"Herr der Ringe"-Verträge: David gewinnt gegen Goliath - DER SPIEGEL
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"Herr der Ringe"-Verträge David gewinnt gegen Goliath

Der Verband der kleinen Kinos feiert einen Erfolg. Nach lauten Protesten habe der Warner-Verleih den Filmtheatern für den "Herrn der Ringe" keine "Knebelverträge" aufgezwungen wie bei "Harry Potter". Trotzdem seien die Verleih-Giganten weiter versucht, ihre Marktmacht auszunutzen.
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Berlin - Bei den mittelständischen Kinos, die sich im Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF) organisieren, ist man derzeit schlecht auf Warner Bros. zu sprechen. "Wir kämpfen gegen Warner!", heißt gar der Schlachtruf eines Kinobesitzers, der diesen Kommentar auf der Web-Site des HDF veröffentlicht hat. Der Filmverleiher, der zum Entertainment-Giganten AOL Time Warner gehört, hat in dieser Wintersaison zwei der populärsten Titel in seinem Portfolio: "Harry Potter" und den "Herr der Ringe".

Beim Filmstart des Potter-Märchens, so der Vorwurf des HDF, habe Warner seine Marktstellung in nie da gewesener Weise ausgespielt. Kinos, die eine der 1226 Filmkopien ergattern wollten, mussten sich verpflichten, die Kopie dreimal täglich abzuspielen. Für ein mittelständisches Kinos irgendwo in Oberbayern oder Ostfriesland sei das kaum zu schaffen, so die Argumentation des Interessenverbandes. Höchstens mit Überstunden oder indem kurzfristig zusätzliches Personal angeheuert wird.

"Kleine Häuser würden das nicht packen"

Bei den Verhandlungen über den "Herrn der Ringe" habe sich Warner von derartigen Forderungen "verabschiedet", sagte Andreas Kramer, Geschäftsführer des HDF, auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE. Ursprünglich habe Warner von den Kinos verlangt, jede Kopie des Fantasy-Spektakels an allen sieben Tagen in der Woche jeweils dreimal zu zeigen. "Kleine Häuser würden das gar nicht packen", meint Kramer. Es mache betriebswirtschaftlich keinerlei Sinn, einen dreistündigen Film in kleinen Orten etwa um zehn oder elf Uhr vormittags zu spielen. Warner habe auf die Forderung des HDF und seiner Mitglieder reagiert und verlange nun nur noch ein zweimaliges Abspielen jeder Kopie pro Tag.

Zugleich stelle Warner nicht mehr wie geplant die Bedingung, dass der "Herr der Ringe" auch am Heiligabend und Silvester mindestens einmal gezeigt werde. Über diese Vertragsklausel könnten die Kinos nun individuell mit dem Verleih verhandeln, sagte Kramer. Die ursprüngliche Bedingung sei unsinnig gewesen. Es gebe zum Beispiel in Bayern Kinos, in denen in 40 Jahren nie am Heiligabend ein Film gezeigt worden sei. Ob mit dieser Tradition gebrochen werde, solle "den Kinos überlassen werden".

Bewegten Medienberichte Warner zur Umkehr?

Bisher habe sich Warner gegenüber den Kinos vorbildlich verhalten, stellte Kramer klar. Wegen der euphorischen Umsatzprognosen für die Rowling- und Tolkien-Verfilmungen habe der Verleih aber wohl im "Überschwang der Gefühle" unvernünftig viel verlangt. Der HDF hatte daraufhin seinen Mitgliedern geraten, genau zu prüfen, ob es betriebswirtschaftlich Sinn mache, den "Herr der Ringe" zu zeigen. Mehrere Zeitungen titelten "Kinos drohen mit Boykott". Diese Berichterstattung habe geholfen, Warner zur Umkehr zu bewegen, so Kramer.

Eine Sprecherin des Warner-Verleihs in Hamburg wollte die Angaben des HDF-Geschäftsführers auf Nachfrage nicht bestätigen. Sie sei über die Vertragskonditionen nicht informiert. Außerdem handle es sich dabei um eine Angelegenheit, die nur die Kinos und den Verleih etwas anginge.

Im HDF sind neben der Multiplex-Kette UCI vor allem kleine Kinos im Privatbesitz organisiert. Die drei Marktführer Ufa, Cinemaxx und Kieft & Kieft (Cinestar) sind aus dem HDF ausgetreten und haben ihren eigenen Verband, Cineropa, gegründet. Dessen Geschäftsführerin, Elke Esser, bestätigte in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE das "Eingehen" Warners auf Belange der Kinobetreiber.

Warner Bros. sei "klug beraten" gewesen, "nicht Konditionen zu erzwingen, die eher kontraproduktiv sind und das ohnehin nicht immer einfache Verhältnis zwischen Verleih und Kino belasten", so Esser. So sei es wegen eventuell "mangelnder Publikumsnachfrage" nicht sinnvoll, von allen Kinos pauschal ein Abspielen von Kopien am Heiligabend und Silvester zu verlangen. Cineropa habe die umstrittenen Konditionen für den "Herrn der Ringe" schon im Frühsommer 2001 beanstandet, als noch die inzwischen insolvente Kinowelt die Verleihrechte besaß. Die "Abhängigkeit (der Kinos) von besucherstarken Filmen" sei auch in diesem Jahr sehr hoch, die Macht der Verleiher daher groß.

Kleine Kinos bangen weiter

Obwohl sich die Kinos nach Angaben ihrer Verbände mit ihren Forderungen weitgehend durchgesetzt haben, nennt HDF-Geschäftsführer Kramer weitere Kritikpunkte am Verleih. So habe Warner die Kinos verpflichtet, den "Herr der Ringe" schon am Mittwoch ins Programm zu nehmen, nicht erst am Donnerstag - ebenfalls ein Bruch mit Traditionen. Kino-Besitzer klagen auf der HDF-Internetseite, dass sie andere Erfolgsfilme deshalb einen Tag früher als nötig absetzen mussten. Auch habe Warner die Frist für die Bezahlung der "Herr der Ringe"-Kopien halbiert: Branchenüblich sei eine Frist von 25 Tagen, für den "Herrn" gälten 14 Tage.

Langfristig treibt den HDF-Geschäftsführer noch eine weitere Sorge um. Bisher müssten Kinos in Orten mit weniger als 50.000 Einwohnern im Schnitt 47,7 Prozent ihrer Karten-Umsätze an den Verleih abgeben, in größeren Städten seien es durchschnittlich 53,5 Prozent. Es sei zu befürchten, dass die Verleiher diesen "Kleinstadtnachlass" kippen wollen, so Kramer. Das könnte noch mehr Besitzer von Traditionstheatern und Programmkinos bewegen, ihre Säle dauerhaft zu schließen.