Ich-AG: Ende der Gründerzeiten - DER SPIEGEL
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Ich-AG Ende der Gründerzeiten

Der Ruf der Ich-AG ist mies, die Union will sie nach einem Wahlsieg schnellstmöglich abschaffen. Dabei hat das Instrument aus der Hartz-II-Reform in vielen den Gründergeist geweckt. Eine Bilanz nach zweieinhalb Jahren - und einige Porträts findiger Ich-AG'ler.
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Hamburg - Sie war noch keinen Monat alt, da hatte die Ich-AG ihren Ruf weg. Im Januar 2003 wurde der Begriff zum Unwort des Jahres erklärt. Die Wortbildung - die Aufbruchsstimmung und Gründergeist wecken sollte - übertünche menschliche Schicksale und soziale Schieflagen mit einer unangemessenen Börsensprache, befand die Jury.

Auch die Institution selbst stand von Anfang an im Kreuzfeuer wie kein anderes Beschäftigungsprogramm: Handwerksvertreter, Gewerkschafter und Unionspolitiker kritisieren das Hartz-II-Projekt in seltener Einigkeit. Der Existenzgründungszuschuss, wie die Ich-AG formal heißt, vernichte reguläre Arbeit und entzünde ein beschäftigungspolitisches Strohfeuer.

500.000 Ich-AG-Gründungen pro Jahr hatte die Regierung sich erhofft. 237.100 der geförderten Einmannunternehmen gibt es nun nach zweieinhalb Jahren. Rund 95.000 Ich-AGs sind schon vorzeitig aus der eigentlich auf drei Jahre angelegten Förderung herausgefallen.

"Die Hoffnungen, die mit der Ich-AG verbunden waren, haben sich schlicht nicht erfüllt", schlussfolgert CDU-Arbeitsmarktexperte Ronald Pofalla im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Union will den Zuschuss nach einem Wahlsieg deshalb schnellstmöglich entsorgen und das gesparte Geld lieber in andere Beschäftigungsinstrumente stecken. Dabei ist die Ich-AG genauer betrachtet besser als ihr Ruf. Viele Kleinstunternehmer jedenfalls ziehen eine positive Bilanz.

Eine Misserfolgsquote von rund 30 Prozent ist zudem bei Unternehmensgründungen nicht ungewöhnlich. Und nicht jeder Ich-AG'ler, der nicht mehr gefördert wird, hat zwangsläufig das Handtuch geschmissen. Das zeigt eine Studie von Frank Wießner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur. "Fast die Hälfte der Abbrecher war wieder in abhängiger Beschäftigung", sagt der Wissenschaftler. "Und wenn Arbeitslose über die Ich-AG Kontakte knüpfen und so einen neuen Job bekommen, ist das genau betrachtet auch ein Erfolg."

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Untersuchung des Instituts für Mittelstandsforschung. Die Wissenschaftler schrieben 10.000 Ich-AG-Gründer in Nordrhein-Westfalen an, 1200 antworteten. Rund 16 Prozent von ihnen hatten den Zuschuss für das zweite Jahr nicht mehr beantragt. Davon war jedoch weit weniger als die Hälfte wieder arbeitslos geworden: Mehr als jeder Zehnte Ausgeschiedene fiel aus der Förderung raus, weil er zu viel verdiente - der Zuschuss wird nur bis zu einem Einkommen von 25.000 Euro pro Jahr bewilligt. Einige hatten auch eine Anstellung gefunden.

"Viele denken: Versuch ich's halt mal"

Trotzdem ist nicht von der Hand zu weisen: So mancher Arbeitslose stürzt sich kopflos in das Unternehmen Selbständigkeit. Denn jeder, der Anrecht auf Arbeitslosengeld hat, kann den Existenzgründungszuschuss beantragen. Der Aufwand ist minimal. Seit letztem Jahr muss der Gründer zwar einen Geschäftsplan aufstellen und von einer fachkundigen Stelle wie etwa der Handwerkskammer absegnen lassen. "Aber das ist eine relativ niedrige Hürde. Für so einen Plan können Sie sich einfach eine Vorlage aus dem Internet runterladen", sagt Arbeitsmarktexperte Wießner.

Reihenweise wurden seit dem Start der Ich-AG Wohnmobile umgebaut, um als fahrende Hundefriseursalons durchs Land zu fahren, verzweifelte Arbeitslose entdeckten ihr detektivisches Gespür, werdende Wahrsager kauften sich mit dem Zuschuss ihre Ausrüstung. Über Kundenakquise, Kapitalausstattung und Marktsituation machte sich dabei so mancher Gründer jedoch keine Gedanken, wie Wießners Studie zeigt. Dabei bekommt ein Ich-AGler von der Arbeitsagentur im ersten Jahr lediglich 600 Euro pro Monat, im zweiten sogar nur 360 Euro und im dritten Jahr schmilzt der Zuschuss auf 240 Euro monatlich. Das reicht gerade mal für Renten- und Krankenversicherung.

Auch Holger Schäfer, Arbeitsmarktexperte beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft, bemängelt: "Viele Arbeitslose denken: 'Versuch ich's halt mal. Aber mit der Einstellung kann ein Unternehmer nicht erfolgreich sein." Ein Existenzgründer brauche einen eisernen Willen und ein klares Ziel.

"Nicht das schlechteste Instrument"

"Trotzdem sind Zuschüsse für Unternehmensgründer nicht das schlechteste Instrument", findet Schäfer. Beispiel ist das Überbrückungsgeld: Sechs Monate lang wird Existenzgründern 170 Prozent des ihnen zustehenden Arbeitslosengeldes gezahlt, die Konditionen sind die gleichen wie bei der Ich-AG. Ein halbes Jahr nach dem Ende der Förderung seien Studien zufolge nur zehn Prozent der Empfänger wieder arbeitslos. Verglichen mit geförderter abhängiger Beschäftigung in Form sogenannter Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) ist das ein Riesenerfolg: Sechs Monate nach dem Auslaufen dieses Zuschusses habe nur jeder Zehnte ABM-ler noch Arbeit.

Ein abschließendes Urteil über die Ich-AG kann wohl erst gesprochen werden, wenn die erste Gründergeneration nach drei Jahren ohne staatliche Unterstützung auskommen muss. Im Laufe dieses Jahres will das Bundesministerium für Arbeit wenigstens eine breit angelegte Studie über Wohl und Weh der rund 332.000 bisher gegründeten Ich-AGs veröffentlichen. Man sollte die Ich-AG nicht frühzeitig für gescheitert erklären, findet Schäfer.

Auch Frank Wießner glaubt: Die Ich-AG hätte durchaus Potential - wenn sie ein wenig strikter kontrolliert würde. Oft reichten schon einfache Informationsnachmittage, in denen über die Risiken, die rechtlichen Rahmenbedingungen oder über Renten-, Kranken- und Unfallversicherungen gesprochen wird. Arbeitsagenturen hätten mit solchen Veranstaltungen gute Erfahrung gemacht: Viele Arbeitslose merken schon dort, wie wenig sie auf die Selbständigkeit vorbereitet sind. "Da steht manchmal die Hälfte auf und geht mit den Worten, dass sie wohl noch nicht so weit seien."