Postbank-Chef im Interview "Jetzt beginnt das Schwarze-Peter-Spiel"
SPIEGEL ONLINE:
Herr von Schimmelmann - wann haben Sie eigentlich das letzte Mal Ihren Chefkollegen Josef Ackermann von der Deutschen Bank getroffen?
Wulf von Schimmelmann: Das weiß ich gar nicht. Seinen Aufsichtsratschef, den Herrn Breuer, habe ich vergangenen Sonntag gesehen, beim Empfang der Frankfurter Bürgermeisterin.
SPIEGEL ONLINE: Und was haben Sie miteinander besprochen?
Schimmelmann: Nichts weiter. Ich habe Herrn Breuer in der Reihe gesehen, ihm freundlich zugewinkt - dann sind wir wieder auseinandergegangen ...
SPIEGEL ONLINE: Gesprächsthemen hätte es gegeben - ein möglicher Kauf der Postbank durch die Deutsche Bank war über eine Woche lang Top-Thema in Finanzwelt und Politik. Jetzt hat die Post mitgeteilt, eine solche Übernahme komme nicht in Frage. Glauben Sie, dass alle Spekulationen damit beendet sind - auch in bezug auf andere Banken?
Schimmelmann: Ja. Das Statement der Post ist eindeutig. Da ist auch kein Hauch von Zwischeninterpretation möglich. Weiter zu spekulieren wäre reine Zeitverschwendung.
SPIEGEL ONLINE: Dass der Börsengang sicher kommt, haben Sie freilich schon auf der Post-Hauptversammlung gesagt. Trotzdem hat es dann Gespräche mit der Deutschen Bank gegeben.
Schimmelmann: Auf der Hauptversammlung haben wir uns anders geäußert - wir haben gesagt, dass wir "flexibel die Entwicklung" beobachten. Was Verhandlungen betrifft - da müssen Sie die Post fragen. Ich habe mit niemandem über Kaufpreise oder dergleichen gesprochen. Ich vertrete ja nur das Objekt der Begierde.
SPIEGEL ONLINE: Man wird Sie aber auf dem Laufenden gehalten haben?
Schimmelmann: Ich weiß nur eines: Ich selbst habe während der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal über ein gemeinsames Geschäftsmodell verhandelt. Das zeigt, dass das ganze Thema sehr stark an der Oberfläche geblieben ist.
SPIEGEL ONLINE: Hätten die Deutsche und die Postbank denn zueinander gepasst?
Schimmelmann: Ich kenne die Struktur der Deutschen Bank viel zu wenig. Ich fand es faszinierend, wer alles sich in den letzten Tagen berufen fühlte, über die Vorteile einer Fusion zu sprechen. Vielleicht haben die bessere Einblicke als ich.
SPIEGEL ONLINE: Es war ja vor allem auch eine politische Diskussion - der Kanzler schien angetan davon, einen nationalen Champion in der Bankenbranche zu schaffen. Hat Ihnen diese Debatte geholfen oder geschadet?
Schimmelmann: Erst einmal: Mich hat in der Frage kein Politiker angesprochen. Ich bin auch der Meinung: Wenn man einen Börsengang ankündigt, soll man ihm durchziehen. Per saldo stehen wir nach der Debatte so da wie vorher. Ihr Vorteil war, dass vielen auffiel, wie umworben wir sind.
SPIEGEL ONLINE: Und der Nachteil?
Schimmelmann: Ist der, dass sich einige Zweifler gemeldet haben: "Vielleicht ist der Firmenwert ja doch ein anderer." Jetzt, wo es nicht geklappt hat, geht das Schwarze-Peter-Spiel los. Da ist der einfachste Weg zu verfahren wie in der Fabel mit dem Fuchs und den Trauben und zu sagen: "Die Trauben schmecken mir gar nicht." Darauf müssen wir uns einstellen.
SPIEGEL ONLINE: Sie sprachen den Firmenwert an - wie hoch ist er denn im Fall der Postbank?
Schimmelmann: Ich finde die Postbank so wertvoll, man kann sie gar nicht bezahlen. Spaß beiseite: In dieser Phase vor dem Börsengang darf ich das nicht beantworten.
SPIEGEL ONLINE: Anders gefragt: Es gibt Berichte über Differenzen zwischen den Konsortialbanken und der Post und Ihnen. Angeblich warnen die Banken, das angestrebte Emissionsvolumen - bis drei Milliarden Euro - lasse sich im derzeitigen Marktumfeld nicht erreichen.
Schimmelmann: Das kann ich klar dementieren. Von den 19 Konsortialbanken haben 18 in ihren Research-Berichten Bewertungen aufgezeigt, die unseren Vorstellungen entsprechen.
SPIEGEL ONLINE: Und wegen des Börsenumfelds sind Sie nicht besorgt?
Schimmelmann: Natürlich verfolge ich die Volatilität. Bisher sehe ich aber keinen Trend, der gegen uns läuft. Es geht mal rauf, mal runter.
SPIEGEL ONLINE: Die Werbekampagne für den Börsemgang läuft ja eher bescheiden: keine Promis, nüchterne Slogans. Was spricht eigentlich gegen das Ziel, wie bei der Telekom und der Post eine "Volksaktie" schaffen zu wollen?
