Mannesmann-Prozess "Ackermann von zwei Seiten angeschlagen"
Gerke: Wenn es nur dieses Urteil wäre, würde ich sagen, es geht weiter wie bisher. Nun ist eine sehr unglückliche Politik im Bereich Retailbanking hinzugekommen - ein Affront gegenüber 300.000 Sparern im Bereich Offene Immobilienfonds. Insofern ist Herr Ackermann von zwei Seiten angeschlagen. Positiv bringt er die besseren Zahlen besonders aus dem Investmentbanking mit. Ich gehe davon aus, dass Herr Ackermann im Februar die guten Zahlen der Öffentlichkeit präsentieren wird.
mm.de: Die Bundesrichter sehen den Tatbestand der Untreue verwirklicht. Wird Herr Ackermann jetzt aus Frust zurücktreten?
Gerke: Aus Frust? Das kann ich mir nicht vorstellen. Wenn er zurücktreten würde, dann aus rationalen Erwägungen. Den Entschluss allerdings könnte er als persönlichen Frust darstellen.
mm.de: Warum sinniert Deutsche-Bank-Chefkontrolleur Rolf-E. Breuer in der "Financial Times" bereits über potentielle Ackermann-Nachfolger?
Gerke: Das hat mich etwas überrascht. Ich glaube, dass Herr Breuer demonstrieren will, dass ein Aufsichtsratsvorsitzender alle Möglichkeiten im Hinterkopf haben muss. Er will der Öffentlichkeit signalisieren, die Deutsche Bank stehe nicht führungslos da, falls Herr Ackermann zurücktritt oder zu einem solchen Schritt gezwungen wird.
mm.de: Nun wird der Prozess von Anfang an wieder neu aufgerollt. Werden die Düsseldorfer Richter zu einem ähnlichen Urteil wie in der ersten Instanz kommen, oder wird es ein gänzlich anderes geben?
Gerke: Ich könnte mir vorstellen, dass es diesmal schneller geht. Es ist ja bereits vieles aufgenommen worden. Wie weit das Düsseldorfer Landgericht vom ersten Urteil abweichen wird, das möchte ich nicht kommentieren.
mm.de: Auf Ackermann lastet die Feststellung der Bundesrichter, der Tatbestand der Untreue sei verwirklicht. Muss die Finanzaufsicht BaFin jetzt handeln?
Gerke: Im Moment noch nicht. Wenn Herr Ackermann im kommenden Prozess allerdings tatsächlich der Untreue für schuldig befunden wird, dann könnte ich mir vorstellen, dass die BaFin handelt.
mm.de: Der Vertrag von Herrn Ackermann steht demnächst zur Verlängerung an. Wie wird der Aufsichtsrat der Deutschen Bank diese Personalie behandeln, wenn der Prozess noch läuft?
Gerke: Ich meine, dass die Überlegungen von Herrn Breuer ein Signal geben, dass der Vertrag von Herrn Ackermann als Chef der Deutschen Bank nicht selbstverständlich verlängert werden wird.
Das Interview führte Andreas Nölting