Lieferboykott: Der verzweifelte Kampf der Milchbauern - DER SPIEGEL
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Lieferboykott Der verzweifelte Kampf der Milchbauern

Die Stimmung heizt sich auf, doch Boykott und Blockaden nutzen auf Dauer nichts: Die deutschen Milchbauern kämpfen vergeblich, denn längst bestimmt die EU den Markt. Die hat schon lange beschlossen, dass sich die Landwirte an die Marktwirtschaft gewöhnen müssen.
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Hamburg - Eigentlich sehen sie ganz friedlich aus, wie sie da so stehen: Mit ihren Traktoren, mit den handgemalten Schildern, mit der kleinen schwarz-rot-goldenen Kuh, mit der sie für den "fairen Milchpreis" demonstrieren. Doch der Schein trügt - denn friedlich ist an der Milchfront schon lange nichts mehr, seit Tagen heizt sich die Stimmung auf: Deutschlands Milchbauern boykottieren seit rund einer Woche die Molkereien, blockieren Zufahrtsstraßen und liefern sich auch immer mal wieder kleine Scharmützel mit der Polizei.

Polizei trägt Blockierer weg: Die Stimmung unter den Landwirten wird zunehmend gereizt, die Protestformen werden ausgefallener

Polizei trägt Blockierer weg: Die Stimmung unter den Landwirten wird zunehmend gereizt, die Protestformen werden ausgefallener

Foto: DDP

Vom "drohenden Krieg der Dörfer" spricht der Verband der privaten Milchwirtschaft, einzelne Bauern erzählen von dem Druck, der an der Streikfront herrscht: "Wer nicht mitmacht, ist ein Verräter", sei noch das Harmloseste, was sich Streik-Unwillige anhören müssen. "Der Ton ist ziemlich rau geworden", sagt ein Milchbauer aus Baden-Württemberg.

Mehr Angebot als Nachfrage senkt den Preis

Der Grund dafür lässt sich mit einer einfachen Zahl beschreiben: 35 Cent - das bekommen Deutschlands Milchproduzenten derzeit im Süden Deutschlands für einen Liter Milch, im Norden sind es sogar nur 27 Cent. Davon - so die Argumentation der wütenden Bauern - kann man nicht kostendeckend produzieren, leben schon gar nicht. Sie fordern deshalb 43 Cent - und wollen so lange streiken, bis sich Molkereien und Handel auf diesen Preis einlassen.

Der Frust der Bauern ist verständlich: Nach einem extrem milchknappen Herbst mit hohen Preisen sind diese jetzt ins Bodenlose gefallen. Grund dafür sind zum einen Großmolkereien wie Müller und Ehrmann und Discounter, die bei den Vertragsverhandlungen im Frühjahr die Preise gedrückt haben. Zum anderen wurde in den vergangenen Monaten aber auch schlicht mehr Milch produziert - und wo mehr Angebot als Nachfrage ist, da sinkt der Preis.

Gerade das aber ignorieren die Bauern bislang - obwohl es höchste Zeit ist, sich daran zu gewöhnen. Denn die EU hat sich dem Sektor der Landwirtschaft zugewandt, der bisher allen Deregulierungsbemühungen getrotzt hat: "Bislang spielt der Markt bei der Milchpreisbildung keine Rolle, weil dem Bauern durch feste Quoten über Jahrzehnte die Produktionsmenge und der Preis vorgegeben wurde", sagt Agrarökonom Harald von Witzke. Doch das werde sich spätestens 2013 ändern - denn bis dahin will Agrarkommissarin Marianne Fischer Boel die Quote vollständig gestrichen haben. Schon jetzt wurde sie um 2,5 Prozent angehoben - gegen den Willen der deutschen Regierung.

Bislang hat jeder einzelne Milcherzeuger eine ihm anhand bestimmter Kriterien zugewiesene Quote, die ähnlich wie Emissionsrechte in der Umweltpolitik an einer Börse gehandelt werden. Erzeuger, die ihre Menge überschreiten, müssen eine sogenannte Superabgabe zahlen - allerdings nur, wenn die Gesamtmenge des jeweiligen Landes überschritten wird. "Damit und mit der schrittweisen Erhöhung der Milchquote werden die Bauern langsam an den normalen Marktmechanismus herangeführt", sagt Witzke.

"Nicht alle Bauern werden überleben"

Genau das ist es aber, was den Milchbauern in Deutschland aufstößt. Denn die Reform des Milchmarktes wird dazu führen, dass nicht alle Bauern überleben: Schon heute produzieren vor allem die Bauern in Süddeutschland nicht besonders effektiv: Sie haben im Schnitt kleinere Höfe mit weniger Tieren, oft in Hanglagen und mit längeren Transportwegen zur nächsten Molkerei.

"Die Strukturreform der EU werden wohl nicht alle Bauern überleben", prophezeit deshalb Matthias Schannwell, Milchexperte beim Landesbauernverband Brandenburg (LBV). Gerade im Süden Deutschlands werde die Zahl der Milchkühe pro Hof zu-, die Zahl der Höfe aber abnehmen.

Kein Wunder also, dass sich die Milchbauern verzweifelt wehren - auch wenn der Kampf eigentlich schon verloren ist: So warnt etwa Thorsten Sehm, Geschäftsführer des Bundes Deutscher Milchviehhalter (BDM), davor, den Milchmarkt dem freien Wettbewerb zu überlassen: "Das wird dazu führen, dass immer mehr Milch produziert wird - und der Handel den Preis noch weiter drücken kann." Außerdem seien die Molkereien noch längst nicht ausgelastet und würden am liebsten noch viel mehr Milch verarbeiten. "Ohne Milchquote würden die Molkereien noch mehr Macht haben: Sie könnten den Bauern diktieren, wie viele Kühe sie halten müssen - und wie viel Geld sie für die Milch bekommen. Sie könnten quasi interne Quoten schaffen und den Markt beherrschen."

Das aber halten Experten für wenig wahrscheinlich: "Der Protest der Bauern ist menschlich verständlich, ändert aber nichts an der Notwendigkeit, sich dem Markt zu öffnen", sagt Agrarökonom Witzke. Vermutlich müssten sich die Bauern nur auf ein Phänomen einstellen, das unter Schweinzüchtern als der sogenannte "Schweinezyklus" verrufen ist: Hohe Preise für Schweine führen zu einer vermehrten Zucht, die sich durch die Aufzuchtzeit erst mit Verspätung auf den Markt auswirkt - und schließlich zu einem Überangebot führt. Das wiederum drückt den Preis, die Zucht wird wieder zurückgefahren - und führt dann schließlich wieder zu einer hohen Nachfrage mit hohen Preisen. "Genau dieses Phänomen hatten wir in Anfängen durch die hohen Preise im Herbst - und darauf werden sich die Bauern langfristig einstellen müssen", sagt Witzke.

Deshalb kämpfen die Bauern für eine Gnadenfrist - und fordern begleitende Maßnahmen: "Sollten die Pläne der EU so durchgesetzt werden, lohnt sich die Milchwirtschaft in manchen Gegenden einfach nicht mehr - und das könnte zur Verödung ganzer Landstriche führen", sagt LBV-Mann Schannwell. Deshalb plädiert der Verband für Finanzhilfen.

Ob er damit Erfolg haben wird, bleibt abzuwarten, denn in den aktuellen Entwürfen von EU-Kommissarin Fischer Boel findet sich dazu derzeit kaum etwas. Einziger Vorschlag: Ein Bruchteil der Direktzahlungen könnten umverteilt werden. Das aber wird den Bauern kaum reichen.

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