Lebensmittelindustrie: Versprechen Light - DER SPIEGEL
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Lebensmittelindustrie Versprechen Light

Schnell, bequem und gesund: So muss das Essen der Zukunft sein, hat die Lebensmittelindustrie herausgefunden. Auf der Grünen Woche präsentiert sie sich deshalb als Anbieter von gesunden und zeitgemäßen Produkten - obwohl gerade Light-Produkte das oft nicht sind.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Zu wenig Zeit zum Kochen, zu wenig Zeit zum Essen und zu viel Stress, um sich so zu ernähren, wie man es eigentlich wollte - gesunde Ernährung ist im modernen Arbeitsleben nicht einfacher geworden: 85 Prozent der Bevölkerung ernähren sich heute anders als sie möchten, so das Ergebnis einer Studie, die der Lebensmittelkonzern Nestlé im Rahmen der Grünen Woche in Berlin vorgestellt hat.

Danach kennt jeder dritte Berufstätige keine festen Essenzeiten mehr, jeder zweite gibt an, sich nur an den Wochenenden vernünftig ernähren zu können. Die Gründe dafür sind laut Studie der wachsende Anteil berufstätiger Frauen, die Zunahme von Single- und Zwei-Personen-Haushalten, aber auch zunehmende Mobilität und wachsender Stress im Arbeitsleben. "Realität ist oft eine zu einseitige Ernährung, zu viel und unkontrolliertes Essen sowie Heißhungerattacken und Frustessen", heißt es weiter.

Und das macht sich bemerkbar: Laut Statistischem Bundesamt sind inzwischen 75 Prozent der Männer und knapp 60 Prozent der Frauen in Deutschland übergewichtig - und genau dem will sich die Lebensmittelindustrie jetzt annehmen: "Insgesamt zeigen die Ergebnisse der Nestlé-Studie, dass es höchste Zeit ist, dass sich Lebensmittelwirtschaft, Politik und Verbraucherorganisationen konstruktiv und lösungsorientiert den sich ergebenden Aufgaben stellen", sagte der deutsche Nestlé-Chef Gerhard Berssenbrügge bei der Vorstellung der Studie.

Sport - powered by Nutella

Wie sich Nestlé und Co das vorstellen, ist derzeit auf der Grünen Woche in Halle 1.2 der Berliner Messe zu bestaunen: Unter dem Motto "Power fürs Leben - Essen und Bewegung" präsentieren Unternehmen wie Ferrero, Coca-Cola und Unilever ihre Angebote für "eine gesunde, ausgewogene Ernährung mit Genuss": Neben Kletterwänden und Kochkursen finden sich da die Süßigkeitenkonzerne Mars mit Ratgebern wie "Clever Naschen Action Kids" oder Ferrero, der auf einer "mobilen Sport- und Laufspielanlage" Kinder in Bewegung bringen will - ausgerechnet "powered by Nutella". Das Angebot zeige, so erklärt der Branchenverband BVE rundheraus, dass sich die Ernährungsindustrie "ihrer Verantwortung für ein vielfältiges, sicheres und hochwertiges Lebensmittelangebot" bewusst sei.

Genau das aber bezweifeln Verbraucherschützer, die der Industrie ihren Kampf gegen Übergewicht nicht ganz abnehmen: "Statt wirklich ausgewogenere Produkte anzubieten, versuchen die großen Konzerne, mit so genannten Light- und Wellness-Produkten Kasse zu machen", sagt Martin Rücker von der Verbraucherorganisation Foodwatch. Besonders in der Kritik stehen dabei die vielen Produkte mit der Kennzeichnung "Light" oder "Wellness": "Das führt beim Verbraucher zu einer falschen Sorglosigkeit beim Einkaufen, denn die Produkte versprechen unbeschwertes und gesundes Genießen – ein Versprechen, das sie oft nicht einlösen."

Denn tatsächlich steht das äußere Erscheinungsbild und die Bewerbung bestimmter Lebensmittel oft im Kontrast zu den tatsächlichen Inhaltsstoffen, wie eine Untersuchung von foodwatch  zeigt: Von 13 Produkten, die "durch Aufmachung und Werbung den Eindruck erwecken, besonders kalorienreduziert und fettarm zu sein", schnitten vier Fünftel nicht besonders gut ab. So bewirbt zum Beispiel der Lebensmittelriese Kellogg's seine "Special K"-Cornflakes mit dem Aufdruck "1,5 Prozent Fett". Damit ist aber der Fettgehalt immer noch doppelt so hoch wie der der klassischen Cornflakes von Kellog's, außerdem enthalten allein 100 Gramm der Frühstücksflocken 17 Gramm Zucker - und das, obwohl die Packung sie als "diät-freie Alternative für jeden Tag" bewerben.

