Volkswagen Holz gehackt
Aufhängen sollte man sie«, sagt ein Seat-Arbeiter vor dem Werkstor, »alle aufhängen.« Seine Kollegen aus der Frühschicht, die mit ihm kurz nach 14 Uhr das Werk in der Zona Franca bei Barcelona verlassen, sind ähnlich verbittert.
Die ganze Wut und Empörung der Automobilarbeiter von Seat richtet sich gegen den Volkswagen-Konzern, der eine harte Sanierung seiner spanischen Tochtergesellschaft fordert: Mindestens 5000, wahrscheinlich sogar 9000 Beschäftigte sollen entlassen, große Teile der Fabrik in der Zona Franca stillgelegt werden.
Als die Pläne vergangene Woche bekannt wurden, setzte in Spanien lautes Protestgeschrei ein. Der Chefredakteur der Tageszeitung El Mundo kritisierte das »deutsche Diktat«. Alfonso RodrIguez von der Gewerkschaft CCOO sprach von einem »Attentat auf die Belegschaft«. Und sein Kollege von der UGT kündigte bereits »beispiellose Streiks« an.
Der Volkswagen-Konzern ist wieder in den Schlagzeilen, diesmal vor allem in Spanien. Er ist wieder einmal dabei, seinen guten Ruf zu ramponieren. Verantwortlich dafür ist der Chef persönlich. Der Vorstandsvorsitzende Ferdinand Piech agiert in seinem Job wie in der Freizeit, in der er, wie Piech vergangene Woche Thomas Gottschalk verriet, am liebsten »Holz hackt«.
Lange Zeit blieb dem Konzernchef verborgen, daß der Absatz bei der Tochtergesellschaft Seat dramatisch einbricht und der Firma sogar der Konkurs droht. Als die prekäre Lage bekannt wurde, hatte Piech vor allem ein Problem: Er suchte einen Schuldigen.
Am liebsten hätte er die Misere seinem Finanzvorstand Werner P. Schmidt angelastet, der im Seat-Aufsichtsrat sitzt. Schmidt ist, nachdem Piech bereits sechs Vorstände entlassen hat, der letzte Manager in der Wolfsburger Führungscrew, der dem Vorstandschef gefährlich werden könnte. Der langjährige VW-Vorstand hat als einziger das Format, den Konzern zu steuern, wenn Piech straucheln sollte.
Die Aufsichtsräte aber wollen das Unternehmen nicht völlig Ferdinand Piech ausliefern. Sie signalisierten, daß sie einer Ablösung von Schmidt nicht zustimmen würden. Also mußte DIaz Alvarez gehen.
Als Alvarez am vergangenen Dienstag in Wolfsburg seinen Sanierungsplan vorlegte, schickte Piech ihn gleich wieder nach Spanien zurück. Dann ließ Piech verbreiten, mit einem Abbau von 5000 Arbeitsplätzen sei Seat nicht zu retten, die veraltete Fabrik in der Zona Franca müsse eigentlich geschlossen werden.
Jeder Manager, dessen Blick sich nicht nur auf den Raum zwischen Hinter- und Vorderachse beschränkt, mußte wissen, welche Wirkungen diese Aussagen in Spanien haben: Die drohende Schließung des Werks bei Barcelona, in dem über 10 000 Menschen beschäftigt sind, wurde zum Politikum.
Ein umsichtiger Unternehmensführer hätte zuerst dem spanischen Ministerpräsidenten Felipe Gonzalez und Gewerkschaftsvertretern die schlimme Lage von Seat erläutert und um Verständnis für harte Sanierungsschnitte geworben. Doch in Wolfsburg regiert Piech, und der glaubte offenbar, mit dem Rausschmiß von Seat-Chef Alvarez habe er seine vordringlichste Arbeit erledigt.
Das Echo in Spanien ist verheerend. Die Seat-Belegschaft ist frustriert, die Gewerkschaften drohen mit Streiks, und Ministerpräsident Gonzalez versucht, den VW-Chef von seinen Plänen abzubringen.
Die Chancen dafür sind gering. Der VW-Konzern hat der angeschlagenen Tochter bereits 1,5 Milliarden Mark als Soforthilfe überwiesen. Mehr können die Wolfsburger nicht bezahlen. Seat wird die Produktion auf das neue Werk in Martorell konzentrieren und Teile der alten Fabrik bei Barcelona schließen müssen.
In dieser Woche will Ferdinand Piech Versäumtes nachholen. Der VW-Chef fliegt nach Spanien, um bei Regierung und Gewerkschaften für Verständnis zu werben.
Doch Piech kommt zu spät. Den Rufschaden, den sein ungeschicktes Taktieren verursachte, kann er kaum wiedergutmachen. Die Gewerkschaften bereiten sich bereits auf den Arbeitskampf vor. Enrique Montoya von der UGT kündigt an: »Wir werden auf keinen Fall zulassen, daß die Fabrik in der Zona Franca geschlossen wird - denn das wäre das Ende von Seat.« Y