KirchGruppe: Rückzug des Raubritters? - DER SPIEGEL
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KirchGruppe Rückzug des Raubritters?

John Malone, Amerikas gewieftester Medien-Tycoon, sorgt bei seinem Vorstoß nach Deutschland für Verwirrung. Erst wollte er sich bei Leo Kirchs defizitärem Pay-Sender Premiere einkaufen, den Deutschen womöglich gar vom Markt drängen. Nun macht er einen Rückzieher - ein taktisches Manöver?
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Bonn/München - Malones Spitznamen verraten viel über seine Geschäftspraktiken. Der frühere US-Vizepräsident Al Gore verglich Malone mit Darth Vader, andere nennen den Mann aus Colorado schlicht den "Kabel-Cowboy".

Dass der exzentrische Milliardär Geheimnisse und Überraschungen liebt, zeigte sich auch, seitdem er im Sommer seine Offensive auf dem Medienmarkt Deutschland begann: Erst verschreckte er TV-Sender mit der Ankündigung, den Großteil des deutschen Kabelnetzes kaufen zu wollen. Dann kündigte er an, von seinem Freund Rupert Murdoch 22 Prozent der Anteile an Kirchs Pay-TV-Kanal Premiere kaufen zu wollen. Schon brach eine Flut der Spekulationen los. Beobachter glaubten gar, Malone und Murdoch wollten Kirch gemeinsam in die Pleite treiben und ein Monopol im deutschen Bezahlfernsehen aufbauen. Kirchs Vize Dieter Hahn warf Malone vor, er wolle Kirch vom Markt drängen.

Und nun doch nicht? Völlig überraschend gab der deutsche Ableger von Malones Konzern Liberty Media bekannt, man wolle nicht mehr bei Kirchs defizitärem Bezahlfernsehen einsteigen. Einen Antrag beim Bundeskartellamt habe man zurückgezogen. Eine Begründung für den Schritt gab es nicht. Das aber hätte auch schlecht zu Malones Stil gepasst.

Sprecher der KirchGruppe wollten Malones Schritt nicht kommentieren. Malone hatte das Interesse an einem Premiere-Anteil Ende vergangenen Jahres in einem persönlichen Gespräch mit Kirch geäußert. Es habe aber keine weiteren konkreten Gespräche und Verhandlungen zu diesem Thema gegeben, sagte ein Kirch-Sprecher

Erneut spielen Medien-Beobachter nun ein Ratespiel: Was hat Malone vor? Die einen spekulieren, dass Malone seine Lust auf ein deutsches Engagement verloren hat. Er werde auch seinen Antrag auf einen Einstieg ins deutsche Kabelgeschäft bald zurückziehen, sagen sie. Die Auflagen und Bedenken der deutschen Kartellwächter hätten Malone verschreckt.

Ein Indiz für diese These: Malone zeigte bisher wenig Neigung, in das Kabelnetz zu investieren und es für interaktives Fernsehen, Internet und Telefon nutzbar zu machen. Solche Investitionen könnten aber nach Ansicht des Kartellamtes der Telekom beim Telefon- und Internetsektor zusätzlich Konkurrenz machen - und so möglicherweise einen Ausgleich für Malones ansonsten marktbeherrschende Stellung in den regionalen Kabelmärkten darstellen.

Andere Beobachter behaupten, dass ein Vorstoß ins deutsche Kabelnetz weiter hoch oben auf Malones Agenda steht. Bei Premiere habe der Amerikaner nur zum Rückzug geblasen, um dem Kartellamt entgegenzukommen. Das hatte wiederholt sein Missfallen geäußert, nachdem Liberty den Einstieg bei Premiere angekündigt hatte. Man werde den Kabel-Kauf wohl verbieten, wenn Malone zugleich Teilhaber bei Kirch und somit auch Programm-Anbieter sei.

Malones Ambitionen sind umfangreich und kostspielig. Er beabsichtigte bisher, der Telekom die Kabelnetze in Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Bremen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Bayern abzukaufen - für 5,5 Milliarden Euro. Die Kartellwächter wollen bis Ende Februar entscheiden, ob sie den Deal untersagen oder durchwinken.

Falls Malone doch nicht in Kabelgeschäft einsteig, könnten die bayerische Staatsregierung, die Bayerische Landesbank und einige Verleger ein neues Kabelkonsortium zumindest für den Freistaat vorbereiten. Das zumindest berichtet die "Telebörse" unter Berufung auf Kabelexperten.

Noch weiter gehen diesem Bericht zufolge die Vorbereitungen bei der Deutschen Bank. Sie wolle ihre Tochter Telecolumbus mit Primacom verschmelzen, einem der größten privaten Betreiber von Fernseh- und Breitbandkabelnetzen in Deutschland. Auch die EWT/TSS solle mit in den Bund eingehen, demnächst könne die Bosch Telecom folgen. Dieser neue Kabelriese wolle der Telekom ein Alternativ-Angebot machen, wenn sich Malone zurückziehe.

Aus dem Kartellamt hieß es, Liberty Media habe seine Antrag auf Einstieg im Kabelnetz nicht zurückgezogen. Auch ein Sprecher von Malones deutscher PR-Agentur sagte, der Kabeldeal bleibe vom Rückzug bei Premiere unberührt. Obwohl Liberty sich nicht mehr bei Premiere einkaufen will, sei man aber weiter an einer "langfristigen Zusammenarbeit" mit Kirch interessiert, sagte ein Liberty-Sprecher. Nach der Übernahme des TV-Kabelnetzes wolle man den Vertrieb des Premiere-Programms übernehmen, den die Kirch-Tochter bisher selbst organisiert. Liberty hätte im Gegenzug ein attraktives Programm im Angebot, hieß es, und habe Kirch bereits ein Angebot gemacht.

Das wiederum klingt ganz nach Malone-typischer Geheimniskrämerei. Der amerikanische Tycoon hat offenbar ein Interesse daran, wenn andere seine Absichten nicht kennen.