In der Grauzone - DER SPIEGEL
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AKTIEN In der Grauzone

Was ist kursrelevant? Wann wird die Intimsphäre verletzt? Die Krankheit des Dortmunder Profis Heiko Herrlich irritiert die Börse.
Von Wolfgang Reuter und Alfred Weinzierl
• aus DER SPIEGEL 47/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seit 18 Jahren dient Michael Meier dem Fußball. Erst als Manager des 1. FC Köln, dann bei Bayer Leverkusen, seit 1989 bei Borussia Dortmund. Doch wenn der Diplomkaufmann dieser Tage über die Inhalte seines Wirkens sinniert, fühlt er sich in einem neuen Beruf angekommen. »Das hier ist kein Fußballclub mehr.«

Meier, 51, eine der treibenden Kräfte beim Börsengang des Champions-League-Gewinners von 1997, hat eine Road-Show bei Fondsgesellschaften hinter sich gebracht; er hat im Namen von Borussia die Gründung eines Internet-Dienstleisters, eines Reisebüros und einer Sporttextilmarke abgewickelt; und den nächsten Arbeitsvertrag wird er nicht mit einem schussstarken Torjäger aushandeln, sondern mit einem smarten Börsenprofi, der sich in der Kunst versteht, eine Aktie schönzureden - ein Mann für »Investors Relations«.

Wie fremd die Welt des schnellen Geldes sein kann, erlebte Meier vorige Woche. Da stand er vor der Frage, wie er mit dem niederschmetternden Befund umzugehen habe, dass der Fußballprofi Heiko Herrlich an einem Gehirntumor leide. Noch vor 14 Tagen hätte der Club die lokalen Sportreporter informiert, etwa nach dem Training. Aber seit 14 Tagen ist Borussia an der Börse. Und da gelten besondere Spielregeln.

Paragraf 15 des Wertpapier-Handelsgesetzes (WpHG) schreibt vor, dass Geschäftsentwicklungen, die den Aktienkurs erheblich beeinflussen können, unverzüglich veröffentlicht werden müssen. Eine lange Zwangspause des treffsichersten Borussia-Stürmers (sieben Tore in zehn Bundesliga-Spielen) mindert die Erfolgschancen der Mannschaft. Und ein vorzeitiges Karriereende des Profis würde gar der Vermögensbilanz der AG schaden - Herrlichs Marktwert liegt schließlich um die zehn Millionen Mark.

Also gab Borussia Dortmund vergangenen Dienstag eine Ad-hoc-Mitteilung heraus, in der erklärt wurde, dass »bei dem Lizenzspieler Heiko Herrlich Sehstörungen« aufgetreten seien, »die auf einen Gehirntumor zurückzuführen sind«.

Die Empörung folgte prompt und vielstimmig. Die Spielergewerkschaft rügte den Verein, seine »Fürsorgepflicht« verletzt zu haben, die »Süddeutsche Zeitung« bescheinigte »Taktlosigkeit«, und sogar der Essener Weihbischof Franz Grave schaltete sich in die Debatte ein: die »Intimsphäre« des Fußballers sei »massiv verletzt« worden.

Heiko Herrlich, 28, sieht das anders. Als Profi hat er seinen Körper als Kapital akzeptiert. Er arbeitet in einer Branche, in der Gesundheit Norm und Voraussetzung ist; in der ein Anstellungsvertrag vom Attest eines Sportmediziners abhängig ist; in der ein vorgeschädigtes Knie bedeuten kann, dass der Arbeitgeber - statt ein hohes Grundgehalt zu zahlen - pro Spieleinsatz entlohnt.

Als Herrlich vergangenen Montag die Diagnose auf einen Tumor erfuhr, bat er den Verein, die Sache rückhaltlos publik zu machen. Er fürchtete, als Simulant verhöhnt zu werden. Und er fürchtete, wenn die volle Wahrheit zurückgehalten werde, tagelange Nachstellungen der Medien.

Auch von Georg Wittich, Chef des Bundesamts für den Wertpapierhandel, bekamen die Dortmunder Börsenneulinge Flankenschutz. »Dass ein Topspieler aus gesundheitlichen Gründen über Monate ausfällt, ist geeignet, den Kurs zu beeinflussen und muss folglich ad hoc veröffentlicht werden«, sagte Wittich, »Details der Diagnose müssen aber nicht in der Mitteilung stehen.«

Was publizitätspflichtig ist und was nicht, darüber gibt es in Deutschland bei zuletzt rund 500 Ad-hoc-Meldungen pro Monat eine kontroverse Diskussion. Vor allem kleine Firmen nutzen die in Bruchteilen von Sekunden elektronisch über alle Finanzticker gejagten Nachrichten für PR-Zwecke.

So teilte die Buch.de Internetstores AG mit, ihren offenbar vielseitig interessierten Kunden neben Büchern künftig auch Blumensträuße anzubieten. Der Folienhersteller Neschen AG aus Bückeburg hielt es für meldenswert, dass er künftig SAP-Software verwende. Und der Oldenburger Fotoentwickler CeWe Color verkündete den ersten Spatenstich für ein neues Labor in Prag.

Was, im Vergleich dazu, ist vom Kreuzbandriss eines Torwarts zu halten oder vom Verkauf eines hoch bezahlten Ersatzspielers? »Eine Grauzone« hat Borussia-Manager Meier ausgemacht, ein unbekanntes Terrain, für das es keinen Wegeplan gibt.

Und Fehler können sich die Dortmunder nicht leisten. Ihr Kurs sackte in den ersten Wochen von 11 Euro auf 9,55 ab, wurde gar von der Deutschen Bank gepäppelt, die als Konsortialführerin 10,26 Prozent der Aktien übernahm. Bis nächste Woche will die Borussia-Führung deshalb mit dem Bundesaufsichtsamt in einem Gespräch einige Koordinaten abgesteckt haben.

Hilfe aus dem Mutterland des Fußballs, in dem über 20 Proficlubs an der Börse notiert sind, ist nicht zu erwarten. Die Ad-hoc-Mitteilungen der englischen Fußball-Konzerne beschränken sich auf Finanzinformationen - etwa im Juli den Rücktritt von Manchester-United-Boss Martin Edwards.

Kursrelevante Enthüllungen werden den Sportreportern überlassen. Als ManU-Star David Beckham im Februar ein Training schwänzte, weil sein Baby kränkelte, stieg der Kurs um elf Prozent. Die Börsianer spekulierten auf ein Zerwürfnis zwischen dem Trainer und Beckham - und auf den lukrativen Verkauf des Rechtsaußen.

Beckham wurde jedoch nur für ein Spiel suspendiert, und die Notierung fiel wieder auf ihr Ausgangsniveau.

WOLFGANG REUTER, ALFRED WEINZIERL

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