell777 aus Green Bay/Wisconsin will ein vier Monate altes Mountainbike wieder loswerden. "Ich bin entlassen worden und brauche Geld", schreibt er oder sie. Noch hat niemand das Einstiegsgebot von 2500 Dollar überboten.
Auch Gegenstände mit hohem sentimentalen Wert werden losgeschlagen. Carrie, eine Mutter aus Fort Wayne/Indiana, bietet ihre Beanie-Baby-Collection an: "Ich habe wegen des Terroranschlags meinen Job verloren", schreibt sie. Das letzte Gebot: stolze 4499 Dollar. Ein Nutzer aus Las Vegas verkauft ein handsigniertes Foto des ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy. "Ich würde das nicht verkaufen, aber ich habe meinen Job nach dem 11. September verloren und muss meine Rechnungen bezahlen", begründet der Mann, der nach eigenen Angaben in der Air Force One gearbeitet hat. Das letzte Gebot: 760 Dollar.
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An jeder Transaktion verdient eBay eine Kommission. Und die Zahl der Transaktionen steigt selbst in der Krise. Ähnlich wie der Discounter Wal-Mart profitiert eBay von seinem Billig-Image. "Im Moment sind Käufer sehr preisbewusst. Das hilft uns", sagt Unternehmenssprecher Chris Donlay. Die Zahl der registrierten Nutzer ist im dritten Quartal um 3,5 Millionen auf 37,6 Millionen gewachsen.
Darüber hinaus zeigt die Rezession, wie flexibel eBays Geschäftsmodell ist. Es passt sich der neuen wirtschaftlichen Situation an. So ändert sich nur die Art der gehandelten Güter, die Zahl der Transaktionen aber geht nicht zurück. "Wir beobachten eine Bewegung weg von Luxus-Artikeln hin zu praktischen Gegenständen", sagt Donlay. Das Preisniveau sei bisher aber noch nicht gesunken, behauptet er. Das ist eBays Achillesferse in der Krise: Mit den Verkaufspreisen würde auch die Kommission sinken.
Analysten haben oft darauf hingewiesen, dass eBay ein nahezu perfekter Marktplatz sei. Jeder Nutzer ist ein kleiner Unternehmer, der die Bedürfnisse des Marktes auslotet. So werden Angebot und Nachfrage auch in Rezessionszeiten aufs Genaueste aufeinander abgestimmt.
eBay kann daher noch einem weiteren Trend trotzen: Statt zu entlassen, hat die Firma aus dem kalifornischen San Jose die Mitarbeiterzahl seit Beginn des Jahres von 2000 auf 2600 aufgestockt. Auch wird sie nach Meinung von Beobachtern die Krise der Konkurrenten wie Yahoo! dazu nutzen, ihren Marktanteil von 85 Prozent in den USA noch auszubauen. Für die globale Expansion hat sie sich die Option offen gehalten, eine Milliarde Dollar zusätzliches Kapital an der Börse aufzunehmen.
Das amerikanische "Time Magazine" hat eBay bereits in den Kreis der "Great Companies" aufgenommen. Zur Begründung zitiert das Magazin den Buch-Autor Jim Collins: "Das wahre Zeichen für Größe ist die Fähigkeit einer Firma, aus schwierigen Zeiten gestärkt herauszukommen."