Nach der Attacke: Was nun, New York? - DER SPIEGEL
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Nach der Attacke Was nun, New York?

Rund 1,4 Millionen Quadratmeter Bürofläche sind verschwunden. Große Firmen wandern ab, kleine gehen bankrott. Für Downtown Manhattan ist die Katastrophe noch lange nicht vorbei.
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New York - An der Südspitze Manhattans herrscht immer noch das Desaster. Im Fotoladen "G.R." in der John Street werden fast nur Filme mit Bildern vom World Trade Center abgegeben. "Ich schaue schon gar nicht mehr hin", sagt Eigentümer Edward Yahuda. Doch er muss sich über jeden Kunden freuen. Sein Geschäft ist um 80 Prozent eingebrochen.

Wie Yahuda geht es den meisten kleinen Geschäftsleuten in der Gegend. Mit dem World Trade Center ist die Nachfrage in Downtown Manhattan praktisch verschwunden. In den beiden Türmen arbeiteten 50.000 Menschen, in den anliegenden, jetzt geschlossenen Gebäuden weitere 50.000. Gemessen an Quadratmetern, sind 15 Empire State Buildings vom Markt gefegt worden.

Die betroffenen Mieter sind in Notbüros außer Reichweite gezogen. Einige arbeiten weiter nördlich in Midtown. Andere, darunter große Firmen wie Merrill Lynch, Lehman Brothers und American Express, haben ihre Mitarbeiter gleich nach New Jersey oder Connecticut geschickt. Wann sie wieder kommen, ist ungewiss.

Für die zurück gebliebenen Sandwich-Restaurants, Blumenläden und Schönheitssalons hat der Exodus fatale Folgen. "Wir haben 80 Prozent unserer Kunden verloren", sagt L.J., Manager des Restaurants Sabena's. Dazu kommen die zerstörten Telefonkabel. Zwei Wochen nach der Attacke sind 100.000 Leitungen noch nicht wieder repariert. "Wir leben von unserem Bringdienst. Kein Telefon, kein Geschäft", sagt L.J. Auch Kreditkarten kann er nicht mehr annehmen.

Auf den Schuhen in einem Broadway-Schaufenster liegt zentimeterdick der Staub. Auch die Videokassetten im Fenster nebenan verschwinden unter dem Grau. "Remember", hat jemand in die Staubschicht an der Scheibe gekritzelt. Diese Läden sind bereits seit zwei Wochen geschlossen - und werden wahrscheinlich nie wieder öffnen.

Times Square in der Krise

Allein in Downtown sind 14.000 Unternehmen betroffen. Doch die Krise reicht weit über den "Ground Zero" hinaus. "Die Attacke ist katastrophal für die New Yorker Wirtschaft", sagt Celia Chen, New-York-Expertin von Economy.com. Zwei Prozent aller New Yorker Jobs wurden vernichtet, schätzt sie.

Die Tourismus- und Entertainment-Industrie, neben Wall Street ein Hauptpfeiler der New Yorker Wirtschaft, liegt darnieder. An manchen Tagen stehen drei Viertel der Hotelzimmer leer. Fünf Broadway-Musicals mussten bereits schließen, etlichen anderen droht dasselbe Schicksal. Die Verzweiflung ist so groß, dass die Gewerkschaft der Theater-Mitarbeiter einer 25-prozentigen Gehaltskürzung zugestimmt hat.

Das 20-Milliarden-Dollar-Notpaket der Regierung werde an der Situation zunächst nichts ändern, sagt Chen. Frühestens im nächsten Jahr sei mit einer Wirkung zu rechnen. Doch selbst dann werde der Wiederaufbau den Schaden nicht ausgleichen. Laut einer ersten Schätzung der Fachzeitung "Crain's New York Business" beläuft sich der Gesamtschaden in New York auf 40 Milliarden Dollar. Offizielle Zahlen gibt es noch nicht.

New Jersey boomt

Am gegenüberliegenden Ufer des Hudson Rivers erlebt New Jersey die Kehrseite des Desasters. In der ersten Woche nach der Attacke wurden knapp 280.000 Quadratmeter Bürofläche vermietet - soviel wie sonst in einem halben Jahr. Niemand ist auf den plötzlichen Boom eingestellt. Zehntausende von Manhattan-Exilanten wollen täglich transportiert, gefüttert und bedient werden. Lehman Brothers hat sein Fortbildungszentrum in Jersey City zum New Yorker Hauptquartier umgewandelt. Merrill Lynch hat seinen Trading Floor neben einer Shopping-Mall eingerichtet. Der Ex-WTC-Mieter Oppenheimer Funds hat Hunderte hierher versetzt, ebenso Fiduciary Trust International.

Für Jerseys Dienstleister eine neue logistische Herausforderung: Tausende von Tradern verlangen ihre Lunch-Pakete an den Schreibtisch. Sie haben keine Zeit für eine Mittagspause. Merrill-Lynch-Präsident Stanley O'Neal muss sich dabei ebenso umstellen wie der einfache Trader. Statt im edlen privaten Speiseraum des Unternehmens im World Financial Center zu speisen, reicht ihm ein Assistent sein Mittagessen in einer Plastikbox. Auch die Behörden arbeiten am Rand der Kapazität. Statt 15 Bombendrohungen pro Jahr muss die Feuerwehr jetzt fünf pro Tag bewältigen.