Auch fettreduzierte Joghurts von Weihenstephan und Danone sowie fettarmes Eis von Langnese setzen laut foodwatch "einen falschen Impuls für ernährungsbewusst einkaufende Verbraucher". Denn sie enthalten zwar deutlich weniger Fett - aber dafür deutlich zu viel Zucker. Das ergibt sich auf jeden Fall, wenn man die Produkte nach dem Prinzip der Ampel-Kennzeichnung untersucht - einem System, bei dem die Nährwerte dem Verbraucher anhand der Ampel-Farben Rot (hoch), Gelb (mittel) und Grün (niedrig) signalisieren, was er isst.

"Die Lebensmittelindustrie nutzt den Fitness- und Wellness-Trend, um auch mit Produkten Geld zu verdienen, die für eine ausgewogene Ernährung keinen echten Vorteil gegenüber herkömmlichen Produkten bieten", kritisiert Rücker von Foodwatch - und fordert deshalb einmal mehr ein verpflichtendes System der Nährwertkennzeichnung . "Die Analyse der 13 Light-Produkte zeigt beispielhaft, dass das Ampelsystem bei allen Lebensmitteln dazu beitragen würde, ohne Tricks und auf einen Blick die wichtigsten Nährwerte abzubilden."

Industrie will "unsägliche Diskussion" beenden

Einen Vorwurf, den man sich bei den betroffenen Unternehmen nicht gefallen lässt: "Die Einteilung in gute oder schlechte Lebensmittel macht aus ernährungswissenschaftlicher Sicht keinen Sinn", sagt Markus Dreißigacker von Kellogg. "Es kommt vielmehr auf eine insgesamt ausgewogene Ernährung und Lebensweise an." So zeige zum Beispiel die Nationale Verzehrsstudie der Bundesregierung, dass die durchschnittlich verzehrte Menge an Fett und gesättigten Fettsäuren problematisch sei, während die Menge der durchschnittlich aufgenommenen Kohlenhydrate eher zu gering ist. Bezogen auf die von Foodwatch kritisierten Frühstücksflocken heißt das: "Der Fettgehalt und nicht der Zuckergehalt ist die relevante Größe."

Auch bei Danone versteht man die Kritik nicht: "Activia bietet dem Verbraucher eine große Vielfalt an unterschiedlichen Produktvarianten, um den verschiedenen Bedürfnissen gerecht zu werden", heißt es auf Anfrage SPIEGEL ONLINE. Darunter seien auch fett- und zuckerreduzierte Sorten. Der von Foodwatch untersuchte "Activia 0,1% Fett" sei für Verbraucher eindeutig als fettreduziert ausgewiesen, wer auf den Zuckergehalt achte, könne andere Varianten wählen.

Alles also eine Frage der Betrachtungsweise - und genau um die wird seit langem erbittert gestritten. Während Verbraucherschützer auf eine Ampel-Kennzeichnung drängen, lehnt die Lebensmittelindustrie das System rigoros ab. Angeblich, weil es bestimmte Lebensmittel diskriminiere und die "Verbraucher in die Irre führe".

Die deutsche Politik solle die "unsägliche Diskussion" darüber endlich beenden, fordert der Branchenverband BVE auf der Grünen Wochen in forschen Worten - wohl auch, weil sich hier eine immer größere Zustimmung für eben jenes System abzeichnet. So hatte sich zuletzt der Bundesrat im September fast geschlossen für ein Ampel-ähnliches System ausgesprochen.

Umso verbitterter kämpft die Lebensmittelindustrie für ihr eigene Kennzeichnung, das sogenannte GDA-System (Guideline daily amount), das den Nährwert bezogen auf Portionsgrößen angibt. Um die Nährwertangaben auf den Packungen allerdings so niedrig wie möglich zu halten, wird dem Verbraucher empfohlen, bei Erdnüssen und Chips nur eine winzige Handvoll von 25 Gramm zu essen, von der Tiefkühlpizza soll die Hälfte liegen gelassen und auch von der Halbliterflasche Cola darf nur die Hälfte getrunken werden. "Das sind willkürlich gewählte Portionen, die darüber hinaus jede Vergleichbarkeit schwer machen", kritisiert deshalb zum Beispiel der Bundesverband der Verbraucherzentralen seit längerem.

"Mit diesen Angaben erhält der Verbraucher eine objektive Information, die ihm hilft, sich beispielsweise kalorienbewusst zu ernähren", wird der BVE trotzdem nicht müde zu behaupten. Und setzt vollmundig auf die "Eigenverantwortung" der Konsumenten.

Das wäre schön - funktioniert aber nur, wenn auf der Packung auf draufsteht, was wirklich in der Packung drin ist.