BUNDES-UNTERNEHMEN Einfluß sichern
Der Parteivorsitzende Willy Brandt persönlich hielt die Laudatio. Fünfzig Jahre war Walter Hesselbach nun Mitglied der SPD, und da schien es dem Vorsitzenden an der Zeit festzuhalten, was das Aufsichtsrats-Mitglied der Bank für Gemeinwirtschaft auszeichnet: Hesselbach sei, so Brandt auf einem Empfang, für alle Genossen das Vorbild eines guten Unternehmers; er habe als Manager stets im Dienste der Arbeiterschaft gestanden.
Was einen guten Unternehmer wirklich auszeichnet, erläuterte der Jubilar dann im kleinen Kreis selbst. Ein Unternehmer brauche, was ihm keine Management-Schule beibringen könne: einen klaren Verstand, Sinn für vernünftiges Handeln und eine »Ausstrahlung, daß die Leute ihn auch mögen«.
Neben Bankier Hesselbach, der gegenwärtig auch noch die Gewerkschaftsholding Beteiligungsgesellschaft für Gemeinwirtschaft AG führt, besitzen diese Gaben offenbar nur wenige Sozialdemokraten. Einer davon soll Heinz Ruhnau, Sozialdemokrat und Staatssekretär im Bonner Verkehrsministerium, sein. Der habe, so Hesselbach, »den Sachverstand und das Zeug«, die Lufthansa zu führen.
Hesselbach muß das wissen, denn er ist, nebenher, auch noch Aufsichtsrats-Vorsitzender S.43 des Luftfahrt-Unternehmens. Und in dieser Funktion will er bis zum 22. Januar 1982, dem nächsten Treffen des Kontrollgremiums, den Staatssekretär Ruhnau für die Nachfolge des amtierenden Lufthansa-Chefs Herbert Culmann vorschlagen.
Vor der Wahl allerdings wurde schon klar, daß der Aspirant zumindest eines der von Hesselbach selber vorgegebenen Unternehmer-Kriterien nicht erfüllt: Die Leute bei der Lufthansa mögen ihn nicht - zumindest diejenigen, mit denen er zukünftig am meisten zu tun hätte.
Es sei eine Zumutung, schrieben die leitenden Angestellten der Transportfirma an Hesselbach, »wenn unser Unternehmen von einem Mann geführt wird, der seine Erfahrungen nicht in der freien Wirtschaft, sondern in einer politischen Laufbahn erworben hat«.
Ablehnend äußerten sich auch die Vorstände der Lufthansa. Die Topmanager favorisieren einen Gegenkandidaten aus ihren Reihen. Der Technik-Vorstand Reinhardt Abraham, so wollen sie Hesselbach vorschlagen, soll den pensionsreifen Culmann ersetzen.
Der Fall Ruhnau - wieder mal ein Beispiel für sozialdemokratische Parteibuch-Wirtschaft?
Ein Beispiel gewiß nicht, eher eine Ausnahme. Das Gerangel um die Besetzung des Kölner Chef-Amts steht jedoch dafür, wie schwer sich die Genossen mit Personalentscheidungen in volkseigenen Betrieben tun.
Selbst nach 15 Jahren Mitregentschaft in Bonn haben die Sozialdemokraten nicht gelernt, aus ihren Reihen geeigneten Managernachwuchs nach oben durchzuziehen.
Ganz zu Unrecht bringt Ruhnaus Kandidatur daher die Bonner Sozialdemokraten in den Verdacht, bei den Bundesunternehmen vornehmlich SPD-Mitglieder zu versorgen: In den meisten von Bonn beherrschten Firmen sind Manager mit CDU-Parteibuch oder CDU-Präferenz am Drücker.
Von den drei Dutzend Vorstandsmitgliedern der sechs bundesbeherrschten Industrie-Unternehmen führt nach einer SPD-internen Liste ein Dutzend Mitgliedsbeiträge an CDU oder CSU ab. Je acht stehen der Union nahe oder sind überparteilich. Nur zwei unter den Spitzenmanagern zahlen Beiträge an die FDP, sechs an die SPD, und das sind vorwiegend Arbeitsdirektoren.
