Zinsen Maßlos übertrieben
US-Präsident Bill Clinton appellierte an die Vernunft. »Bitte schauen Sie sich die tollen Wirtschaftsdaten in den USA an«, bat er die Internationale der Spekulanten, nachdem diese den Dollar bis auf 1,60 Mark heruntergetrieben hatten.
Doch Clintons Appell hatte keine Wirkung. Nach den Turbulenzen an den Börsen zu Beginn vergangener Woche blieb die Stimmung an den Finanzmärkten weltweit nervös. Der Dollar wird sich so schnell nicht wieder erholen, meinen amerikanische Experten (siehe Interview Seite 85).
Für die Unruhe sorgte nicht nur »die Psyche aller Beteiligten«, wie Hilmar Kopper, Sprecher der Deutschen Bank, meint. Dafür gibt es auch handfeste Gründe: den dramatischen Anstieg der Zinsen. In den Vereinigten Staaten sorgte die Notenbank dafür, in Deutschland konnte ihn die Bundesbank nicht verhindern. Obwohl die Frankfurter Notenbankiers ihre Leitzinsen in den vergangenen Monaten kräftig nach unten drückten, stieg die Rendite öffentlicher Anleihen seit Anfang des Jahres von 5,4 auf fast 7 Prozent. Entsprechend teurer wurden Kredite für Immobilien.
Deshalb hat die Nachfrage nach Hypothekendarlehen deutlich abgenommen. Die steigenden Zinsen sorgen dafür, daß immer mehr Bauherren und Wohnungskäufer ihr Projekt neu kalkulieren müssen.
An der Unsicherheit in den Märkten ist die Bundesbank allerdings nicht ganz unschuldig. Seit Pfingsten gaben mehrere Bundesbanker ihre unterschiedlichen Meinungen über Zinsen und Geldmenge zum besten. Präsident Hans Tietmeyer behauptete gar, was die Zinsen angehe, sei »der Horizont für längere Zeit geklärt«.
Der Stuttgarter Landeszentralbanker Guntram Palm forderte »Zurückhaltung bei der Zinspolitik«, und sein Düsseldorfer Kollege Reimut Jochimsen meinte, die Bundesbank sei durch die übermäßige Geldmengenexpansion in Bedrängnis gekommen.
»Diese Kommentare waren wenig hilfreich«, sagt Ulrich Cartellieri, im Vorstand der Deutschen Bank für den Geld- und Devisenhandel zuständig. Nervös und orientierungslos reagierten die Händler auf die Unkenrufe. Hauptgrund für den Crash am Rentenmarkt war aber die Verkaufswelle aus den USA. Zwischen Februar und April stießen die Amerikaner festverzinsliche Wertpapiere im Wert von 37 Milliarden Mark ab, die Kurse fielen, die Zinsen stiegen.
Trotzdem halten viele deutsche Banker die Zinshausse für maßlos übertrieben. Sie verweisen darauf, daß in Deutschland die Inflation in diesem Jahr zurückgehen wird. Die Konjunkturhoffnungen seien übertrieben, die hohe Arbeitslosigkeit werde die Lohnzuwächse auch in diesem Jahr drücken.
»Wir halten an unserer Strategie fest«, sagt Helmut Henschel, Leiter des Investment Research der WestLB Capital Management. Die Zinsen langfristiger Anleihen würden bis zum Jahresende noch einmal deutlich fallen.
Die Hamburger Privatbank M.M. Warburg geht sogar davon aus, daß die Umlaufrendite noch einmal auf sechs Prozent zurückgeht. Auch Deutschbanker Cartellieri spricht von »einem Zinsbuckel«. Im Herbst werde die Bundesbank die Zinsen weiter senken, dann käme Ruhe in die nervösen Finanzmärkte.
Diese zur Schau gestellte Gelassenheit wirkt etwas verkrampft. Denn die deutschen Geldhäuser sitzen auf riesigen Wertpapierbeständen. Sie haben sich im vergangenen Jahr sogar Kapital auf dem Geldmarkt geliehen, um in langfristige Anleihen zu investieren.
Auf absehbare Zeit werden die Banken als Nachfrager nach Papieren am Rentenmarkt ausfallen. Da auch die Privatanleger, Anfang der neunziger Jahre mit Renditen von neun Prozent verwöhnt, sich kaum langfristig festlegen wollen, sind steigende Zinsen absehbar.
Schon bald wird die Bundesregierung mit einer neuen Bundesanleihe wieder um die Gunst der Anleger buhlen. »In dem unersättlichen Kapitalhunger der öffentlichen Schuldner« sieht der Schweizer Vermögensverwalter Felix Zulauf das eigentliche Problem. Vorbei seien erst einmal die Zeiten, daß vor allem vom Ausland das hohe Budgetdefizit finanziert werde. Deshalb müsse sich Deutschland mittelfristig auf ungewöhnlich hohe Realzinsen einstellen.
Auch Winfried Kölln hält es für »weltfremd, daß wir noch einmal ein Zinstal sehen werden«. Deshalb rät der Abteilungsdirektor der Deutschen Genossenschafts-Hypothekenbank Kreditnehmern, nicht zu lange mit der Baufinanzierung zu warten: »Ich würde heute zugreifen und mich nicht über die Vergangenheit ärgern.«
Das ist leichter gesagt als getan. Wer am Jahresanfang die günstigen Zinsen nutzte, muß nun jedes Jahr ein paar tausend Mark weniger an seine Bank zahlen als derjenige, der heute seine Immobilie finanziert. Y
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__84b Hypothekenzinsen u. Umlaufrendite (öffentl. Anleihen),
_____ Dollar-Kurs
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