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Unternehmer Morgen rot

Mit einer kostspieligen Werbekampagne wollen die Unternehmer-Verbände linken Vorurteilen begegnen und zugleich gegen die sozial-liberale Koalition aufrufen.
• aus DER SPIEGEL 23/1972
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Westdeutschlands oberster Arbeitgeber-Funktionär Wolfgang Eichler erinnerte an Schreckliches aus der Antike. »Lesen Sie die Geschichte Roms nach der Zeitwende«, rief der Hauptgeschäftsführer der Kölner Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) in Baden-Baden seinem Spitzenkader zu, »und ein Schaudern wird Sie beschleichen, wie ein Staat auf der triumphalen Höhe von Wohlstand, Kultur, Macht und Ansehen nicht von äußeren Feinden besiegt wird, sondern von innen her vermodert und verfault.«

In Stichworten nannte Eichler sodann die Untergangsstationen des alten Rom: »Leistungszerfall der Jugend, wachsende Ansprüche gegen den Staat, steigende Kriminalität und Druck der Straße auf Rechtsprechung und Gesetzgebung.« Nach Eichlers Zeitrechnung droht dem jungen Bonn die gleiche Schickung wie dem alten Rom.

Gemäß der von dem römischen Dichter Ovid geprägten Devise »Wehret den Anfängen« ("principiis obsta") wollen Westdeutschlands Fabrikanten und Manager den Bürgern noch vor den nächsten Bundestagswahlen die Augen öffnen, welche Anfänge dem Bestand von Freiheit und Marktwirtschaft drohen.

in einer großangelegten Werbekampagne will BDA-Präsident Otto A. Friedrich seine Unternehmerfreunde zu systemkonservierender Selbstdarstellung sammeln und so »die Existenz des Linksextremismus« angreifen. Wen es dabei zu treffen gelte, verriet Friedrich gleichfalls in Baden-Baden: die sozial-liberale Koalition, die sich nicht »mit der notwendigen Entschiedenheit« von den Linken distanziere.

Verklausuliert, aber deutlich ließ der Flick-Gesellschafter seine Freunde von der Christenunion wissen, daß sie auch weiterhin bei den Unternehmern erste Wahl sind: »Kein Mensch kann uns verübeln, daß wir ... die demokratischen Parteien danach beurteilen, mit welcher Überzeugungskraft sie sich vor die gegenwärtige Wirtschaftsordnung stellen.«

Seit mehreren Monaten arbeiten unter der Regie des BDA-Chefs bereits die Pressechefs der drei großen Verbände, Ernst Jörg Kruttschnitt (Deutscher Industrie- und Handelstag), Friedrich W. Kleinlein (Bundesverband der Deutschen Industrie) und Will Riesenberg (BDA), über einem sogenannten Tendenzpapier. Wesentlicher Inhalt: eine Reihe werbewirksamer Thesen zur Verteidigung der sozialen Marktwirtschaft, außerdem das Bekenntnis zu Reformen.

Unlängst wurde die Frankfurter Werbeagentur Alwo des CDU-nahen Kurt von Gleichen beauftragt, griffige Slogans und Texte für Anzeigen, Broschüren. Plakate und Filmspots zu verfassen. In Vortests wollen die Werber prüfen, wie ihre Botschaft bei Pfarrern, Lehrern, Studenten, Schülern und Werktätigen ankommt.

Kundigen Rat holten sich die Arbeitgeber beim einflußreichen CDU-Wirtschaftsrat in Bonn. Dessen agiler Geschäftsführer Haimo George hat bereits ein Mischkonzept aus Reklame für die reine Lehre von der Marktwirtschaft und Agitation gegen SPD und linke Ideologen, die durchweg in einem Atemzug genannt werden, fertiggestellt. In einem vertraulichen Kurzführer weist die Frankfurter Agentur Brose & Partner dem Wirtschaftsrat die Schwerpunkte der Aktion: »Seit den 60er Jahren gerät die soziale Marktwirtschaft unter Beschuß (Godesberger Programm, DGB-Programm, linke Gruppen).« Sie werde frei nach Karl Marx als »kapitalistisches System« abqualifiziert, in dem »Schrankenlosigkeit, Unternehmerwillkür, Ausbeutung, Profitgier, Wachstumsgläubigkeit, Konsumterror, Leistungsdruck« vorherrsche.

