Genosse Hermann - DER SPIEGEL
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ABGEORDNETE Genosse Hermann

Mit dubiosen Wahlabsprachen und gegen den Willen der Sozialdemokraten verhalf der hessische SPD-Bundestagsabgeordnete Schmitt-Vockenhausen einem Parteifreund wieder zu einem Landrats-Posten.
• aus DER SPIEGEL 11/1974
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Im Bürgerhaus zu Schwalbach im Taunus erlebten die Sozialdemokraten eine Premiere. Parteifreund Hermann Schmitt-Vockenhausen verzichtete auf ein Ehrenamt.

»Weil ich den Respekt vor mir selbst bewahren will«. beteuerte der beleibte Bundestags-Vizepräsident vor den Delegierten des SPD-Unterbezirks Main-Taunus, werde er den Ehrenvorsitz »freiwillig« niederlegen. »Keine Konferenz«, begründete er mitleidheischend seinen Entschluß, »kann darüber entscheiden, was ich für die Partei und die Menschen dieses Kreises getan habe.«

Die Genossen hörten ungerührt zu. Denn Hermann Schmitt-Vockenhausen, 51, hatte wieder einmal des Eigenwilligen zuviel getan. Weil er den »bekundeten Willen der Unterbezirkskonferenz mißachtet«, Beschlüsse der Fraktion »unterlaufen« und seine Stellung als Kreistagsvorsitzender »massiv zum Nachteil der SPD-Fraktion benutzt« habe, wurde sein Verhalten vom Partei. tag »auf das Schärfste mißbilligt«.

Mit großer Mehrheit bescheinigten die Genossen ihrem populären Parteifreund einen »eklatanten Mangel an Solidarität und politischer Disziplin«. Nach mehr als zwanzig Jahren »unbestrittener Führungsrolle hier am Main«, so der stellvertretende Unterbezirksvorsitzende Wolfgang Winckler, »bröckelt jetzt die Basis. Die Partei hat sich emanzipiert«.

Hermann Schmitt-Vockenhausen, unter Genossen HSV genannt, der für sozialdemokratische Politik gern bei Prozessionen und Preisverleihungen wirbt« hatte gegen den Wunsch der SPD und mit den Stimmen der CDU im Main-Taunus-Kreis einen Mann seiner Wahl zum Landrat küren lassen: den bislang schon amtierenden Sozialdemokraten Valentin Jost, 54, der »aus gesundheitlichen Gründen, eigentlich gar nicht mehr kandidieren wollte.

Mit Fraktion und Vorstand der heimischen SPD war HSV -- nach Josts Verzicht -- zwar schon frühzeitig übereingekommen, die Stelle des Landrats auszuschreiben. Aber »die freie Bußtagswoche«, erläuterte der Parlamentarier seinen Parteifreunden später, habe es ihm »ermöglicht, mich einmal mit dem Menschen Jost und seiner Situation« zu beschäftigen.

*Zweiter von vorn.

Und in den Stunden stiller Einkehr gedieh Kommunalpolitik auf Schmittsche Art: Bereitwillig forderte der Kreistagsvorsitzende HSV einen Antrag der CDU auf Wiederwahl Josts, mit dem die Christdemokraten schadenfroh den SPD-internen Konflikt schürten. Denn der Altgenosse Jost, der bei politischen Entscheidungen meist den Rat Schmitt-Vockenhausens sucht, war HSV letztlich lieber als andere sozialdemokratische Bewerber.

Bei Mitgliedern der eigenen Fraktion, denen er private Pfründe und Vorkehr fürs politische Überleben versprach, warb HSV für das Abstimmungsbündnis mit der CDU. Etliche SPD-Abgeordnete, vorwiegend Bürgermeister und kommunale Beamte, votierten schließlich -- entgegen der Fraktionsdisziplin -- für Jost.

Als der stellvertretende SPD-Ortsvorsitzende Bernd Möller die »Postenschieberei des einflußreichen Mannes« im HSV-Wohnort Bad Soden publik machte, schickte der Bundestagsabgeordnete ("Ich bin"s meiner Familie schuldig") dem Genossen per Anwalt einen Straf-Befehl ins Haus. Das Strafmaß setzte der Parlamentarier selbst fest: fristgerechte Entschuldigung nebst 150 Mark Geldbuße -- zu zahlen an die Arbeiterwohlfahrt in Bad Soden.

Und mit Wolfgang Winckler, 46, einem promovierten Philologen, der seit 1958 Mitglied der SPD ist, traf sich Schmitt-Vockenhausen Montag letzter Woche in Frankfurt vor Gericht. Bei der 3. Zivilkammer des Landgerichts erwirkte HSV eine einstweilige Verfügung, die es Winckler untersagt, den Vorwurf der Ämter-Patronage weiterhin zu verbreiten.

Der SPD-Kreistagsabgeordnete Konrad Treber freilich hatte den Genossen schon vor der Landrats-Wahl in einer Fraktionssitzung berichtet, Schmitt-Vockenhausen habe ihm einen leitenden Posten beim Landratsamt zugesagt, falls er für Josts Wiederwahl stimme. Und Trebers Fraktionskollege Karl Reinke vertraute der Runde damals an, ihm sei das Bürgermeisteramt in der HSV-Gemeinde Bad Soden angeboten worden; Schmitt-Vockenhausen bestreitet derlei Offerten: »Das ist doch absurd.«

»Was ist denn das für ein Stil«, schimpfte gleichwohl Sozialdemokrat Gerd Mehler beim Parteitag in Schwalbach, »wenn der Kreistagsvorsitzende seine Machtposition ausnutzt, um einen SPD-Antrag unterzubügeln?«

Stil- und Standortfragen haben den Politiker Schmitt-Vockenhausen, dem »Die Zeit« einen »hemdsärmeligen, manchmal unbedenklichen Umgang mit der Macht« bescheinigt, allerdings nie bedrückt. Im traditionell linken Parteibezirk Hessen-Süd stritt der SPD-Rechtsaußen frühzeitig für die Notstandsgesetze, und mit konservativen Hochschullehrern fand er sich im »Bund Freiheit der Wissenschaft« zusammen, der seit Jahren die von hessischen Sozialdemokraten betriebene Hochschulpolitik bekämpft.

Im Heimat-Wahlkreis am Main, wo Juso-Gegner HSV bei Parteiversammlungen seinen Bericht aus Bonn von jeher »mit Bonhomie und Leutseligkeit wie auf dörflichen Feuerwehrfesten verkauft« (Winckler), traut ihm inzwischen auch mancher Sozialdemokrat über dreißig nicht mehr.

Wenn er sich »nach einem Jahr« durch gute Führung »bewährt« habe, höhnte der Flörsheimer Delegierte Alfred Maul beim Parteitag, könne sich »der Genosse Hermann« ja um den verlorenen Ehrenvorsitz wieder bemühen.

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