Google: Schrei nach Liebe - DER SPIEGEL
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Google Schrei nach Liebe

Google boomt - und muss immer stärker um die Zuneigung seiner Nutzer buhlen. Es geht um Datenschutz, Rechtestreit, Protest aus Prinzip. Vor allem Microsoft wittert nun die Chance, dass der Internet-Gigant der neue böse Riese der Branche wird. Google rüstet zur Gegenoffensive.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg/Paris - Konzentriert starren die Google-Mitarbeiter auf ihre Blackberrys. Was schreibt die Welt über ihr Unternehmen? Was macht die Konkurrenz? "Das gibt's doch nicht - bei Yahoo   muss Gründer Jerry Yang wieder an die Spitze", liest ein Google-Mann seinen Kollegen vor. "Bei denen läuft's wohl nicht so gut", sagt er und grinst. Die anderen grinsen auch. Alles gut bei Google. Es ist Press Day in Paris, Journalisten sollen Neuigkeiten aus der Google-Welt erfahren. Erstmals seit der Gründung der Firma 1998 findet diese Veranstaltung außerhalb der USA statt - "weil wir eine internationale Firma sind", sagt der Mitarbeiter.

Der Mann trägt ein schlabberiges T-Shirt, mit blau-rot-gelb-grünem Firmenlogo drauf. Dazu Jeans und Turnschuhe. Fast alle bei Google kleiden sich wie Jugendliche, auch wenn die Jugend bei manchen schon zwanzig Jahre zurückliegt. Krawattenträger und Wichtigtuer gibt es hier kaum. Wie jung jemand ist, ist eine Frage des Gefühls.

Bei Google fühlen sie sich besonders jung - und besonders gut. Schließlich arbeiten sie zwölf Stunden und mehr am Tag, verdienen überdurchschnittlich viel und so mancher in den Dreißigern hat hier, auch dank des rasant gestiegenen Google-Aktienkurses  , schon so viel auf dem Konto, dass er nie mehr arbeiten müsste.

Träumen von einer besseren Welt

Aber den Google-Leuten geht es ja nicht um Arbeit und nicht um Geld. Sie träumen von einer besseren Welt, in der jeder Mensch auf der Erde Zugang zu allen Informationen dieser Welt hat. Dafür arbeiten sie, dafür leben sie, laden Milliarden von Webseiten in ihre Systeme, digitalisieren Millionen von Büchern, fotografieren die Welt aus allen möglichen Perspektiven. Und setzen mit Werbung, die zielgerichtet, aber unaufdringlich eingeblendet wird auf den Ergebnisseiten der Suchmaschine oder auf den Landkarten, gigantische Summen um - im vergangenen Jahr waren es 10,6 Milliarden Dollar.

Was kann daran schlecht sein?

Vieles, sagen Datenschützer. Sehr vieles sogar, sagt die Konkurrenz. Und das ist in erster Linie Microsoft  . Trotz milliardenschwerer Stiftung, trotz Pionierleistungen in der Branche, trotz einiger guter Produkte - der Konzern hat den wohl schlechtesten Ruf in der Computer- und IT-Welt. Wer auf sich hält, hält nichts von Microsoft. Microsoft-Witze gehören inzwischen zum Smalltalk-Standard auf Cocktailpartys.

Es muss den Microsoft-Leuten wie ein Geschenk des Himmels vorgekommen sein, dass Negatives über Google geäußert wird. Wenn es juristische Streitigkeiten gibt, ob zum Beispiel das neue Microsoft-Betriebssystem Vista Software von Google behindert - dann ist plötzlich nicht mehr klar, auf wessen Seite sich die öffentliche Meinung schlägt. Früher wäre es derjenige gewesen, der gegen Microsoft klagt. Jetzt wittern die Microsoft-Leute die Chance, ihre rote Laterne an Google weiterzureichen.

Andere Strategie als Microsoft

"Wir sehen Microsoft nicht als Konkurrenz", sagt Google-Nordeuropa-Chef Philipp Schindler. "Wir verfolgen eine ganz andere Strategie." Google konzentriere sich auf webbasierte Lösungen, auf die Daten könne von jedem Rechner aus zugegriffen werden. Microsoft entwickle dagegen Software für jeden einzelnen Rechner.

"Stellen Sie sich mal vor, Ihr Laptop fällt auf den Boden und die Festplatte ist hin", sagt Eric Schmidt, CEO von Google. "Das wäre ein Grund, sich massiv zu ärgern. Aber wenn Sie Google-Software nutzen, besorgen Sie sich einfach einen neuen Rechner, und alles ist wie immer." Es gebe gute Gründe dafür, Daten auf Google-Servern zu speichern, will Schmidt sagen. Irgendwie ist Microsoft also doch ein Konkurrent.

Die Sammelwut macht den Kritikern Angst

Allerdings ist es genau diese massive Sammelei von Daten, die die Datenschützer kritisieren. Noch bis vor kurzem speicherte Google jede Suchanfrage und die dazugehörige IP-Adresse unbegrenzt lange. Nach massiver Kritik werden diese Daten seit März nach 18 Monaten gelöscht - es sind also immer noch eineinhalb Jahre, in denen nachvollzogen werden kann, von welchem Rechner aus nach welchen Begriffen gesucht wurde. Internetsuche ist keine Privatangelegenheit.