Schlimmer noch: »Die SPD/FDP-Koalition hat mit ihrem Schlagwort von der inneren Reform die atavistischen Grundtendenzen aufgenommen.« Als Urheber solcher gefährlichen Reformlinien steht in Georges Strategiepapier allein die SPD. Lohnende »Zielrichtung« einer »parteibezogenen« unternehmerischen Werbekampagne könne daher neben der CDU/CSU nur die FDP sein.

Intern empfiehlt George den Unternehmern größere Sorgfalt im Umgang mit Spenden und Werbegeld. Sein Paradebeispiel unternehmerischer Werbe-Verfehlungen: Der Bochumer Buchhändler Brockmeyer plazierte im Hochschulführer der Ruhruniversität auf Seite 97 eine teure Annonce, ohne sich vergewissert zu haben, daß elf Seiten vorher der Asta in der Rubrik »Hinweise für das Studium« den Kunden des Buchhändlers geraten hatte: »Kauft nach Möglichkeit nicht bei Brockmeyer, der schon genügend Geld scheffelt.« George: »Die Studenten lachen sich einen Ast.«

Ob die CDU-Empfehlung, die Aktion Widerstand gegen Linke mit massiven Angriffen gegen die Bundesregierung zu vermengen, in das endgültige Unternehmerkonzept widerspruchslos übernommen wird, ist freilich noch offen. Denn anders als Hans-Günther Sohls BDI und Otto A. Friedrichs BDA zeigt bislang der Deutsche Industrie- und Handelstag unter seinem Präsidenten Otto Wolff von Amerongen wenig Neigung, offen für die CDU einzutreten.

Als Dachverband öffentlich-rechtlicher Institutionen zur politischen Neutralität verpflichtet, will der DIHT zwar das Unternehmerbild aufpolieren helfen, nicht aber Wahlkampf treiben. Ein DIHT-Spitzenfunktionär wurde deutlich: »Das geht nicht im Hauruck-Verfahren. Wenn das eine politische Aktion werden soll, muß das Herr Friedrich allein machen.«

Weit abseits steht auch noch Fritz Dietz, Präsident des Groß- und Außenhandelsverbandes und amtierender Chef des Gemeinschaftsausschusses der Deutschen Gewerblichen Wirtschaft. Dietz, der bislang von Friedrich nicht aufgerufen wurde, beobachtet die Aktivitäten des Arbeitgeber- und Industrieverbands mit Skepsis: »Ich halte Einzelaktionen nicht für glücklich, bin aber auch gegen die ewigen Verteufelungen. Heute sind's die Unternehmer, morgen die Roten und übermorgen die Schwarzen.«

Größte Sorgen bereitet den Werbern, die ihre Kampagne erst einmal für den Spätherbst terminiert haben, freilich der Mangel an Geld. Denn noch ist völlig offen, wie das von Fachleuten auf zwölf Millionen Mark Kosten geschätzte Vorhaben finanziert werden soll.

Angesichts der schon verplanten Verbandskassen müssen Friedrich und Sohl daher bei den Industriellen selber um Werbespenden anhalten. Oft treffen sie dort auf Konkurrenten, die Schatzmeister der auf Wirtschaftsspenden angewiesenen Frei- und Christdemokraten.

FDP-Kassenwart Hans Rubin, der davon weiß, daß »einzelne Leute schon vom Arbeitgeberverband angesprochen wurden«, lernte den Wettbewerb bereits fürchten: »Die Spendenbereitschaft für die FDP ist fast gleich null.« Und auch CDU-Finanzchef Walther Leisler Kiep wird neuerdings von einigen Industriefreunden höflich mit der Floskel »Ich muß sparen für die BDA-Kasse« abgewiesen.

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