Raubtier-Kapitalismus Millionen-Reibach ohne Risiko
Washington - Es gibt eine Formel für unangenehme Befragungen, die sich bei der derzeitigen Aufarbeitung der Bilanzskandale tausendfach bewährt hat: "Ich erinnere mich nicht. Ich sage nicht 'ja', ich sage nicht 'nein'". Diesmal war es der ehemalige Star-Analyst Jack Grubman von Salomon Smith Barney, dem plötzlich nichts Sinnvolles mehr einfallen wollte. Er saß gerade vor einem Untersuchungsausschuss im US-Kongress und wurde zu den Vorfällen bei dem Milliardendesaster von WorldCom befragt.
Grubman, der von "Business Week" das Prädikat "schlechtester Analyst der Welt" verliehen bekam, hatte mit seinen euphorischen Empfehlungen für Telekommunikationswerte Tausende von Anlegern um ihr Vermögen gebracht und ohne Skrupel die Firmen gleichzeitig beraten, über die er seine "objektiven" Einschätzungen abgab.
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Die Frage, bei der Grubmans Erinnerung diesmal aussetzte, war allerdings auch besonders unangenehm. Der Demokrat Paul Kanjorski wollte nämlich wissen, ob führende WorldCom-Mitarbeiter von Salomon Smith Barney bei der Vergabe so genanter heißer IPO-Aktien bevorzugt wurden. Während des Aktienbooms in den USA konnte traumhafte Gewinne erzielen, wer bei einem Börsengang dabei war. In der Regel sprangen die Kurse schon an ihrem ersten Handelstag auf ein Vielfaches des Ausgabepreises.
Die spannende Frage ist nun, ob Banken ihren Zuteilungsspielraum genutzt haben, um bei wichtigen Kunden Aufträge zu ergattern. Die Kongressabgeordneten scheiterten bisher nicht nur an Grubmans Gedächtnis, sondern auch an der Konzernmutter von Salomon Smith Barney, der Citigroup. Deren Anwalt beruft sich in einem freundlich gehaltenen Antwortschreiben auf das Bankgeheimnis.
Damit ist der Fall aber keineswegs erledigt. Ein Ex-Broker von Salomon Smith Barney hat nämlich eine Klage gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber eingereicht. Der 31-jährige David Chacon, der nun für Credit Suisse First Boston arbeitet, war laut "Wall Street Journal" und "New York Times" genau mit dieser Zuteilung von Aktien betraut.
Seine Klageschrift, die er bei einem Gericht in Los Angeles einreichte, zeigt eine neue Spielart der "ansteckenden Gier" (Alan Greenspan) unter amerikanischen CEOs. Chacon nennt fünf der vermeintlich Unersättlichen namentlich: Bernard Ebbers (WorldCom), Joseph Nacchio (Qwest), James Crowe und Clark McLeod (Level 3), sowie Stephen Garofalo (MetroMedia).
Ein Geschäft, bei dem Ex-WorldCom-Chef Ebbers angeblich in wenigen Tagen rund 16 Millionen Dollar verdiente, beschreibt Chacon en Detail: Im April 1999 ging die Firma Rhythms Net an die Börse. Ebbers habe dabei einen ganz besonderen VIP-Service genossen: Salomon hätte dem damaligen WorldCom-Chef die Aktien nämlich erst dann angeboten, als sich die satten Gewinne bereits abzeichneten, heißt es in der Klageschrift. Ebbers sei erst angerufen worden, als die Rhythms Net-Aktie bereits bei 90 Dollar gehandelt wurde. 350.000 Aktien zum Ausgabepreis von 21 Dollar hätte man exklusiv für ihn beiseite gelegt, soll die Bank Ebbers per Telefon verkündet haben. Ebbers, so Chacon, habe verständlicherweise zugegriffen.
In einer ersten Reaktion bezeichnete Salomon Smith Barney die Vorwürfe Chacons als haltlos. "Sowohl zeitlich als auch faktisch gibt es große Unstimmigkeiten in dieser Klage", hieß es in einer Mitteilung. Eine eigene Darstellung der Vorfälle lieferte die Investmentbank bisher allerdings nicht.
Wegen ähnlicher Vergehen ermittelt die Händler-Vereinigung National Association of Security Dealers (NASD) derzeit gegen die Investmentbanken Robertson Stephens und JP Morgan Chase. Gemeinsam mit der US-Börsenaufsicht SEC erreichte die NASD bereits, dass Credit Suisse First Boston (CSFB) 100 Millionen Dollar bezahlte. Nach Ansicht der Ermittler hatte CSFB-Investmentbanker Frank Quattrone die Verteilung heißer IPO-Aktien genutzt, um Kunden an Land zu ziehen. Mit der Geldzahlung wendete CSFB eine Auseinandersetzung vor Gericht ab.
Carsten Matthäus