Phantom der Oper - DER SPIEGEL
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Hauptstadt Phantom der Oper

Um das letzte große Filetgrundstück im Berliner Zentrum tobt ein munterer Investorenkrieg.
• aus DER SPIEGEL 25/1996
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Der Anwalt Karlheinz Knauthe, ein erfahrener Mann im hauptstädtischen Immobilienschacher, versteht die Welt nicht mehr - und die Berliner Senatsverwaltung noch viel weniger.

»Normalerweise«, so empört sich Knauthe, hätte das Land Berlin zwei Filetgrundstücke - aus einem 10 700 Quadratmeter großen Areal rund um die Komische Oper am Boulevard Unter den Linden - längst an die Investorengemeinschaft Hanseatica, Wert-Konzept und Heinz Pietzsch verkaufen müssen.

Trotz »eindeutiger Zusagen« und eines »durchsetzbaren Anspruchs« seiner Mandanten, wundert sich Knauthe, »kommt immer wieder dieser Herr Eder aus Bayern dazwischen«.

Walter Eder kontert nicht minder erzürnt, er lasse sich von der Berliner Konkurrenz »nicht länger systematisch ausbooten«. Diese alteingesessene Seilschaft arbeite mit »Methoden des Balkans«, sagt der Baumaschinenfabrikant aus Mainburg. Nun will auch der leidenschaftliche Großwildjäger »die Waffen schärfen«, um die Grundstücke zu bekommen, auf denen er ein internationales Opernforum bauen will.

Die Berliner Kombo mit ihren potenten westdeutschen Partnern (Investitionsvolumen: fast 3,2 Milliarden Mark) liefert sich mit dem Quereinsteiger aus Bayern den derzeit härtesten Investorenkrieg auf dem Immobilienplatz Berlin. Mit zwei hochrangig besetzten Propaganda-Veranstaltungen wollen die Kontrahenten in dieser Woche Öffentlichkeit und Politik für sich gewinnen. Jeder von ihnen setzt mit Millionenversprechen oder offenen Drohungen den wankelmütigen Senat und dessen Beamte unter Druck.

Begonnen hat alles mit dem Coup des Walter Eder. Er sicherte sich im Juni 1992 die Restitutionsansprüche eines deutschen Tochterunternehmens des schwedischen Papierkonzerns Stora am Opern-Areal zum Kaufpreis von 45 Millionen Mark. Zwar erklärte das Bundesverwaltungsgericht im Herbst vergangenen Jahres diese Ansprüche für nichtig, aber Eders Berliner Anwalt, Claus Heuchemer, Mitglied einer der größten deutschen Sozietäten, legte Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe ein.

Die entscheidende Schlacht, darin sind sich die Parteien einig, wird auf dem politischen Terrain geschlagen. »Und da«, meint Hanseatica-Geschäftsführer Walter Rasch fröhlich, »haben wir gegen das Phantom der Oper längst gewonnen.«

Siegesgewiß zückt der einstige West-Berliner FDP-Spitzenpolitiker ein Schreiben des Finanzstaatssekretärs Peter Kurth (CDU). Darin bestätigt dieser, »daß wir beabsichtigen«, die beiden an die Oper angrenzenden Grundstücke an die Investorengruppe »zu verkaufen«.

Mittlerweile mag sich Kurth nicht mehr recht an seine klare Zusage erinnern. Aus dem »völlig korrekten« Schreiben sei »keine Option oder Bevorzugung einer Seite abzuleiten«. Seine Chefin, Finanzsenatorin Fugmann-Heesing, schrieb mittlerweile dem Bayern Eder, nun würden seine »Argumente und Materialien berücksichtigt«.

Frustriert mußte Rasch auch bei Wirtschaftssenator Elmar Pieroth und dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen einen »merkwürdigen Gesinnungswandel« entdecken. Nach »glasklaren Zusagen« der beiden CDU-Politiker in vertraulichen Gesprächen, klagt Rasch, »wollen die uns jetzt veräppeln«.

Diepgen bescheinigte Meister Eder zuletzt im März schriftlich, er liege gleichberechtigt mit der Konkurrenz im Rennen.

Die Enttäuschung des früheren Schulsenators Rasch ist um so größer, als »auf Ebi immer Verlaß war«. Seit der Berliner CDU/FDP-Koalition in den achtziger Jahren glaubt er, mit Diepgen gut Freund zu sein.

