Existenzgründung: Der Ich AG geht die Luft aus - DER SPIEGEL
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Existenzgründung Der Ich AG geht die Luft aus

Die Reformer um Peter Hartz wollen Schwarzarbeiter aus der Grauzone holen und in Ich AGs zum eigenen Boss machen. Eine Idee, die in der Gründerwerkstatt .garage seit Jahren vorgelebt wird. Doch dem Projekt droht gerade jetzt die Pleite, wo es am nötigsten ist.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - "Ich war immer ein Lebenskünstler", sagt Carsten (*), doch zehn Jahre lang war seine Kunst brotlos und strafbar. Er hat ein Handwerk gelernt, das Abi nachgeholt, aber einen Arbeitsvertrag besaß er seitdem nie. Er jobbte als Fahrer, renovierte Wohnungen, kellnerte. "Man reist rum, rackert sich so durch", erzählt der 28-Jährige.

Carsten sitzt im Synergieraum, einem 400-Quadratmeter-Büro im Hamburger Gründerzentrum .garage. Hier hat er den "Sprung aus der Schattenwelt" gewagt. Er will einen Handwerksbetrieb aufmachen, hat sich einen Bus gekauft, druckt Visitenkarten. Kunden, die er schon schwarz bedient hat, sagt er: "Ich koste keine zehn Euro pro Stunde mehr, ich koste 30." Ob er so eine Existenz aufbaut, ist unklar. Aber während er experimentiert, bekommt er vom Arbeitsamt für sieben Monate Lebensunterhalt, Sozialbeiträge und Beistand - so wie 37 andere hier, alle unter 30.

Die Zukunft vor Jahren geschaffen

Das rote A des Arbeitsamtes ist nirgends in der Start-up-Schmiede zu sehen, dafür Poster und Graffiti. Schwer zu glauben, dass dieses bunte Kind auch vom Bürokratiemonster Bundesanstalt für Arbeit (BA) geboren wurde. Seit zwei Wochen finden die Initiatoren ihr Projekt zeitgemäßer denn je: Im Ideenkatalog, mit dem VW-Personalchef Peter Hartz die Arbeitslosenrate halbieren will, finden sie einen ihrer zentralen Gedanken wieder.

"So sieht die Zukunft aus?", fragt .garage-Mitinitiator Bernd Rucktäschel. "Wir machen das seit Jahren." Er meint den Hartz-Begriff "Ich AG". Mit diesem Schlagwort wollen die Reformer arbeitslose Fensterputzer, Gärtner oder Haushaltshilfen anspornen, sich als Kleinstunternehmer zu versuchen. 15.000 bis 20.000 Euro pro Jahr sollen sie legal umsetzen dürfen, zusätzlich zum Arbeitslosengeld und pauschal versteuert mit zehn Prozent. Klappt der Plan, wandern Jobs aus der Schatten- in die legale Ökonomie, die erfolgreichsten Ich AGs bestehen und schaffen Stellen.

Visionen in der Not

Schon seit Anfang 2000 sind in der .garage rund 150 solcher Kleinstunternehmen geplant worden, 104 davon wurden realisiert und überleben bis heute. Jüngstes Kind ist eine Agentur für Event-Marketing. Zu den Neugründungen zählen aber auch Firmen von Gärtnern, Friseurinnen, Hausmeistern - jener Klientel, die Hartz am Herzen liegt. Die gelernte Friseurin Silvia (*), die sich ihr halbes Leben mit "Jobs unter Freunden" finanzierte, denkt schon in neuen Dimensionen: an eine Maskenbildner-Agentur mit Angestellten.

So löblich die .garage-Gründer die Hartz-Idee finden, sie hegen auch Zweifel. Schon der Marketing-Begriff "Ich AG" missfällt. .garage-Geschäftsführer Hajo Streitberger fühlt sich zu sehr an "Unternehmer, die von langer Hand planen", erinnert. Und an Kapitalgesellschaften, die investierte Gelder systematisch mehren.

