Gallischer Charme - DER SPIEGEL
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MANAGER Gallischer Charme

Ein munterer Franzose ist seit zwei Jahren Chef der deutschen Ford-Werke. Mit ungewöhnlichen Führungsmethoden verlieh er dem ins Trudeln geratenen Unternehmen neuen Schwung. *
• aus DER SPIEGEL 19/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Daniel Goeudevert den Vorstandsvorsitz der Ford AG in Köln übernahm, war es um die drittgrößte deutsche Automobilfirma schlecht bestellt.

Das Unternehmen hatte gerade fast eine halbe Milliarde Mark Verlust gemacht, der Marktanteil war von einst stolzen 18,3 Prozent auf einen neuen Tiefststand von nur noch 10,4 Prozent abgesackt, das Ansehen arg ramponiert: Ford-Chefs wechselten fast so schnell wie Trainer beim örtlichen Bundesligafußballklub 1. FC; Ford-Autos galten als langweilig und bieder, gerade eben noch gut, so schien es, für türkische Gastarbeiter.

Inzwischen, gut zwei Jahre später, hat sich das Bild gründlich gewandelt. Die Verluste von damals sind bald wettgemacht, der Marktanteil steigt wieder an - im März lag er bereits bei 14,1 Prozent -, und die Autos mit der blauen Ford-Pflaume am Kühlergrill erfreuen sich wachsenden Ansehens.

Fords jüngstes Produkt, der Taunus-Nachfolger Sierra, wurde von der Fachpresse wegen seiner zukunftsweisenden Form und seiner anspruchsvollen Technik als »das Wunder von Köln« ("auto, motor und sport") gelobt. Er entwickelt sich zum Verkaufsschlager seiner Klasse: VWs Passat hat er bereits über-, den Klassenersten, Opels Ascona, nahezu eingeholt.

Zur Wende am Rhein trug Deutschlands jüngster und auffälligster Autochef einiges bei - ein 41jähriger, 1,92 Meter großer, rotblonder Franzose aus Reims, wegen seiner hünenhaften Gestalt und seines einnehmenden Wesens in der Ford-Hauptverwaltung am Deutzer Ottoplatz liebevoll Obelix genannt. In Daniel Goeudevert hat die deutsche Tochter des US-Multis erstmals seit etlichen Jahren wieder einen Manager an der Spitze, der das Kölner Unternehmen nicht nur verwaltet, sondern ihm auch Schwung verleihen kann.

Bei seinem Amtsantritt in Köln wurden dem Franzosen kaum Chancen eingeräumt, in dem Kompetenzgerangel mit der Ford-Europa-Zentrale in England und der Konzernmutter in USA besser zu bestehen als das halbe Dutzend Vorgänger in den gut zehn Jahren zuvor.

Mit Goeudevert hatten sich die Ford-Oberen, so schien es damals, einen bequemen Befehlsempfänger geholt. Dem neuen Mann, der von der zentralistisch geführten Regie Renault kam, eilte nicht gerade der Ruf eines harten Managers voraus.

Der Neue hatte es auch keineswegs eilig, sein öffentliches Bild zu verändern. Den Lesern von »Bild am Sonntag« führte der neue Ford-Chef erst einmal seine Kochkünste vor ("Herr Generaldirektor, die Zwiebeln brennen an!"). Den »Playboy«-Lesern versprach er, er wolle seine Autos »mit Liebe« verkaufen. Prompt wurde Goeudevert in der Branche als »Null ouvert« verspottet.

Doch der erste Eindruck hatte getrogen. Nach und nach wurde deutlich, daß hinter dem üppig zur Schau gestellten gallischen Charme Methode steckte. Ford-Chef Philip Caldwell und sein damaliger Europa-Statthalter Bob Lutz hatten Goeudevert dafür ausgesucht, die neue Unternehmens- und Produkt-Philosophie von Ford zu verkörpern: Ford als eine Marke mit jugendlich-fortschrittlichem Anstrich.

Um das umzusetzen, bedurfte es weniger eines Finanzgenies oder eines Supertechnikers, als vielmehr eines einfühlsamen Kommunikationskönners. Gebraucht wurde einer, der bei Mitarbeitern, Händlern und Kundschaft den nötigen Klimaumschwung herbeiführen konnte.

Aufs Klimatische aber verstand sich Goeudevert - flämisch: gutes Wetter - von jeher vorzüglich. Der Mann ist ein Verkaufs- und PR-Künstler.