Schimmelmann: Der Markt hat sich geändert. In den neunziger Jahren hat jeder ein bisschen mit einzelnen Aktien herumgespielt: "Ich kenne da eine Firma, die muss man kaufen." Heute ist das viel emotionsloser, die Leute kaufen eher Fonds.
SPIEGEL ONLINE: Aber man könnte schon sagen: Sie würden den Kleinaktionär gerne haben - Sie glauben nur nicht, dass er anbeißt?
Schimmelmann: Die Frage stellt sich gar nicht. Die Nachfrage der institutionellen Anleger ist heute einfach viel größer. Wir wollen sicherstellen, dass sich nachher keiner auf den Arm genommen fühlt. Deswegen werben wir auch nicht in allzu grellen Farben.
SPIEGEL ONLINE: Sprechen wir mal über Ihr tägliches Bank-Geschäft. Kritiker bemängeln, die Postbank habe eine Schwäche im Vertrieb ...
Schimmelmann: Wir haben 76.000 Girokonten netto im ersten Vierteljahr hinzubekommen - das ist keine Vertriebsschwäche. Wir haben mit 9000 Filialen das mit Abstand größte stationäre Filialsystem, eine beträchtliche Macht.
SPIEGEL ONLINE: Aber Sie sind Untermieter in den Postfilialen - und dort gibt nur wenige Mitarbeiter, die sich mit Bankprodukten jenseits von Girokonten auskennen.
Schimmelmann: Sicher liegt noch ein Weg vor uns. Wir haben keine Jahrzehnte lange Erfahrung. Mit dem Wertpapiergeschäft haben wir ja erst Ende 2000 angefangen. Unsere Berater wollen und werden wir noch besser schulen.
SPIEGEL ONLINE: Es heißt, Sie würden gerne den Vertrieb stärken, indem Sie mit einem Einzelhandelskonzern kooperieren.
Schimmelmann: Das wäre interessant. In Großbritannien betreibt zum Beispiel Tesco, die größte Supermarktkette dort, eine gemeinsame Bank mit der Royal Bank of Scotland. Wir haben uns das intensiv angeschaut. Aber der deutsche Zahlungsverkehr ist anders konstruiert: Er läuft über das Girokonto, kaum über Scheck und Kreditkarte. Deshalb ist bei uns für solche Zweitbankmodelle kaum Platz. Ich bin aber sehr daran interessiert, über die klassischen Vertriebswege hinaus zu gehen.
SPIEGEL ONLINE: Im Schnitt verkaufen Sie pro Kunde 1,8 Produkte - weniger als im Branchenschnitt. Wenn Sie Ihre Produktpalette ansehen - wo ist die größte Lücke?
Schimmelmann: Am stärksten wollen wir das Geschäft mit Privatkrediten ausbauen. Bei uns überwiegt das Einlagegeschäft, deswegen verdienen wir bei höherem Zinsniveau tendenziell besser. Das derzeitige Zinsniveau ist nicht das beste für uns. Diese Abhängigkeit wollen wir mit stärkerem Kreditgeschäft verringern. Wir haben unsere Berater gerade ermächtigt, Kredite außerhalb von Filialen zu bewilligen und vergeben Kredite zunehmend über das Internet. Ausbauen wollen wir auch den Verkauf von Fonds, die wir in den Filialen anbieten, aber auch im Bereich Direkt-Brokerage - in dem haben wir 330.000 Kunden.
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SPIEGEL ONLINE: Was nicht eben viel ist bei 11,5 Millionen Kunden insgesamt.
Schimmelmann: Stimmt, aber wenn Sie es mit der Zahl der 4,2 Millionen Girokonten vergleichen, ist die Quote schon besser. Im Übrigen ist unser Internet-Auftritt einer der modernsten - und wir haben 1,6 Millionen Online-Kunden. Bei Überweisungen brauchen Sie bei uns keine TAN mehr. Sie geben bei uns eine Überweisung in die Maske ein, dann sehen Sie in derselben Sekunde auf dem Handy ihre Transaktionsnummer. Die ganzen Listen können Sie sich sparen.
SPIEGEL ONLINE: Die Postbank hat derzeit noch gut 9000 Mitarbeiter. Wie war eigentlich unter ihnen in den vergangenen Tagen die Stimmung?
Schimmelmann: Angespannt. Wenn Sie alle Mitarbeiter auf einen IPO einschwören, bringen Spekulationen Unruhe.
SPIEGEL ONLINE: Vielleicht haben auch die Mitarbeiter im Fall einer Übernahme Personalabbau befürchtet - so wie die Gewerkschaft Ver.di?
Schimmelmann: Bei den meisten, mit denen ich geredet habe, war das gar nicht das Problem. Wir haben bis Mitte 2006 betriebsbedingte Änderungskündigungen tarifvertraglich ausgeschlossen. Wir haben auch keine Tradition, nach der so etwas mit dem Holzhammer abläuft. Es war mehr dieser plötzliche Schwenk - erst wollen wir den IPO, dann kommt es scheinbar ganz anders. Jetzt, wo Klarheit geschaffen wurde, ist die Stimmung hervorragend.
Das Interview führte Matthias Streitz