"So viel haben die noch nie verdient"

Die Wahrheit sei weitaus banaler: "Diese Leute gründen Firmen, weil sie Jobs haben wollen." Vor allem in der Dienstleistungsbranche, die Streitberger hier zu Lande weiter für unreif hält. Während es in den USA und England eine Tradition des "self-employment" gebe, hätten die Deutschen die "kleine Selbständigkeit" verlernt. Viele kämen daher mit hochfliegenden Ideen in die .garage, wollten aufgeblähte Konzepte verfassen. Streitberger fragt dann: "Bist du auf Wahrheitsvermeidungstour?" Das irrige Selbstverständnis korrigieren er und Kollegen mit Slogans wie "Verdient wird im Quartier" oder "Ran an den Kunden".

Streitbergers zweiter Einwand gegen Hartz: "Zur Legalisierung gehört auch die Professionalisierung." Nur weil er legal dazuverdienen darf, reife ein arbeitslos gemeldeter Schwarzarbeiter noch nicht zum Unternehmer. So würden viele Neuankömmlinge in der .garage "kaufmännischen Unsinn" berechnen, wenn sie ihren Geschäftsplan aufstellen, andere "werden blass, wenn sie an 25.000 Euro Umsatz im Jahr denken. So viel haben die noch nie verdient". Die Gründerwerkstatt hilft mit Seminaren und der "Montagsrunde", bei der alle Gründer Probleme diskutieren.

Ein Virus namens Motivation

Ohne Steuerreform werden viele Ich AGs ohnehin nicht Tritt fassen, fürchtet Streitberger. Zur Schwarzarbeit gehören zwei - und vielen Abnehmern sind legale Putzhilfen oder Gärtner zu teuer, solange sie Sozialabgaben nicht absetzen können. Auch die .garage-Absolventen seien "fast nie in der Lage, ihre Altkundschaft zu halten". Also müssen sie ihre Produkte verbessern, am Marketing feilen, höhere Preise rechtfertigen und neue Abnehmer gewinnen. Bisher, bestätigt Friseurin Silvia, habe sie Kunden immer gesagt: "Zahl, was du denkst." Für die neue Preise habe sie mehr Selbstvertrauen entwickeln müssen.

Dabei helfen der sanfte Druck der Projektleiter und die Gruppendynamik. Ganz bewusst werden die Jungunternehmer ins Großraumbüro ohne Trennwände gesetzt. Nur, wer ein Kundengespräch führen will, kann sich in einen Konferenzraum zurückziehen. Bonnich Bonnichsen, seit Februar in der .garage, ist infiziert von der Aufbruchstimmung. Er arbeite 16 Stunden am Tag, auch beim Einschlafen und Aufwachen denke er an seine Firma: einen Gärtnerservice für Betuchte mit großen Grundstücken. Trotzdem fühle er sich "jeden Tag wie im Urlaub".

Sponsorenmangel, Besuchersturm

Dem bundesweit kopierten Motivationszentrum .garage könnte aber bald der Strom abgeschaltet werden. Ende Oktober läuft die Finanzierung durch die BA aus, da sie Pilotprojekte längstens drei Jahre fördern darf. So klingen die Projektleiter oft bitter, wenn sie über die Hartz-Debatte sprechen: Sie fühlen sich erkannt und doch verkannt. Der neue CDU-Schill-Senat wolle das Projekt zwar unbedingt erhalten und bezuschussen, sagt Streitberger, stellt aber - wohl auch aus Geldmangel - Bedingungen. Ein Drittel der Finanzen müsse künftig in einer "public-private partnership" von Sponsoren erbracht werden.

Der Geschäftsführer, der sonst viel gestikuliert, im Gespräch aufspringt, Ideen mit Skizzen illustriert, wirkt bei diesem Thema schnell resigniert. Er müsse künftig über 200.000 Euro pro Jahr von Privaten einsammeln, brauche rasch vier bis sechs Geldgeber - mitten in der Konjunkturkrise. Schon heute gilt in der .garage Aufnahmestopp - und der Synergieraum wird Monat für Monat leerer.

* Die Namen wurden geändert

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