Gefährliches Medikament Bayer droht Millionenklage
Leverkusen - Einem Bericht des Rundfunksenders SWR3 zufolge sammelt die Kanzlei Duffus & Melvin aus Raleigh im US-Staat North Carolina bereits Adressen von Patienten, die durch das Mittel Baycol/Lipobay zu Schaden gekommen sein wollen. Sollten sich mehrere tausend Geschädigte einer Sammelklage anschließen, drohten Schadenersatzforderungen in dreistelliger Millionenhöhe, berichtete der Sender am Mittwoch.
Hunderte von Patienten hätten bereits über schwere Nebenwirkungen wie spastische Zuckungen, Hautausschläge, Muskelkrämpfe und Übelkeit geklagt.
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Auch Bayer selbst liegen offenbar Meldungen über Nebenwirkungen vor. So soll bei Patienten, die neben Baycol/Lipobay trotz Warnhinweisen gleichzeitig den Wirkstoff Gemfibrozil erhielten, Muskelschwäche aufgetreten sein. In dieser Kombination sei Nierenversagen mit Todesfolge nicht auszuschließen. Deshalb sei der Cholesterinsenker in allen Ländern bis auf Japan, wo Gemfibrozil nicht im Handel ist, vom Markt genommen worden. "Wir haben uns im Interesse der Patientensicherheit zu diesem Schritt entschlossen", sagte Finanzvorstand Werner Wenning.
Aussagen darüber, bei wie vielen Patienten sich Nebenwirkungen einstellten, konnte das Unternehmen nicht machen. Weltweit sollen sechs Millionen Menschen mit dem Cholesterinsenker behandelt worden sein. Im Jahr 2000 hatte Bayer mit dem Arzneimittel 636 Millionen Euro Umsatz (plus 82 Prozent) erlöst. Wann und ob Baycol/Lipobay wieder eingeführt werde, ist ungewiss.
Kurssturz an der Börse
Der Rückruf eines der umsatzstärksten Bayer-Medikamente hat einen Kurssturz der Bayer-Aktie ausgelöst. Der Vermarktungsstopp für Baycol/Lipobay wird in der Bayer-Bilanz 2001 tiefe Spuren hinterlassen. Auf bis zu 650 Millionen Euro (1,3 Milliarden Mark) bezifferte Finanzvorstand Wenning die Ergebnisbelastung durch die Rücknahme des Medikaments. Die überraschende Ankündigung ließ den Kurs der Bayer-Aktie bis zum späten Nachmittag um rund 16 Prozent auf gut 38 Euro einbrechen. Das war der tiefste Stand seit eineinhalb Jahren.
"Wir müssen auch beim Jahresergebnis von einem erheblichen
Einfluss ausgehen", sagte Wenning in einer Telefonkonferenz. Die
Gewinnwarnung begründete er auch mit der anhaltenden weltweiten
Konjunkturschwäche im Industriegeschäft. Genauere Prognosen wollte er
einen Tag vor Bekanntgabe der Geschäftszahlen für das erste Halbjahr
2001 allerdings nicht nennen. Bayer hatte wegen der schlechten
Chemiekonjunktur und eines Ergebniseinbruches bei dem biologisch
hergestellten Medikament Kogenate Ende Juni seine Ertragsziele
bereits nach unten korrigiert. Das angepeilte Ergebnisziel von drei
Milliarden Euro wird das Unternehmen in diesem Jahr nicht erreichen.