Reiche Aufsteiger Indiens neue Maharadschas
Hamburg - Der 20. Juni war ein angenehmer Tag für Aktionäre indischer Unternehmen. Der Sensex-Index der Börse Mumbai übersprang zum ersten Mal die Marke von 7000 Punkten. Auslöser der Rallye waren weder gute Konjunkturaussichten noch die Ansiedelung eines westlichen Großkonzerns - beides ist in der indischen Boomwirtschaft an der Tagesordnung. Tatsächlich stiegen die Kurse, weil die Unternehmer Mukesh und Anil Ambani eine jahrelang schwelende Bruderfehde geschlichtet hatten.
Die beiden milliardenschweren Erben des Industriekonglomerates Reliance hatten sich einen Streit um die Vorherrschaft im Konzern geliefert. Ihr Vater Dhirubhai Ambani war 2002 gestorben, hatte aber kein Testament hinterlassen. Reliance ist in Schlüsselbranchen wie Öl, Energie und Telekommunikation aktiv - deshalb erschütterte der Machtkampf die gesamte Ökonomie des Subkontinents.
Ein Erbfolgekrieg um Unternehmen kann sich in Indien jederzeit wiederholen. Die Wirtschaft wächst zwar mit Raten, von denen der Westen nur träumen kann, und prescht in Zukunftsbranchen wie Biotechnologie und IT an die Weltspitze - sie wird aber noch immer von Patriarchen und ihren Familien dominiert.
Rund 450 der 500 größten indischen Firmen werden von Clans beherrscht. Viele haben im letzten Jahrzehnt beträchtliche Reichtümer angehäuft. Das US-Magazin "Forbes" publizierte denn auch jüngst erstmals eine gesonderte Rangliste der 40 reichsten Inder. Hierzulande sind die neuen Maharadschas noch weitgehend unbekannt - SPIEGEL ONLINE stellt daher einige der wichtigsten Unternehmensherrscher aus der Clan-Ökonomie vor.
Vor allem in zwei Industriesektoren rollen indische Unternehmer die Weltmärkte auf: Software und Pharma. Azim Premji und Narayan Murthy locken westliche IT-Konzernen mit günstigen Outsourcing-Diensten und haben ihre Unternehmen Wipro und Infosys damit zu globalen Schwergewichten geformt. Kiran Mazumdar-Shaw hat es mit ihrem Unternehmen Biocon, das noch vor 25 Jahren nur simple Enzyme synthetisierte, inzwischen zu reichsten Frau Südasiens gebracht.
"Dieses Ziel, besser zu sein"
Auch in der Old Economy haben Inder mit Hartnäckigkeit Großes erreicht. Lakshmi Mittal verdient sein Geld mit Stahl und zählt laut "Forbes" zu den fünf reichsten Menschen des Planeten - er sanierte in kurzer Zeit scheinbar marode Stahlhütten, die deutsche, amerikanische oder japanische Konzerne für unrettbar erklärt hatten. Der Selfmade-Milliardär Naresh Goyal kauft reihenweise Flugzeuge für seine Airline Jet Airways und expandiert inzwischen auch auf Routen in Auslandsziele wie Singapur und London.
Die Industriekapitäne profitieren dabei von der Liberalisierung der früher pseudosozalistisch gegängelten indischen Wirtschaft. In den vergangenen drei Jahren wuchs die Volkswirtschaft im Schnitt mit Raten von 6,5 Prozent pro Jahr. Das Aktienkapital an der Börse hat sich seit 2000 auf 340 Milliarden Dollar verdoppelt. Der Aufschwung ist in Metropolen wie Delhi, Bangalore oder Mumbai auch in Internet-Cafés und neuen Einkaufs-Malls zu besichtigen. Selbst der 15-Millionen-Moloch Kalkutta - von Günter Grass einst boshaft "ein Haufen Scheiße, wo Gott ihn fallen ließ" genannt - entfaltet wirtschaftliche Dynamik.
Manche indischen Entrepreneure nehmen sich schon vor, die einstigen Kolonialherren aus Europa zu übertrumpfen. "Uns alle treibt dieses Ziel an", erklärt die Biotech-Millionärin Mazumdar-Shaw jüngst in einem Magazin-Interview: "Besser sein als der Westen."