Konjunktur Wirtschaftsforscher sehen schwarz
Berlin - Der Wirtschaftsabschwung habe schon vor einem Jahr begonnen und sich durch die direkten und indirekten Auswirkungen der Terroranschläge in den USA beschleunigt, urteilen die sechs führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten, das am Dienstag in Berlin vorgestellt wird.
In diesem Jahr werde das Bruttoinlandprodukt (BIP) lediglich um 0,7 Prozent wachsen, heißt es weiter. Allerdings sei eine Trendwende in Sicht: "Die Schwächephase wird bis Jahresende anhalten." 2002 werde das BIP dann um 1,3 Prozent steigen.
Prognosen nach deutlich unten revidiert
Die Einzelprognosen der Institute hatten bislang zum Teil deutlich höher gelegen. Am pessimistischsten war noch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das ein Wachstum von rund einem Prozent für das laufende Jahr vorhergesagt hatte. Für das kommende Jahr rechneten alle Institute bislang mit Wachstumsraten von über zwei Prozent.
In Gesamt-Europa sieht es den Berechnungen der Institute zufolge wenig besser aus. Im Euro-Raum werde die Wirtschaft in diesem Jahr lediglich um 1,5 Prozent wachsen, heißt es in dem Bericht. Im kommenden Jahr wachse das BIP voraussichtlich um 1,8 Prozent. Die europäische Arbeitslosenquote wird nach Einschätzung der Gutachter 2001 und 2002 bei 8,4 Prozent liegen.
Schröder verfehlt sein Arbeitslosen-Ziel
In Deutschland werde die absolute Zahl der Arbeitslosen im Winter des laufenden Jahres saisonbereinigt auf 3,9 Millionen steigen. Unbereinigt gebe es dann rund 4,25 Millionen Arbeitslose.
Im Verlauf des kommenden Jahres werde die Arbeitslosigkeit aber wieder sinken und bei durchschnittlich 3,86 Millionen (Quote: 9,1 Prozent) liegen. Dennoch könnte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) dann sein Versprechen nicht halten, die Arbeitslosigkeit bis zu den Wahlen im September unter die Marke von 3,5 Millionen zu drücken.
EZB senkt Zinsen, Inflationsrate fällt
Die Institute gehen in ihrem Gutachten davon aus, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen erneut senkt. "Die EZB, die bereits vor den Terroranschlägen die Leitzinsen um insgesamt einen halben Prozentpunkt zurückgenommen hatte und danach um einen weiteren Prozentpunkt, dürfte die Zinsen in diesem Jahr nochmals um einen viertel Prozentpunkt auf 3,5 Prozent reduzieren."
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Diese Zinssenkungen dürften ihre Wirkung im Laufe des nächsten Jahres voll entfalteten. Eine moderate Lohnpolitik werde die Erfolgschancen der Stabilitätspolitik der EZB unterstützen. "Ankündigungen einer 'harten Lohnrunde' sollten daher nicht realisiert werden", mahnen die Forscher.
Der Anstieg der Verbraucherpreise wird nach Einschätzung der Institute im kommenden Jahr deutlich nachlassen. Es werde eine Preissteigerung von 1,5 Prozent erwartet. In diesem Jahr betrage die Preissteigerung der Lebenshaltung aller privaten Haushalte noch 2,5 Prozent.
Sparkommissar sollte weniger sparen
Die staatliche Defizitquote in Deutschland wird nach Überzeugung der Institute sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr deutlich höher sein als bislang angestrebt. Sie werde 2001 bei rund 2,5 Prozent und 2002 bei etwa 2,0 Prozent liegen. Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) hatte in diesem Jahr 1,5 und im kommenden Jahr 1,0 Prozent angepeilt. Die Wirtschaftsforscher empfehlen der Bundesregierung, die Quote im kommenden Jahr konjunkturbedingt auf das diesjährige Niveau steigen zu lassen und damit mehr Schulden zu machen als geplant.
Insgesamt solle Eichel seinen eingeschlagenen Konsolidierungskurs jedoch nicht verlassen. "Folgt man dieser Strategie, dann wäre es möglich, die für das Jahr 2003 beschlossene Stufe der Steuerreform in Höhe von 13,5 Milliarden Mark auf das kommende Jahr vorzuziehen."
Hoffnung mit Vorbehalt
Auch die Weltwirtschaft dürfte sich in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres erholen, prognostizieren die Forscher. "In den USA wird die derzeitige rezessive Phase Anfang nächsten Jahres überwunden und die Konjunktur wird sich im weiteren Jahresverlauf deutlich erholen." In Japan werde mit einem Anstieg der Produktion erst wieder in der zweiten Hälfte 2002 gerechnet.
Voraussetzung für eine globale Erholung sei allerdings, dass sich der Afghanistan-Konflikt nicht ausweite, dass es zu keinen weiteren massiven Terroranschlägen komme und die Ölversorgung nicht beeinträchtigt werde.