Monopoly ums Ferien-Imperium - DER SPIEGEL
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UNTERNEHMEN Monopoly ums Ferien-Imperium

TUI unter Druck: Wollen die milliardenschweren Tchibo-Erben Europas größten Touristikkonzern übernehmen, um ihn dann zu zerschlagen?
• aus DER SPIEGEL 37/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als der frühere Hapag-Lloyd-Chef Bernd Wrede, 60, kürzlich auf seinen Ex-Arbeitgeber angesprochen wurde, hielt sich der feine Hanseat vornehm zurück. »Ich bin entspannt«, antwortete er, sog an seiner Zigarre und lächelte.

Fragen nach seinem ehemaligen Vorgesetzten, TUI-Chef Michael Frenzel, 56, blockte der Spitzenmanager elegant ab. Frenzel hatte den unbequemen Ex-Banker vor zwei Jahren aus dem Tochterunternehmen geworfen. Der Abgang habe ihn zunächst zwar getroffen, inzwischen sei das leidige Thema jedoch abgehakt. Sagte Wrede. Und war wieder total entspannt.

Doch vielleicht täuscht auch der äußere Schein. Glaubt man Branchenkennern und Vertrauten des einstigen Herrschers über Tanker und Kreuzfahrtschiffe, plant Wrede mit Hilfe einflussreicher Freunde einen raffinierten Rachefeldzug. Am Ende könnte TUI nicht nur einen neuen Besitzer haben, sondern auch einen neuen Vorstand und - eine völlig neue Struktur.

Dreh- und Angelpunkt der Spekulationen um die Zukunft des größten europäischen Reisekonzerns ist eine Firma, die auf den ersten Blick mit Flugzeugen oder Hotels wenig zu tun hat: der Hamburger Kaffeeröster Tchibo. Mitte August beschloss der zerstrittene Familien-Clan, sich von den zwei opponierenden Mitgesellschaftern Günter und Daniela Herz nebst dem Hamburger Wirtschaftsprüfer Otto Gellert, 74, zu trennen. Das Trio wurde mit gut vier Milliarden Euro ausgezahlt.

Seither wird in Finanzkreisen gerätselt, wie und wo die steinreichen Erben und der renommierte Krisenberater ihr Kapital anlegen werden. Auf SPIEGEL-Anfrage erklärte Herz, 63, wortkarg, dass er »über eine eventuelle unternehmerische Zukunft« nachdenke. Allerdings werde er »erst dann gackern, wenn das Ei gelegt ist«.

Nun mehren sich Hinweise, dass er womöglich ein besonders dickes Ei ausbrütet: die Übernahme der TUI (20 Milliarden Euro Umsatz, 70 000 Beschäftigte), die durch Irak-Krieg und Konjunkturschwäche schwer gebeutelt wurde und zurzeit so billig zu haben ist wie selten zuvor. An den Börsen wird das Unternehmen mit nur rund drei Milliarden Euro gehandelt.

Dazu passt: Bereits Ende Juli bestätigte der neue WestLB-Chef Johannes Ringel, dass die angeschlagene Bank ihren TUI-Anteil von 31 Prozent loswerden wolle.

Konzernchef Frenzel möchte mit allen Mitteln verhindern, dass ein Finanzinvestor in seinem Ferienimperium Fuß fasst und Einzelteile wie Logistiksparte, Reisebüros oder Charter-Gesellschaft meistbietend verhökert, um den gewaltigen Schuldenberg von rund vier Milliarden Euro abzutragen.

Eine Schlüsselrolle beim TUI-Geschacher könnte dabei ausgerechnet der Frenzel-Feind Wrede spielen. Der passionierte Golfer sitzt seit seinem überraschenden Abgang im fünften Stock eines Bürogebäudes am Hamburger Rathausmarkt. Gleich nebenan residiert sein langjähriger Freund Gellert, der ihm erst kürzlich zu einem Nebenjob als stellvertretender Verwaltungsratspräsident des Schweizer Transportmultis Kühne & Nagel verhalf, wo Wrede einst seine Karriere begann.

Auch die Swiss-Connection passt ins Muster. Denn Firmenchef Klaus-Michael Kühne steht unter starkem Druck, sein Logistikimperium auszuweiten, nachdem sich rund um ihn gewaltige Transportriesen formierten. Zusammen mit finanzstarken Helfern könnte der Wahlschweizer Teile der Logistiksparte der TUI übernehmen und so in die Top-Liga aufsteigen. Um den Rest würden sich die Hamburger kümmern.

Bislang will sich keiner der Beteiligten zu dem vermeintlichen Milliarden-Monopoly äußern. Wrede taucht ab. Gellert lässt abwimmeln. Und ein Vorstand der WestLB raunt: »Da kocht Ringel selbst.«

Nur der TUI-Chef wurde vergangene Woche im kleinen Kreis deutlicher: »Die Hürden für eine Übernahme sind hoch«, versuchte er aufgeregte Mitarbeiter zu beruhigen. Doch es bleibe »ein Restrisiko, und das ist nicht zu unterschätzen«. Vorsorglich hat Frenzels Vorstand nun die Investment-Bank Goldman Sachs beauftragt, drohende Attacken abzuwehren.

Seit das Tchibo-Trio Kasse machte, stieg der Börsenkurs der TUI um stolze 30 Prozent. Da sich die Aussichten für die Schönwetterbranche nicht aufgehellt haben, vermuten Analysten, dass bereits jemand gezielt Aktienpakete aufkauft. Andere Finanzmarktexperten schließen dagegen nicht aus, dass WestLB oder TUI selbst versuchen, den Kurs anzuheizen.

Das Rätselraten, wohin die TUI-Reise geht, schadet dem Glamour-Giganten schon jetzt. Nach Aussagen von Konzernkennern spricht Frenzel zurzeit mit Air-Berlin-Chef Joachim Hunold über eine enge Allianz oder sogar einen Einstieg bei dem aufstrebenden Billigflieger, um seine eigene Flugtochter Hapag-Lloyd Express zu stärken und den Lufthansa-Ableger Germanwings auszubremsen. Hunold dürfte nun allerdings erst einmal abwarten, ob demnächst ein neuer Großaktionär das Steuer bei der TUI übernimmt.

Für die Tchibo-Erben wäre das Touristikgeschäft jedenfalls kein Neuland. Die Kaffeekette verkauft schon jetzt mit großem Erfolg Reisen eines TUI-Billigablegers. Daniela Herz, 49, besaß einst selbst eine Reisebürokette und verkaufte sie schließlich meistbietend an einen Wettbewerber - die TUI. DINAH DECKSTEIN

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