Das Geschäft lernte er ganz unten. Seine erste Position, eine Dozenten-Stelle für Literatur an der Sorbonne, hatte er wegen schlechter Bezahlung gekündigt. Er heuerte bei Citroen an und zog wie ein Hausierer im Pariser Vorort Montreuil von Tür zu Tür, um Autos zu verkaufen. »Ich war im Nu in der Küche«, erinnert er sich, »und kam oft mit einem Kaufvertrag wieder raus.«

Das Verkaufstalent kam schnell voran. Über verschiedene Posten bei Citroen rückte er zum Generaldirektor der deutschen Renault-Tochter in Brühl auf; anschließend zog er in den Pariser Renault-Vorstand ein. Mit 38 war er schließlich Kölner Ford-Chef.

Seine Blitzkarriere kann Goeudevert noch heute nicht recht fassen. Als Erklärung fällt ihm nichts besseres ein, als daß er »eben immer Glück gehabt« habe.

Das Glück verließ den sprudelnd Deutsch sprechenden Franzosen auch in Köln nicht. Er profitierte von den gelungenen Ford-Modellen Escort und Sierra, die schon unter seinem Vorgänger Peter Weiher entwickelt worden waren. Glück hatte Goeudevert auch, daß sein persönlicher Führungsstil so gut ins neue Ford-Konzept paßt.

Für den Ford-Chef ist Management »vor allem ein Kommunikationsproblem«, Hauptaufgabe eines Unternehmensführers sei »der richtige Umgang mit Menschen auf allen Ebenen«.

Entsprechend ungern hält Goeudevert sich denn auch mit dem Studium von Akten auf, Büroarbeit ist seine Sache nicht. Am liebsten geht er selbst vor Ort: ans Fließband, ans Zeichenbrett oder zum Händler. »Hinter dem Schreibtisch zu sitzen wie ein Beamter«, sagt der Vorstandschef, »das macht mich verrückt.« Ihm würde es auch »nie einfallen«, so der Neu-Kölner, den Spezialschlüssel

zu benutzen, mit dem Vorstandsmitglieder ohne Halt mit dem Aufzug in die Chefetage fahren können.

Nur eine voll motivierte Belegschaft »mit einem ausgeprägten Wir-Gefühl«, so Goeudevert, sei in der Lage, qualitativ hochwertige Autos zu konkurrenzfähigen Kosten herzustellen.

Einem ausgeprägten Wir-Gefühl standen in der Vergangenheit nicht nur der Führungsstil der Ford-Chefs, sondern auch das miese Ansehen der Ford-Autos im Wege. Dabei waren, behauptet Goeudevert, die Produkte aus Köln stets besser als ihr Ruf: »Was fehlte, war eine Botschaft, die klarmacht, wofür wir stehen.«

Leicht fällt es auch dem agilen Franzosen nicht, eine solche Botschaft zu finden. Autos aus Massenproduktion unterscheiden sich heute kaum noch - ob sie von Ford oder Opel, aus Japan oder Frankreich kommen. Da läßt sich allenfalls durch geschickte Öffentlichkeitsarbeit einer Marke und ihren Fahrzeugen ein bestimmtes Flair anhängen.

Daniel Goeudevert ist eifrig darum bemüht. Mit der richtigen Nase für den jüngsten Trend zeigt der Autochef Sympathie für die Argumente der Umweltschützer. Er hält es für »grundfalsch«, die vom Auto ausgehende Umweltbelastung zu verharmlosen.

Das Geschäftsinteresse hat Goeudevert dabei fest im Blick. Erstens, argumentiert er, führen die Grün-Wähler auch Auto. Und zweitens müsse er sich doch überlegen, »wer wohl die Imagemacher Ende des Jahrzehnts« seien, wenn die Autos, die er jetzt plane, auf die Straße kommen.

Vielleicht spielt da auch tatsächlich etwas grüne Überzeugung mit. Ungewöhnlich ist es ja schon, wenn ein Automanager sich so erkennbar in Gegenposition zu seinen Kollegen in den anderen Automobilunternehmen bringt; wenn einer, der vom Auto lebt, das Autofahren kritisch sieht - und nicht, wie die meisten seiner Kollegen, als ein unveräußerliches Menschenrecht.

Goeudevert plädiert für eine langfristige staatliche Verkehrsplanung, in der dem Auto neben Bahn, Flugzeug und Schiff die Aufgabe zugewiesen wird, die es am besten erfüllen kann - nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. »Wenn wir uns nicht bald zusammensetzen«, fürchtet er, »steuern wir am Ende alle ins Chaos.«

Das Chaos, wenn es denn überhaupt kommt, will Goeudevert selbst nicht mehr als Manager erleben.

Der heute 41jährige, der wegen seiner Erfolge in Köln bereits für einen höheren Posten in der Ford-Europa-Zentrale in England gehandelt wird, hat sich »fest vorgenommen«, mit 50 Schluß zu machen.

»Bis dahin«, so der Ford-Chef, »habe ich dann wohl auch den höchsten Grad meiner Inkompetenz erreicht.«

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