Der Markt-Forscher Schluss mit dem Starkult!
Ein Junge kloppt sich mit einem anderen. Als ihn die Mutter zur Rede stellt, plärrt er: "Der hat angefangen. Der hat mich einen CEO genannt." Diese Karikatur eines US-Anlegermagazins ist noch eine freundliche Umschreibung für das momentane Image amerikanischer Unternehmenschefs. Sie werden neuerdings auch gerne mal als Kakerlaken oder Ratten in Anzügen dargestellt.
Die öffentliche Häme ist noch das kleinere Übel. Die Bande der Cheftrickser, angeführt von Bernie Ebbers (WorldCom), Kenneth Lay (Enron), Joseph Nacchio (Qwest) , John Rigas (Adelphia) und Dennis Kozlowski (Tyco) hätte sich einen Satz über den Schreibtisch hängen sollen, den Investmentguru Warren Buffett 1991 gesagt hat: "Wenn du mit falschen Entscheidungen Geld verlierst, werde ich nachsichtig sein. Wenn du aber das Ansehen deiner Firma beschädigst, werde ich gnadenlos sein."
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Schlimmer kann man an der Börse nicht abgewatscht werden: WorldCom, einst bei mehr als 60 Dollar gehandelt, wurden als Penny-Stocks vom Handel ausgesetzt. Enron- und Adelphia-Aktien sind schon wertlos, die Börsenbewertung von Qwest und Tyco ist nicht mal mehr ein Schatten ihrer selbst. Noch dazu haben diese Ex-Großmäuler dafür gesorgt, das Aktionäre in den USA nun ständig Angst davor haben, faule Äpfel im Depot zu halten. Gut möglich, dass sogar die US-Konjunktur durch das verantwortungslose Verhalten der glorreichen Halunken ins Wanken gerät, weil immer weniger ausländische Investoren ihr Geld in amerikanischen "Werten" anlegen.
Warum auch? Die "Werte" der gefallenen Börsenstars schienen allein darin zu bestehen, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Geld in die eigenen Taschen zu stopfen. Und dabei möglichst gut auszusehen. Und - mal Hand aufs Herz - viele Anleger fanden die superreichen Chefs auch unheimlich cool, wenn nicht sogar sexy. Da hat ein Bernie Ebbers für sein Publikum breitbeinig den Cowboy gegeben (und mit Hilfe seiner Firma die größte Ranch Kanadas und eine der größten Yachten der Welt gekauft). Da hat sich ein Kenneth Lay bei jedem Wohltätigkeitsball unheimlich spendabel gezeigt (und seine Firma mit waghalsigen Spekulationen allen Warnungen zum Trotz in den Bankrott getrieben). Da hat ein John Rigas seine Untergebenen mit verbilligten Kinokarten versorgt (und gleichzeitig die eigene Firma bis auf den letzten Tropfen zur Ader gelassen).
Man nannte das bisher ehrfurchtsvoll das amerikanische System: Große Jungs zeigen der Welt, wie man richtig Geld verdient, immer bereit zu einem offenen Kampf, absolut nicht zu bremsen auf ihrem Weg, die Welt oder zumindest ihre Branche zu dominieren. Einer Studie des Harvard-Professors Rakesh Khurana zufolge wurden Top-Manager in den neunziger Jahren vor allem nach ihren Star-Qualitäten und ihrer Fähigkeit ausgewählt, den Aktienkurs in die Höhe zu treiben.
Denke nur niemand, wir in Deutschland wären nicht anfällig für solche Börsen-Beaus. Da ist ein Thomas Haffa mit seinem hübschen Gesicht zum Helden der New Economy hochstilisiert worden (und hat sich dafür von seinen Aktionären 250 Millionen Euro zahlen lassen). Da hat uns ein Ron Sommer charmant die T-Aktie als Volksaktie nahe gebracht, unterstützt von aller Liebling Manfred Krug (und hat sich auch in der schwersten Krise seines Unternehmens noch mal etwas mehr Gehalt genehmigt).
Klingelt es? Schlichte Kaufleute und Erbsenzähler waren vielleicht ein bisschen zu langweilig. Die Anleger verlangte es - wie jedes andere Massenpublikum - nach Helden und Popstars. Und sie bekamen perfekte Darsteller, die in Talkshows schon mal Millionen von Schwiegermüttern um den Verstand lächelten.
Das hat Gründe, wie eine Befragung der Public-Relations-Agentur Burson-Marsteller zeigt. Nach Ansicht deutscher Firmenchefs liegt der Anteil, den ihre Person zum Ansehen der Firma beiträgt, bei 64 Prozent, US-CEOs gehen immerhin noch von 48 Prozent Eigenanteil am Image ihres Unternehmens aus. Die Versuchung ist also groß, sich mehr als charismatische Werbefigur denn als nüchterner Kaufmann zu sehen. Von PR-Beratern werden sie dabei natürlich nicht gebremst. Burson-Marsteller-Chef Chet Burchett: "CEOs haben die Möglichkeit, ihrem Unternehmen Wettbewerbvorteile zu verschaffen, wenn sie dieses Kapital (ihren Einfluss auf das Ansehen der Firma, Anm. d. Red.) aggressiv einsetzen."
Doch die Berater von Burson-Marsteller haben in einer anderen Studie auch herausgefunden, was der wichtigste Faktor für das Image eines CEOs ist: seine Glaubwürdigkeit.