Soweit kann der schillernde Opernfreund Eder nicht mithalten. Auf mehr als ein Dutzend Firmen haben der vermögende Mainburger und seine Frau Therese ihr Kapital verteilt. Sein Hauptinteresse, so Eder, gelte dem Handel mit Baumaschinen unter dem Dach des US-Konzerns Caterpillar.

Genüßlich streuen die Gegner Eders immer wieder, daß ihm die Steuerfahnder auf den Fersen sind. Wegen des Vorwurfs, er habe die Steuern für einen Gewinn von 30 Millionen Mark aus dem Verkauf der Baumaschinenfabrik Zettelmeyer hinterzogen, mußte Eder 1993 sogar knapp vier Wochen in Untersuchungshaft darben.

Unter Steuerrechtsexperten ist der komplizierte Kasus umstritten. Eder ("Ich hab' die geforderten 15 Millionen längst bezahlt") hofft auf eine baldige Einstellung des Verfahrens.

An Ausdauer und strategischem Geschick steht Eder der Konkurrenz in Berlin allerdings nicht nach. Er bot Diepgen und Pieroth an, der Komischen Oper 15 Millionen Mark zu stiften. Da die beiden CDU-Politiker nicht reagierten, wandten sich seine Emissäre direkt an die zuständigen Beamten in der Kulturverwaltung - mit Erfolg. Die von Finanznöten geplagten Kulturbeamten verhinderten im Dezember eine Entscheidung für Hanseatica, die jetzt ihrerseits mehr als 40 Millionen Mark für die Sanierung eines Theatergebäudes lockermachen soll.

Eder bietet noch einen beachtlichen Vorzug - den imposanten Entwurf des Architekten Christoph Langhof für sieben unterschiedliche und eigenwillige Palais rund um die Oper: im Vergleich mit den neuen Bürokolossen in Berlin Mitte eine erfrischende Abwechslung.

Unüberhörbar trommelt auch August Everding, bayerischer Staatsintendant mit besten Beziehungen zum Bundeskanzler, für ein »weiteres Wahrzeichen der deutschen Hauptstadt«. Am Dienstag dieser Woche eröffnet er die Präsentation des 400-Millionen-Projekts von Eder.

Nur zwei Tage später folgt der Gegenangriff. Dann stellt ein prominent besetztes Preisgericht die Ergebnisse eines Wettbewerbs vor, den Raschs Truppe eilig für eine neue Fassadengestaltung ausgelobt hat. Der ursprüngliche, extrem monotone Entwurf für den auf 200 Millionen Mark veranschlagten Büro-Riegel von Jürgen Sawade und Theo Brenner schien selbst den Auftraggebern offenbar chancenlos öde.

Ungeniert sitzen nicht nur Staatssekretär Hans Stimmann, sondern auch Bausenator Jürgen Klemann (CDU) und eine Abteilungsleiterin im Preisgericht, obwohl sie an der Entscheidung zwischen den Investoren direkt beteiligt sind.

»Völlig normal« findet Rasch es, daß er Eders Architekten »zur Teilnahme am Wettbewerb eingeladen« hat. Für den prominenten Anwalt und Eder-Berater Peter Danckert handelt es sich bei dem »Abwerbeversuch« um »mafiöse Methoden«.

Ob Eders anspruchsvolle Architektur jemals Berlins Mitte zieren wird, ist dennoch fraglich. Zu waghalsig erscheint das Finanzkonzept. Er habe für ein anderes Bauprojekt in Berlin eine »Finanzierungszusage der Banken über 400 Millionen Mark«, sagt der Baumaschinenfabrikant. Exakt diese Summe »kann ich kurzfristig auf das Opernforum umswitchen«. Eine schriftliche Zusage der Banken will Eder nicht herausrücken.

Doch selbst wenn der Senat sich für den Bayern entscheiden sollte, müßte er einen langwierigen Rechtsstreit abwarten.

Anwalt Karlheinz Knauthe nämlich droht dem Land Berlin schon präventiv mit einem Prozeß, falls die Hanseatica nicht zum Zuge kommt. »Den Prozeß«, behauptet Knauthe schlankweg, »überlebt kein politischer Entscheidungsträger.«

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