Ob ein US-Geheimdienst auf diese Daten zurückgreifen könne, will ein Journalist von Schmidt wissen. "Theoretisch schon. Aber die gesetzlichen Voraussetzungen sind so, dass es in der Praxis wohl nicht geschehen dürfte", antwortet der. Und was, wenn die Gesetze in den USA geändert würden, so dass der Zugriff leichter erfolgen könnte? "Wir halten uns an die Gesetze des jeweiligen Landes, in dem wir tätig sind", sagt Schmidt und lächelt.

Sorge vor Datenmissbrauch kratzt am Image

Street View, das faszinierende Werkzeug, mit dessen Hilfe man durch die Straßen von bislang fünf amerikanischen Städten fahren kann und einen realitätsnahen virtuellen Eindruck von der Gegend bekommt, ist eine weitere Google-Spezialität, an der sich die Kritiker reiben. Grund für den Ärger ist, dass Google nicht nur die Straßen, sondern auch ahnungslose Leute fotografiert und ins Netz stellt. Google entgegnet, man könne kritisierte Bilder leicht melden, sie würden dann entfernt.

Oder YouTube, das weltweit erfolgreichste Videoportal, das Google im Oktober 2006 für 1,65 Milliarden Dollar gekauft hat. Hier schlägt sich das Unternehmen mit zahlreichen Urheberrechtsstreitigkeiten herum, in Deutschland scheiterte daran die Einführung einer deutschen YouTube-Seite, während Brasilien, Frankreich, Irland, Italien, Japan, die Niederlande, Polen, Spanien und Großbritannien länderspezifische YouTube-Seiten bekommen. Deutschland wird frühestens in einer zweiten Runde dran sein.

Ob YouTube, Google Street View oder Google-Suche - immer dreht sich die Kritik darum, dass Unmengen an Daten ausgenutzt werden oder in die falschen Hände gelangen könnten. Die Befürchtungen kratzen an Googles Image, obwohl bisher nichts Derartiges passiert ist.

Bisher war es Yahoo, das mehrmals in solchen Verdacht geriet, zum Beispiel chinesische Regimegegner an die Behörden verraten zu haben. Trotzdem rufen Blogger dazu auf, Google zu boykottieren, und werfen Kritiker wie die britische Organisation Privacy International oder EU-Behörden Google mangelnden Datenschutz vor.

Beliebter Arbeitgeber bei Uni-Absolventen

Auf diese Kritikwelle springt auch die Konkurrenz auf. "Wenn Sie mich fragen, ich würde meine Textdateien nicht bei Google speichern", sagt ein Microsoft-Mitarbeiter - obwohl er wissen dürfte, dass die Google-Server als extrem sicher gelten und Microsoft nicht gerade für Sensibilität im Umgang mit Daten bekannt ist. Fair geht es in der Branche nicht zu.

Google weiß, dass zusehends hitzig die Frage debattiert wird, ob Google ein guter, sanfter Riese ist oder doch eher Big Brother. Und so investiert das Unternehmen jetzt verstärkt in Imagepflege und Krisenabwehr.

Bisher beschäftigte das Unternehmen in Deutschland nur einen Sprecher. Jetzt sind es drei, die die Google-Geschichte erzählen, für die Mission "Alle Informationen für alle Menschen" werben und Interview-Partner vermitteln.

Der Beliebtheit als Arbeitgeber schadet die Kritik indes überhaupt nicht. Umfragen zufolge zählt Google in den USA zu den beliebtesten Firmen unter Universitätsabsolventen. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Bewerbungen, trotzdem sucht allein die Hamburger Filiale mehr als 50 Leute. "Über eine Bewerbung von einem guten Programmierer freue ich mich wie ein kleines Kind", sagt Schindler. In Europa arbeiten 2500 Menschen für die Internetfirma, weltweit sind es inzwischen rund 12.000 - mit Tendenz nach oben.

Verstärktes Engagement im Klimaschutz

Für den guten Ruf als Arbeitgeber hat Google frühzeitig viel getan. Auch wenn die Manager genervt sind, wenn wieder mal über das für die Mitarbeiter kostenfreie Essen berichtet wird "anstatt über die tollen Google-Produkte", erwähnen sie dieses Detail dann doch ganz gern. In den Gängen der europäischen Google-Büros stehen - wie ganz zufällig dort abgestellt - neuerdings weiße Mountainbikes herum: Jeder Mitarbeiter in Europa soll demnächst ein solches Fahrrad erhalten, um damit umweltschonend zur Arbeit zu radeln.

Die Klimawandel-Debatte ist eine Chance, die Google nutzen will. Tue Gutes und rede darüber, heißt die Devise. Das Unternehmen setzt verstärkt auf Umweltschutz-Themen. "Das Internet ist eine umweltfreundliche Technologie", sagt Urs Hölzle, Vizepräsident von Google und zuständig für Umweltfragen. "Eine E-Mail zu senden oder ein Musikalbum aus dem Netz zu laden ist umweltfreundlicher, als einen Brief per Post zu verschicken oder eine CD zu kaufen. Und Videokonferenzen ersparen eine Menge Reisen."

Derzeit arbeiten die Techniker daran, den Energieverbrauch in den Rechenzentren effizienter zu machen. Solaranlagen auf den Google-Dächern liefern schon jetzt 1,6 Megawatt Strom, bis 2012 sollen es 50 Megawatt sein. "Davon hat nicht nur Google etwas", sagt Hölzle. "Von solcher Technik profitiert die ganze Welt."

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