Nur ein Genosse bekam seinen Job direkt über die Partei: Günter Nastelski, früher Bürochef des Bundesfinanzministers Hans Apel, wurde einer von drei Geschäftsführern der bundeseigenen Industrieverwaltungsgesellschaft IVG. Der Sozialdemokrat kam des Proporzes wegen: Mitgeschäftsführer Werner Mertes war Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion, und der Kollege Hans-Georg von Koester gehört zur CDU.
Ernst Pieper, der Chef von Salzgitter, verdankt seinen Job wohl weniger dem SPD-Parteibuch. Pieper war, bevor er im Bonner Wirtschaftsministerium und später im Finanzministerium arbeitete, viele Jahre in der Industrie tätig. Heute wird der Salzgitter-Mann auch von politisch mehr rechts angesiedelten Branchen-Kollegen als fähiger Manager geschätzt.
Ansonsten regieren die Konservativen in den meisten Staatsbetrieben. Der größte deutsche Konzern, die Düsseldorfer Veba, ist fest in der Hand der CDU oder ihrer Sympathisanten. Christdemokrat Rudolf von Bennigsen-Foerder hatte 1971 von Finanzminister Alex Möller den Vorzug vor dem Sozialdemokraten und heutigen hessischen Landeszentralbank-Präsidenten Alfred Härtl erhalten. Seither blockte der Veba-Führer gemeinsam mit seinem Personalvorstand und Parteifreund Hermann-Josef Russe jeden SPD-Kandidaten für Veba ab.
Eingeschriebener Christdemokrat ist Werner Lamby. Der Vorstand der staatlichen Aluminium- und Energie-Holding VIAG wurde dem Sozialdemokraten Peter Graf Wedel vorgezogen.
Auch in die Leitung der bundeseigenen Saarbergwerke wurden von den Sozis Freunde der CDU berufen. Und selbst der Chef der Ruhrkohle AG, Karlheinz Bund, zählt zu den Sympathisanten der Partei von Helmut Kohl. Bonn besitzt zwar keine direkte Beteiligung an dem nationalen Kohlekombinat in Essen; doch pumpt die Bundesregierung jährlich rund vier Milliarden Mark Subventionen in die Kassen der Ruhrkohle.
»Da muß man sich doch auch im Management seinen Einfluß sichern«, kritisierte der SPD-Energieexperte und Bundestagsabgeordnete Ulrich Steger die Personalpolitik seiner Partei.
In den meisten Fällen war es nicht gerade außergewöhnliches Talent, das die Berufung der Unionsfreunde unabweislich gemacht hätte. Lamby beispielsweise, ein ehemaliger Beamter, hat bis heute kein erfolgversprechendes Konzept für die VIAG gefunden.
Veba-General von Bennigsen hatte Pläne, änderte die aber zum Verdruß seines Großaktionärs gleich mehrfach wieder ab. Vor sieben Jahren kaufte er seinen Konkurrenten Gelsenberg, um auftragsgemäß aus der Veba den nationalen Energiekonzern zu schmieden. Fünf Jahre später verkaufte er das Ölunternehmen an den Multi BP.
Jetzt hat von Bennigsen seine Vorliebe zur heimischen Kohle entdeckt. Durch eine Aufstockung seiner Ruhrkohle-Anteile von 27 auf 41 Prozent will er seine Macht im Energiebereich wieder ausweiten. Auch Ruhrkohle-Chef Bund wollte sein Unternehmen ausdehnen. Erst der Aufsichtsrat stoppte ihn vor einem Monat bei dem Vorhaben, mit Steuergeldern in fremde Branchen zu expandieren.
Beim Volkswagenwerk in Wolfsburg schaffte die Unionspartei ihr Meisterstück.
Die niedersächsische CDU-Wirtschaftsministerin Birgit Breuel und Unions-Schatzmeister Walther Leisler Kiep, beide Mitglieder im VW-Aufsichtsrat, brachten es fertig, Betriebsrat, Gewerkschaft und die Bonner Sozialliberalen auf einen Christdemokraten einzuschwören; Kieps Duzfreund Carl Hahn, der bei der Reifenfirma Conti keineswegs als Erfolgsmanager galt, wurde zum Nachfolger des herzkranken VW-Chefs Toni Schmücker gewählt.
