G20-Absage an Protektionismus Handelskrieg vertagt
Hafen in Hamburg
Foto: Patrick Lux/ Getty ImagesAm Donnerstagmittag sitzt Ann Cairns in Hamburg vor einem strahlend blauen Himmel, in dem noch keine Rauchschwaden oder Helikopter zu sehen sind. "Wir bleiben in engem Kontakt zu den Mächtigen", sagt die Britin. "Denn wir betreiben ein globales Geschäft, und für uns ist es sehr wichtig zu verstehen, wie wir das am besten tun können."
Cairns ist Vorstandsmitglied beim Kreditkartenkonzern Mastercard, der in rund 200 Ländern aktiv ist. Manager wie sie hatten an diesem Wochenende allen Grund, auf Hamburg zu schauen: In jener Stadt, die sich selbst wie keine andere in Deutschland über ihre Teilnahme am Welthandel definiert, drohte dessen Anhängern eine herbe Niederlage.
Die ist vorerst abgewendet. Im Abschlusskommuniqué schreiben die G20-Staaten, sie würden "die Märkte in dem Bewusstsein offenhalten, wie wichtig auf Gegenseitigkeit beruhende und für alle Seiten vorteilhafte Handels- und Investitionsrahmen und der Grundsatz der Nichtdiskriminierung sind", und "Protektionismus einschließlich aller unfairen Handelspraktiken weiterhin bekämpfen".
Bestenfalls ein Etappensieg
Was innerhalb des Staatenbündnisses bislang eine Selbstverständlichkeit war, gilt seit der Wahl Donald Trumps schon als Erfolg. Denn der neue US-Präsident sieht sein Land von Handelspartnern wie China oder Deutschland übervorteilt. Bei einem Vorbereitungstreffen in Baden-Baden hatten Trumps Leute das Bekenntnis zum Freihandel deshalb noch verhindert.
Der jetzige Beschluss ist für Wirtschaftsvertreter wie Cairns ein Grund zur Erleichterung. "Wir wollen, dass die Welt verbunden bleibt, und wir glauben daran", sagt die Mastercard-Managerin. Doch die Erklärung von Hamburg bedeutet bestenfalls einen Etappensieg, das räumte die Bundeskanzlerin am Ende des Gipfels selbst ein. "Das Thema bleibt auf der Tagesordnung", sagte Angela Merkel.
Zum einen wurde der zentrale Konflikt nur vertagt: Die US-Regierung wirft chinesischen und europäischen Stahlherstellern Dumpingpreise vor und hat deshalb mit Strafzöllen gedroht. Über ihre Verhängung will Donald Trump anhand eines offiziellen Berichts entscheiden. Sein Erscheinungsdatum ist unklar, die Nervosität entsprechend groß. Die EU könne "innerhalb von Tagen mit Gegenmaßnahmen reagieren", drohte Kommissionschef Jean-Claude Juncker in Hamburg. "Wir befinden uns in Kampfstellung."
Mastercard-Vorstandsmitglied Ann Cairns
Foto: Tristan Fewings/ Getty Images for MasterCardDie G20 forderten nun selbst bis November einen Bericht an. In dem soll es um schon länger laufende Bemühungen gehen, Überkapazitäten im Stahlsektor abzubauen. Die notwendigen Informationen sollten bis August vorliegen, mahnte Merkel. Bis dahin sei es "nicht mehr so lange".
Selbst wenn sich Trump und der Rest der G20 beim Stahl zusammenraufen, werden viele Konflikte um Handelsthemen weiterschwelen. Zweifel an den Segnungen eines möglichst unregulierten Warenverkehrs hegt dabei nicht nur der US-Präsident. Auch unter den Demonstranten auf Hamburgs Straßen waren viele, die das Welthandelssystem in seiner heutigen Form für zutiefst unfair halten.
Wie hinkommen zur gerechteren Welt?
"Das ist ein Stillhalteabkommen", kommentiert Alexis Passadakis vom globalisierungskritischen Netzwerk Attac die Gipfelbeschlüsse. Ungelöst bleibe etwa die Frage nach den hohen Handelsüberschüssen von Ländern wie Deutschland, die Trump ebenfalls scharf kritisiert hat. Die Attac-Aktivisten stimmen dem grundsätzlich zu, sehen die Lösung im Gegensatz zu Trump aber nicht darin, einfach mehr amerikanische Autos zu kaufen.
Deutschland könne beispielsweise die Löhne erhöhen oder seine Waffenexporte zurückfahren, sagt Passadakis. Und müsse die Bundesrepublik als Land ohne Kakaoanbau wirklich Exportweltmeister bei Schokolade sein? "In einer gerechten Weltwirtschaft wären das die afrikanischen Staaten."
Doch wie hinkommen zur gerechteren Welt? Unter den Demonstranten von Hamburg wollen viele den radikalen Bruch mit dem Kapitalismus. In Foren wie G7, G20 oder auch Weltwirtschaftsforum sieht man den Markt dagegen naturgemäß weiter als Teil der Lösung.
So reiste Mastercard-Managerin Cairns nach Hamburg, um am Rande des Gipfels die Ausweitung eines gemeinsames Projekts mit dem "World Food Programme" der Uno vorzustellen: Zusammen will man in armen Ländern insgesamt 100 Millionen Schulmahlzeiten finanzieren.
Statt einfach Notrationen zu verteilen, sollten Lebensmittel dabei verstärkt vor Ort mit elektronischen Bezahlkarten erworben werden, erzählt Cairns. Das verhindere nicht nur Betrug, sondern kurbele auch die lokale Wirtschaft an. Dass sich Mastercard so nebenbei auch neue Märkte erschließt, bestreitet die Managerin nicht. "Das passt zu unserem Geschäftsmodell."