Auch Hahns neuer Stellvertreter Horst Münzner, Einkaufschef in Wolfsburg und branchenweit als SPD-Gegner bekannt, kann sein neues Amt dem Gespann S.44 Kiep und Breuel verdanken, das den Zwanzig-Prozent-Besitz des Landes Niedersachsen im Aufsichtsrat vertritt.
Wie unionsnahe Manager intern attraktive Positionen abriegeln, mußte kürzlich Kanzler Schmidts früherer Staatssekretär Manfred Schüler erfahren. Schüler ist seit knapp einem Jahr Vorstandsmitglied der bundeseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau. Als jetzt der Vorstand der Bank sich seine Sprecher wählte, fiel der Sozialdemokrat durch. Die Schüler-Kollegen wählten zwei Männer, denen starke Sympathien für die Bonner Opposition nachgesagt werden.
Schwer auszumachen, warum sich die Sozialdemokraten bei der Besetzung von Spitzenpositionen in Bundesfirmen so schwertun. Richtig ist, daß sie zuwenig vorzeigbare Kandidaten in ihren Reihen haben; richtig aber auch, daß sie bei den wenigen Vorzeigbaren oft unentschlossen und mutlos taktieren.
So hat mit Edzard Reuter, Vorstandsmitglied bei Daimler-Benz und SPD-Mitglied, für VW durchaus ein parteieigener Bewerber mit Qualitäten bereitgestanden. Doch beim entscheidenden Kandidaten-Gespräch im Präsidium des VW-Aufsichtsrats lief Horst Schulmann, Bonner Finanz-Staatssekretär und Mitglied im VW-Aufsichtsrat, praktisch kampflos zur Hahn-Partei über.
Wie konturlos die Bonner Personalpolitik ist, demonstriert dieser Tage am eindrucksvollsten Verkehrsminister Volker Hauff. Während er sich im Fall Ruhnau den Vorwurf des Parteiklüngels einhandelt, holte er für die Bundesbahn einen völlig unverdächtigen Manager als Chef: den Computer-Experten Reiner Gohlke, bislang noch als einer von acht Deutschland-Geschäftsführern in den Diensten des Computer-Multis IBM.
Der 47jährige Diplomingenieur, schwärmte der Minister, sei »maßgeschneidert für den Posten bei der Bahn«. Gohlke verfüge über umfangreiche Kenntnisse im Vertrieb und bei der Rationalisierung. Das habe die Bahn »bitter nötig«.
Fragt sich nur, ob Gohlke seine Kenntnisse bei der Bahn wirklich nutzen kann. Denn auch unter der Leitung des industrieerfahrenen Mannes bleibt das Schienenunternehmen ein an Gesetzesvorschriften und Bonner Weisungen gebundener Betrieb.
»Allein mit dem Austausch an der Spitze ist da nichts zu machen«, urteilt Hessens FDP-Wirtschaftsminister Klaus-Jürgen Hoffie. »Da müßte schon das Beamtenrecht bei der Bahn abgeschafft werden und die Führung mehr Freiheiten gegenüber Bonn haben.«
Ausgerechnet bei der Lufthansa jedoch - einem Unternehmen, das bislang erfolgreich wie ein Privatunternehmen geführt wurde - soll nun mit Heinz Ruhnau ein Chef einrücken, der bis auf ein glückloses Jahr beim Handelskonzern Co op ohne jede Wirtschaftspraxis ist.
Weil sich die regierenden Sozialdemokraten wohl nicht trauten, Ruhnau im Alleingang durchzuziehen, schnürte Walter Hesselbach obendrein noch ein Paket: Ein Aktiver aus den Unionsreihen soll mitbefördert werden und die Opposition ruhigstellen.
Die Wahl fiel auf Günther Becher, Leiter der Lufthansa-Zentraldirektion, der in den Vorstand aufrücken soll. 1972 hat Becher noch vergeblich versucht, für die Union zum Bundestag nominiert zu werden.
Läuft bei dem Kölner Unternehmen alles so, wie Hesselbach und Hauff es wollen, dann können die am rechten Kölner Rheinufer untergebrachten Mitarbeiter der Fluggesellschaft bald Rat auf der anderen Rheinseite suchen.
Dort, beim Westdeutschen Rundfunk, hat man langjährige Erfahrungen in einem proporzgeführten Haus sammeln können.